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14.08.2019, Jamal Tuschick

Darren McGarvey berichtet in „Armutssafari“ „von der Wut der abgehängten Unterschicht“ in Großbritannien.

Auf dem Plateau der Metaebene

Eingebetteter Medieninhalt

Es gibt nicht nur eine praktische Dimension der Gewalt, sondern auch eine performative. Im Strafvollzug Gefangene beachten oft lediglich „den Kontext der Gewalt“, wenn sie dessen theatralischen Aspekten huldigen und der Suggestion Raum geben, im Streit um eine Scheibe Toast vor Mord nicht zurückzuschrecken. Die Selbst-Pathologisierung der Person ist ein alter Knasttrick. Wilhelm Genazino schreibt irgendwo dem Sinn nach: Man müsse das, was man sein wolle, erst einmal spielen; die Figur spielend einüben. Erst spielt man den Irren, dann verkörpert man ihn besser als jeder Minetti es je fertigbrachte, und schließlich ist man der Irre mit dem scharfgeschliffenen Zahnbürstenstiel im Anschlag. Das resümiert Darren McGarvey in seiner Kampfschrift „Armutssafari“.

Darren McGarvey, „Armutssafari. Von der Wut der abgehängten Unterschicht“, aus dem Englischen von Klaus Beer, Luchterhand, 317 Seiten, 15,-

Ich glaube, die Erfahrungen die McGarvey als musikpädagogischer Autodidakt und Workshop-Leiter in geschlossenen Anstalten gesammelt hat, gingen ihm auch deshalb so unter die Haut (waren auch deshalb für ihn so anregend), weil er sich selbst in manchen Delinquenten spiegelte.

Das Hohe Haus des Bodensatzes ist das Gefängnis. Die Gesetze der Armutsparallelgesellschaften lassen sich so wenig mit den Gesetzen des Mittelstandes synchronisieren, dass sie oft wie Befehle einer Besatzungsmacht wirken. Die Ablehnung der Polizei ist übrigens auch theatralisch.

Die alte Devise lautet bis zum jüngsten Tag: Bulle oder Bruch.

In dieser Umgebung wird ein dem gesellschaftlichen Wohlsein förderliches Verhalten als unstatthafte Unterwürfigkeit gedeutet; als ein Überlaufen. Der Glasgower Straßenjunge McGarvey hat diese Sendung so verinnerlicht, dass ihm auf dem Plateau der Metaebene zu den dysfunktionalen Lösungen der sozial Versprengten schwindlig wird.

Die Ich-bin-einer-von-euch-Attitüde erscheint auch deshalb kurios, weil der bekennende Nichtleser McGarvey nicht damit rechnen kann, von den Helden seiner Geschichten gelesen zu werden.

Wie vermutlich alle Gewalterfahrenen wurde der Autor als Kind von Gewalt traumatisiert. Sie war allgegenwärtig und aufgerückt bis zu den letzten Stufen unter der Haustür. Jeder Gang zur Schule, jeder Gang über den Schulhof, jeder Müßiggang im Einkaufszentrum konnte in einen Spießrutenlauf übergehen. Der permanent im Überlebensmodus geschaltete Körper reagierte auf die Überforderung mit Abspaltungen. Dass, was sich manche für viel Geld als Anti-Stress-Training gönnen, kriegte Darren für umme.

Der Autor bilanziert: „Gewaltakte sind furchteinflößend, aber eine anhaltende Gewaltandrohung ist noch schlimmer.“

Jeder andere hätte an dieser Stelle neurobiologisches Chichi eingestreut, McGarvey bleibt gerade und weicht nicht von den Strecken des erinnerten Grauens. Ich habe in meinen aktiven Jahren gern erzählt, dass mir nirgendwo auf der Welt eine solche Härte entgegengeschlagen ist wie in dem Brennpunkt meiner Kindheit. In einem feindlichen Viertel nahe meiner Siedlung lebte eine Familie ganz nach ihren eigenen Regeln. Zahlreiche Brüder traten als Zuhälter ihrer Schwestern auf; der Bordellbetrieb ging in der elterlichen Wohnung über die Bühne. Jeder einzelne war ein Hulk. Ihre Besuche meiner Siedlung lösten bei jungen Männern Panik aus. In comichaften Szenen stoben sie auseinander und spritzten durch die Gegend so wie nicht selten ihre Zähne. Unter solchen Umständen konnte sich die Idee von einer dem Faustrecht Einhalt gebietenden Polizei nicht festsetzen.

Ich erinnere meine Ratlosigkeit. Karate reichte nicht. McGarvey beschreibt eine vergleichbare Irritation. Für ihn wurde die mit einem Brotmesser hinter ihm herjagende Mutter zum „Monster eines Albtraums“, als er fünf war.

Bald mehr.  

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