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17.08.2019, Jamal Tuschick

„Trinken ist Kampf.“ Mit dieser Feststellung schließt Krabbe zu dem Urteil „Die Kunst ist ein Arschloch auf“. Krabbe gehört zum Freundeskreis der Geschwister Marie und Lukas, die das Glück haben, in München gemeinsam erwachsen zu werden.

Die Kunst ist ein Arschloch

„In Limbo“ heißt auch ein Lied von Radiohead

Eingebetteter Medieninhalt

Geschwister geben in Désirée Opelas ersten Roman den Ton an. Marie kassiert bei Rewe, Lukas studiert Architektur und absolviert eben ein Praktikum. Die Eltern halten sich gerade und heraus aus dem Leben der Nachkommenden, die Mutter hat wohl einen Liebhaber. In der Handlungsgegenwart zieht sie Freude aus dem Umstand, wieder in die Kleider zu passen, mit denen sie vor Jahrzehnten ihren Bestand aufstockte. In einer Nachmittagsszene ignoriert sie, vom Fensterdreck überwältigt, das Familienleben. Ihr Spielraum schrumpft in der Zwanghaftigkeit. Jetzt will sie nur noch putzen.

Désirée Opela, „In Limbo“ Roman, Faber & Faber, 119 Seiten, 20,-

Der Vater kocht besonders gern und gut Apfelmus ein. Wie durch ein Bullauge sieht man ihn befasst mit einer Batterie aus Einweckgläsern. Auf den Regalbrettern, ich flechte unbehandeltes Fichtenholz ein, bilden Etiketten einen Schriftzug, der die Zusätze Zimt, Marzipan und Zitronenmelisse anzeigt. Das Glück verrät sich in solchen Aufzählungen. Doch woher soll man das wissen, wenn jeder Gang um die Häuser das Herz anstößt und die beliebigste Beobachtung das Universum einspannt.  

Ein Trauerband verbindet Marie mit Jule, die erhöht und fiebrig in der Erinnerung weiterlebt.

Jule konnte schöner rauchen als die Schauspielerinnen im französischen Kino.

„Der Anblick von Jules erhitzten Wangen war eine Art flimmernde Epiphanie.“

Epiphanie macht gerade Karriere im deutschen Roman. Ich weiß nicht, wer das Wort vom Speicher geholt hat. In Opelas Debüt erscheint es in einer Sphäre zwischen Gedankenrausch, städtischen Naturerlebnissen und den ersten Schritten der Selbständigkeit. Schwester und Bruder verwandeln die Münchner Topografie ihrer Vergangenheit in Zukunft. Die überlebten Schulwege deuten sie zu Startbahnen um.

Lukas lebt im Bann der Anziehungskraft von Zoë. Er nutzt die Effekte der „Müdigkeitsüberreizung“, um sein Dasein zu peppen. Dann fällt er wieder ins studentische Gleisbett zurück und beschränkt sich auf einen Gin Tonic im Freundeskreis.

„Die Kunst ist ein Arschloch.“ „Trinken ist Kampf.“ Namensschilder vermitteln Wichtigkeit. Das sind Feststellungen, die im Roman getroffen werden. Der Titel zitiert nicht nur Radiohead, sondern auch Dante. Limbus bezeichnet die Vorhölle. Im äußersten Höllenkreis erleiden unschuldig schuldig gewordene Seelen ihren Ausschluss vom Himmelreich. Das beschreibt gar nicht so schlecht eine adoleszente Zwischenlage. Zwar unterliegen Opelas Held*innen der landeshauptstädtischen Gravitation, aber zumindest ihre Devise lautet: „Maximaler Widerstand gegen die Gewohnheit.“

Opela schildert keinen Canyon der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Geschwister und ihre Freunde reihen sich ein. Die Anpassung geht als Party über die Bühne. Ich nenne eine Reihe jugendevidenter Romane, zu denen „In Limbo“ aufschließt: „Unter Null“ (Bret Easton Ellis), „Faserland“ (Christian Kracht) und „Könige über dem Ozean“ (Helmut Krausser). Opelas erster Roman ist genauso zutreffend wie die genannten Titel.

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