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17.08.2019, Jamal Tuschick

„Während sich zwischen 2000 und 2010 die Gehälter in den deutschen Vorstandsetagen mehr als verdoppelten, lebt der Großteil der Arbeitnehmer inzwischen von der Hand in den Mund.“ Daran erinnert Daniel Goffart in seiner Bilanz „Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“. Goffart sieht uns Zeitgenoss*innen auf dem Grat einer Zeitenwende. Was sich von der Vergangenheit in die Gegenwart gerettet hat, ist von Disruption bedroht.

Digitaler Tsunami

Man hat es versäumt, die Babyboomer als Generation Container in die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte einziehen zu lassen. Eine Parade des (vergleichsweise leicht behebbaren) Mangels schloss sich dem Siegeszug der Leichtbauweise an. Jede Kommune verzweifelte in den 1960/70er Jahren am Bedarf und besserte im Containerstil nach. Die Kinderrepublik Westdeutschland platzte aus allen Nähten. Jeder Hort war überfüllt. Überall bildeten sich Schlangen.

Pensionierte, einst von Hitler persönlich in den Dienst gestellte Handarbeitslehrerinnen wurden reaktiviert, um in den neuen Krachern der Bildungsreform zu verdampfen. Das war egal, hatten doch die Zukunftsfähigen die beste Zukunft aller Zeiten vor Augen. Die Renten waren sicher und das Gesundheitswesen war kostenlos. In der Willy Brandt Ära erreichte der deutsche Wohlfahrtsstaat das skandinavische Niveau. Im Erfolg von Ikea offenbarte sich jene Ästhetik zwischen Prosperität und Pazifismus, die zur Epochensignatur avancierte. Helmut Schmidt begriff sich als Vorsitzender der Deutschland AG. Das war zunächst eine dem nationalistischen Pathos widersprechende Distanzformel, die sich dann aber verselbständigte.

„Ende der Neunzigerjahre wurde die Deutschland AG zerschlagen.“ Ein informelles Konsortium kollabierte. Mit ihm „verschwand das ausbalancierte und konsensorientierte Modell des rheinischen Kapitalismus … An seine Stelle trat das Diktat des Shareholder Value.“

Der Niedergang von Mannesmann war das Menetekel.

Daran erinnert Daniel Goffart in seiner Bilanz „Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“. Goffart sieht uns Zeitgenoss*innen auf dem Grat einer Zeitenwende. Was sich von der Vergangenheit in die Gegenwart gerettet hat, ist von Disruption bedroht.

Daniel Goffart, „Das Ende der Mittelschicht. Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“, Berlin Verlag, 399 Seiten, 22,-

Nur die Reichen profitieren von den Verwerfungen. Der Mittelstand verkrallt sich an der Peripherie einer sozialen Sahelzone in einem Staat, der sich auf die Außenlinien bloßer Grundversorgung auf der Agenda – 2010 – Grundlage zurückgezogen hat. Vielleicht versucht der Staat da auf Kosten seiner Bürger*innen zu überleben – in der Hoffnung noch einem für eine im globalen Wettbewerb geschmiedete Gladiatorenklasse attraktiv zu werden. Breitensport unter Leistungssportbedingungen.   

Goffart schreibt: „Obwohl wir seit Jahren ein konjunkturelles Dauerhoch erleben und uns über Rekordbeschäftigung freuen, blicken immer mehr Bürger sorgenvoll in die Zukunft.“  

Goffart erklärt das Phänomen auch mit der institutionalisierten Konsensbereitschaft aller relevanten gesellschaftlichen Kräfte. Der Mittelstand hat sich ins Aus moderieren lassen. Da kondensiert er seiner Bedeutungslosigkeit entgegen. So sehen Exportweltmeister aus.

Goffart bringt die Misere auf den Punkt:

„Während sich zwischen 2000 und 2010 die Gehälter in den deutschen Vorstandsetagen mehr als verdoppelten, lebt der Großteil der Arbeitnehmer inzwischen von der Hand in den Mund.“

Opfer der Ungleichzeitigkeit

Vermögensbildung kann unter solchen Bedingungen nicht stattfinden. Für die weitgehend abgesprengte Generation Container ist das auch deshalb kurios, weil ihre Eltern unter umgekehrten Vorzeichen Vermögensbildung betreiben konnten: nach den Regeln eines moderierten Verteilungskampfes, mit denen der Klassenkampf vereitelt wurde. Mein Vater sagte gern: „Die Kommunisten wollen Revolution, wir Sozialdemokraten wollen Evolution.“

Am Ende dieser Evolution kämpft sich jene Schicht in den Untergang, deren Sedimentstifter für ein Reihenhaus am Stadtrand dem Kapital den Rücken einst freihielten. Schon damals schmolzen Bastionen des Handwerks wie heute Gletscher schmelzen. Ich erinnere an das Hauruckende der Drucker mit der Einführung des Offsetdrucks. Zehn Jahre später waren die Sekretärinnen in den Redaktionen weg. Man sah sich dann noch manchmal in den Kneipen. Die im Krieg geborenen Helgas und Monikas rauchten durch die Bank und saßen jede vor einem persönlichen Aschenbecher wie aufgereiht am Tresen. Sie hatten in Trümmern geträumt, ihren Helmut oder Wolfgang in Weiß geheiratet, Babyboomer in die Welt gesetzt und in Frottee gehüllt, Einzüge in Fertighäusern gefeiert und alldieweil SPD gewählt. In ihren Selbstvermessungen zählten sie sich zum Mittelstand.

Sie waren die ersten Opfer des „digitalen Tsunami“, die ich wahrnahm. Schon vor dreißig Jahren war klar, dass man sie nicht mehr nach einem Schema des industriellen Zeitalters umsetzen konnte; nach den Devisen der Umstiege von Dampf- auf E-Lok. Goffart nennt die Erben der Sekretärinnen-Schicksale „Opfer der Ungleichzeitigkeit“. Aber auch die in Arbeitsprozessen Verbleibenden erleiden im Zuge einer Mutation vom Arbeitnehmer zum „Projektteilnehmer“ Entfremdungserfahrungen. Sie vergrößern das Heer der strukturell Überflüssigen auch noch mit den Insignien des Angestellten.

Bald mehr.

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