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18.08.2019, Jamal Tuschick

Vorgestern Abend trat Martin Wimmer in der Berliner Tucholsky Buchhandlung als Autor und Aktivist auf. Mit ihm diskutierten die Aktivistinnen Claudia Langer und Rosina Koch.

Frisches Hirn

Rosina Koch, Claudia Langer, Martin Wimmer

Sie ist ein Motor der Zivilgesellschaft im Kampf gegen Rechts. Claudia Langer, Gründerin der Internetplattform Utopia.de und der Generationen Stiftung, postuliert: „Vergessen Sie Online-Petitionen. Gehen Sie auf die Straße.“

Die Aktivistin hat eine Vergangenheit als Werberin, für die sie sich nicht schämt.

„Werbung kann Spaß machen“, erklärte sie in der gut besuchten Tucholsky Buchhandlung bei einer Veranstaltung zwischen Lesung und Debatte. Der Diskussionscharakter dominierte das Geschehen in der Konsequenz wiederholter Aufforderungen:

Intervenieren Sie. Steigen Sie ein. Beteiligen Sie sich.

Viele ließen sich das nicht zweimal sagen.

Kontroverse Lebhaftigkeit

Trotzdem kam die Kunst in der kontroversen Lebhaftigkeit nicht zu kurz. Martin Wimmer las u.a. aus seinem jüngsten kulturpolitischen Essayband - Herr Bauke schmiert sich ein Brot. Er stellte fest: Das XXI. Jahrhundert fällt aus allen bekannten Erklärungsmustern. Es funktioniert anders als die Nachkriegszeit im letzten Jahrtausend.   

Wimmer vereint ein Dutzend Talente auf seine Person. Er liebt Herausforderungen. Seit April 2019 amtiert Wimmer als Chief Digital Officer (CDO) im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). Das hält ihn nicht davon ab, in einem Spektrum zwischen Kulturpolitik, Kunstproduktion und Aktivismus hyperaktiv zu sein.

Ich zitiere aus der Vita:

Berufliche Stationen seit Januar 1997 in München, Ulm und Paris als internationaler Top-Manager mit den Schwerpunkten Change Communications und Digital Transformation für DDB / Heye / PRint / McDonald’s, bei Ratiopharm und schließlich bis Ende Juni 2012 als Leitender Angestellter bei Siemens / Atos. Von 2012 bis März 2018 arbeitete Wimmer bei der Stadt Frankfurt als Leiter des Amtes des Oberbürgermeisters, im Anschluss war er bis März 2019 Leiter des Frankfurter Haupstadtbüros in Berlin. Pressestimmen siehe hier: Die Frankfurter Presse über Martin Wimmer.

Mit „Ich bin der neue Hilmar und trauriger als Townes“ veröffentlichte Wimmer 2016 beim renommierten Weissbooks Verlag ein vielbeachtetes Buch mit dem Untertitel „Die Kulturgeschichte der deutsch-texanischen Beziehungen, die Poetikvorlesung eines leidenschaftlichen Sprachspielers, eine politische Autobiographie, abenteuerliche Rezensionsreisen zu Songs, Filmen und Büchern, und vor allem ein Plädoyer für ein wildes, freies Leben voller Liebe“.

Wimmers donnerndes Wesen fand in Langers zwischen Verve und Vehemenz oszillierendem Auftritt eine ideale Entsprechung. Die beiden lieben sich auch außerhalb der Öffnungszeiten ihrer Showrooms, seit sie als Sturmspitzen konkurrierender Reklame-Agenturen in München die größten Kampagnen leiteten. Sie radikalisierten sich gemeinsam zu einem wiederum gemeinsam leidenschaftlich favorisierten Countrymusic-Soundtrack. Koch sorgte dafür, dass die Harmonie nicht ins Kraut schoss. Sie erkannte in Wimmer den Prototypen des alten weißen Mannes, der überall die Wege zu einer innovativen Politik verstellt.

Wimmer erinnerte daran, dass die Welt schon einmal weiter war als im Akut der panischen Jetztzeit. Er riet zur Entspannung und zum Verzicht auf Galgenhumor. Er prägte den Satz:

„Wir sollten Andersdenkende zu uns einladen und sie nicht als Idioten abstempeln.“

Koch konterte: „Siehst du dich selbst als Idioten?“

Wimmer verzog keine Miene.

„Gute Frage“, sagte er. Man sah ihn Zeit schinden. Ein paar Mal musste Wimmer zur geistigen Doppeldeckung sowie zu rettenden Allgemeinplätzen Zuflucht nehmen, um der beinah maschinenhaften, in jedem Fall sehr mechanischen Angriffsrhetorik in die Sicherheit eines größeren Abstands zu entgehen. Seine Versuche, zu fraternisieren und sich als Überläufer dem juvenilen Übermut und aller Petulanz zu ergeben, wurden abgewiesen. Koch machte keine Gefangenen. Sie bezweifelte, dass Kulturpolitik „als gesellschaftliches Schmiermittel“ wirkt.

Wimmers Plädoyer für die repräsentative Demokratie (zur Abwehr etwa der Todesstrafe und anderer garantierter plebiszitärer Durchbrechungen unseres zivilen Standards) ließ Koch kalt. Sie hat die Straße entdeckt und will „neue Strukturen“ in den Arenen des Außerparlamentarismus ausprobieren. Die Einladungen des alten weißen Mannes neben ihr, der sich so wunderbar anführungszeichenlos degradieren lässt, schlug sie aus. Auch im Publikum schlugen die Wellen hoch und brandeten gegen Wimmers im Grunde sozialdemokratische Weltauffassung. Der Klimawandel verlange eine Radikalität, die es in der verfassten Politik nicht gäbe. Der Subtext lautete: Die Demokratie ist zu langsam. In dieses Horn stieß auch eine Zuhörerin an der Schwelle zum Greisenalter. Ich dachte, du brauchst unsere auch noch die letzte Heulerin mitnehmende Ordnung so viel nötiger als einen Klimaaufstand, bei dem du zu Tode geschleift werden könntest, ohne dass das irgendwer bemerken würde.

Wimmer las dann noch ein Gedicht, das in Frankfurt als Kollaboration mit einem Städel-Absolventen entstanden ist. Es basiert auf Woody Guthries This Land Is Your Land. Es reimt sich von Mein Summen zu Dein Verstummen; von Promotion zu Mindestlohn. Wimmer sagte dazu etwas Kostbares. Kunst kommt aus Generationserfahrungen und ist für Nachkommende oft nicht mehr zu dekodieren. Vielleicht finden sie einen eigenen Zugang. Wahrscheinlicher ist, dass sie die Sachen ihrer Vorgänger*innen links liegen lassen. Oder, um es mit Rosina Koch zu sagen:

„Du weißt viel. Ich denke frisch.“

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