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19.08.2019, Jamal Tuschick

Sie gefallen sich nicht, so „weiß, männlich, erbärmlich“. In „Alle wollen was erleben“ erzählt Fabian Hischmann von Leuten, die fürchten, als „verklemmte cis Mann“ Arschlöcher wahrgenommen zu werden.

Streckenstörung

Eingebetteter Medieninhalt

Lange glaubte ich, es gäbe nichts Neues unter der Sonne seit der Bibelgenese. In diesem Kontext lässt sich etwa der Klimawandel in der saturierten Gegenwart des globalen Nordens apokalyptisch als kommende Sintflut lesen. In all ihren Jahrgängen erkannte ich alten Wein in neuen Schläuchen, soweit es die neue deutsche Literatur betraf. Dann las ich Fabian Hischmanns Erzählung „Alaska“ und stieß auf die Frage:

„Hältst du mich für ein verklemmtes cis Mann Arschloch?“

Das befürchtet Simon zu sein. Gerade hat er Raja kennengelernt. Sie bewährt sich in ihrer Unbefangenheit gegenüber der in geschlechtsangleichenden Prozessen mit diesem und jenem laborierenden Sophie, die einst als Benedykt von Agnes und Rainer adoptiert wurde, und viel später mit starkem Bartwuchs Simons Neid erregte.  

Fabian Hischmann, „Alle wollen was erleben“, Erzählungen, Berlin Verlag 174 Seiten, 18,-

Simon verlor seinen Freund Ben an Sophie, die mit allen Mitteln ihre maskuline Fassade zum Einsturz gebracht hat, und davon träumt, für Simon attraktiv zu sein. In der Gegenwart des Geschehens besuchen sie Sophies Adoptivmutter und deren neuen Lebensgefährten in Österreich.

Auf einer Folie der Relevanz ergibt sich folgende, von äußeren Umständen im Spektrum der Liebe und des Todes verschleierte Konstellation: Ben kehrt als Sophie heim zu Agnes und fragt sich, ob das gut geht. Hischmann schneidert der Normalität ein zeitgenössisches Kleid. In dieser Normalität vertritt Simon seine Interessen defensiv. Die Freiwilligkeit seiner Zurückhaltung ergibt sich aus einem vom Erzähler kunstvoll herausgeschälten Benefit.  

Ein paar Geschichten weiter äußert sich ein sich selbst ansprechendes Du im nächtlichen Alkoholnebel. Auf dem Weg zu einem Strandbad erinnert es sich an eine ähnliche Szene vor Jahren. Aus der Selbstansprache wird eine übergeordnete Erzählinstanz:

„Ihr zieht euch aus.“

Um es im Duktus der Titelgeschichte „Alle wollen was erleben“ zu sagen: Du hast was erlebt, das über deine Kraft ging. Du bist getürmt. Deine Mutter fehlt dir, dein Vater hat den Freiwillige-Hilfe-Aktivismus „von Anfang an ein für eine dumme Idee gehalten“. Jetzt flirtest du mit einem Deutschen auf der Schweizer Rheinseite.

„Ihr zieht euch aus. Er ist weiß, er leuchtet fast.“

Es stellt sich die Frage:

„Warum haben wir das überhaupt gemacht.“

Die Antwort erscheint als durchgängige Überschrift.

Hischmanns Geschichten gleichen mit viel Liebe und Eigensinn hergerichtete Lauben, in denen Spezialitäten angeboten werden, die man nicht auf seiner Liste hatte. Manche passiert man ignorant in Erwartung größerer Sensationen und merkwürdigerer Schattenwürfe im Voraus. Manchmal steckt man den Kopf in ein Halbdunkel … in so eine sizilianisch-insulare Bed & Breakfast-Höhle, die einer Freundschaft als Schmiede diente, die in einem von einer Streckenstörung lahmgelegten Berliner S-Bahnwagen einst begann.

Alba – Lauro – David – Chris.  

„David unterstützte Alba in der Küche …“

Alba und Lauro bestätigen sich ihre Liebe mit einem Kind. David und Chris erwägen die Ehe. Auf Umwegen erzählt Hischmann von einem Liebesaus mit unklaren Ursachen.

Weiße Erbärmlichkeit

Der Autor spekuliert auf die Rahmenbedingungen der Verzweiflung. Ein in der dritten Generation dynastisch waltender Bäcker weiß, dass nach ihm Schluss sein wird mit der melancholischen Monotonie in der von Familiengerüchen imprägnierten Backstube. Seine Frau kann keine Kinder kriegen. Die Schere ihrer Unfruchtbarkeit schneidet Traditionslinien ab. Ein Erzählfaden endet.

Öfter geht es um abgebrochene Anfänge. Hischmanns Protagonist*innen stehen unter dem Wohlstandsdruck der ersten Welt. Sie kämpfen um ihre Skepsis, um die Würde des kritischen Abstands. Sie gefallen sich nicht, so „weiß, männlich, erbärmlich“. Die jederzeit objektivierbaren Selbstzuschreibungen lösen Scham aus.

Die guten Typen von gestern sind die Arschlöcher von heute. Das ist eine von Hischmanns Botschaften. Seine Protagonist*innen erreichen eine Art Schwerelosigkeit. Sie kursieren ohne innere und äußere Einrichtungen als divers flottierende Zeitgenossen; mitunter gegen ihren Willen zu Experimenten gezwungen. Gemeinsam ist ihnen ein Grundbass der Wut. Auch scheinen sie keine Vorgänger*innen zu haben; so als wären sie bis eben in einem Nebentreppenhaus des Lebens eingeschlossen gewesen.

Vielleicht ist es das. Die Decken der Vergangenheit und des Verlässlichen sind dünn. In Hischmanns Geschichten gibt es nur Anstiche des Vertrauens.

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