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20.08.2019, Jamal Tuschick

In „Weißer Asphalt“ erzählt Tobias Wilhelm eine alte Geschichte neu. Sein namenloser Held absolviert eine kriminelle Straßenkarriere wie ferngesteuert oder mondsüchtig. Er schlägt die Chancen seiner Intelligenz aus, um mit den Wölfen zu heulen, eher noch mit den letzten Heulern auf Rheinmain.

Die Kompetenz des Kantholzes

Vor einer Massenschlägerei wird dem Erzähler übel. Ich erlebe seine Übelkeit, so eindringlich ist die Schilderung. Tobias Wilhelm verzichtet auf jede Effekthascherei. Er erzeugt keine Intensität auf Gewaltbasis. Die Prosa segelt wie ein Windjammer durch die Spannungsbögen. Am Ende ist einer so gut wie tot. Er wurde so kunstlos zusammengeschlagen wie es dem Komment der Banden entspricht. Man setzt auf die Kompetenz des Kantholzes. Das Prinzip heißt Abschreckung durch Einschüchterung. Den Revierkampf halbwegs unblessiert überstanden haben von den Nennenswerten Fabio, Sascha, der Erzähler - und Marc. Der bullige Homie teilt sein Zimmer mit einem kaum dem Säuglingsalter entwachsenen Bruder.

Tobias Wilhelm, „Weißer Asphalt“, Roman, hanserblau, 187 Seiten, 16,-

Erwischt hat es Ariano. Der Rekonvaleszent distanziert sich von den Freunden. Er zeigt sich verhaltensauffällig. Während alle damit rechnen, dass Ariano, angetrieben von der Angst vor Reputationsverlust, schließlich hat man ihn vom Asphalt gekratzt, zur Wiederherstellung seiner Straßenglaubwürdigkeit umgehend die Konfrontation mit dem Feind sucht, geht er auf Schmusekurs. Ein Vertrag kommt zustande in der Dualität von Angebot und Annahme. Eine Invitatio ad offerendum in einem Burger King irgendwo im Rheinmaindelta findet Gehör bei Leuten, die ab einem bestimmten Grad funktionaler Gegenwehr automatisch bündnisfreudig werden. Warum es sich schwer machen? Gibt doch genug, die sich einfach ergeben, wenn man vor ihren Augen sein Image poliert.

Wilhelm erzählt das so genau, dass sich mir das flaue Gefühl in der Magengrube mitteilt, dass zu den Grundempfindungen des Erzählers gehört. Die Hände zittern, der ganze Mann flattert. Das ist kein schönes Leben; man hat die Axt im Hinterkopf als schönen Gruß von der Konkurrenz stets vor Augen; den Überfall als alltägliche Praxis, die Heimtücke, die es braucht, sich den Vorteil des Überraschungsmoments zu sichern, die Unzulänglichkeiten der eigenen, heruntergekommen geborenen Parteigänger*innen. Knast in den Knochen. Dealen für ein Auskommen. Halb süchtig, halb flüchtig. Der Vater gibt einem Alltag in Mostar den Vorzug, von einer Mutter ist nicht die Rede.

Immerhin geht der Erzähler mit einer Aussicht auf Abitur zur Schule.  

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