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21.08.2019, Jamal Tuschick

In seinem Roman „Alles richtig gemacht“ erzählt Gregor Sander von einem Ostberliner Anwalt in privaten Nöten. Piepenburg gerät in den Sog seiner Vergangenheit.

Abenteuer der Freiheit

Eingebetteter Medieninhalt

In Lübars „blieb der weite Blick an der Mauer hängen“, solange die Mauer stand. Vermutlich galt für das Dorf nahe dem Tegeler Fließ damals schon, was Piepenburg, ein über Pankow hinaus eher unbewanderter Anwalt für Strafrecht, bemerkt.

„Lübars ist still. Ein kleines Dorf mit Reiterhöfen und einer Kirche in der Mitte.“

Den von Kiefern gesäumten Flecken im märkischen Sand an der nordöstlichen Stadtgrenze von Berlin lernt Piepenburg nur kennen, weil ein Mandant da wohnt. Der ursprünglich schwer kriminelle „Iwan“ Wiegels (ein dicker, voll tätowierter Sachse, der auch Thüringer sein könnte) ist schon vor Jahren auf legale Schweinereien umgestiegen; den Anwalt hat er in einer Wellness-Klinik untergebracht. Zum Angebot des Hauses gehört „Aktives Erwachen im Wald“.

Zwischen Luxusdiät und Pferdeapfelkompott

Piepenburg betrachtet das Programm mit urbaner Skepsis. Stundenlang könnte ich seine Stimmungen und das Auf und Ab zwischen Feldern, Hainen und Mooren, inklusive einer illegalen, anscheinend gewohnheitsrechtlich geduldeten Motocross-Strecke, referieren (ich kenne die Gegend besser als der Autor), die leichten Irritationen eines Städters an der frischen Luft; so überzeugend stellt Gregor Sander den Helden in die Landschaft. Natürlich sitzt auf einem Ast der unvermeidliche Aktivist und bedroht mit seiner Erscheinung „den Lack der Porsches und Mercedes“; die von Wiegels angebotenen Zeitgeistgipfelbesteigungen muss man sich leisten können.

Gregor Sander, „Alles richtig gemacht“, Roman, Penguin Verlag, 239 Seiten, 20,-

Wiegels kopiert das russische Geschäftsmodell. Wie ein Oligarch empfängt er Piepenburg in der Sauna. Danach füllt er mit Schweinebraten und Mirabellenschnaps den Tank auf.

Sanders Schilderung schnurrt so vor sich hin. Nicht ein Viertel Riesling bleibt unerwähnt. Auf der Rückfahrt transportiert Piepenburg einen vermummten Schwarzfahrer im Volvo. Es folgt eine Rückblende auf gediegene Verhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik. Die extrem norddeutschen Eltern ignorierten den realexistierenden Sozialismus nach Kräften. Sie moussierten in der Kultur. Im Gegenlicht der halbheimlichen Bürgerlichkeit zeichnete sich die soziale Silhouette von Daniel ab. Interessant machte ihn auch eine F6 rauchende, den heranwachsenden Piepenburg erotisch anleuchtende Mutter. Jahre später sieht man sich wieder. Daniel wirkt viel verwegener als Piepenburg. Gemeinsam erinnern sich die Freunde an die Auflassungsphase der Republik, die sie noch geprägt hat. Sie haben diese Doppelprägung, die noch immer nicht gültig erzählt wurde.

Sander memoriert Abenteuer der Freiheit im Interim zwischen Abitur, der ersten eigenen Wohnung und der ersten Festanstellung. In der allgemeinen Untüchtigkeit tragen die einen lange Haare. Die anderen markieren sich mit polierten Schädeln. Sander notiert die Spielstände beim Katz-und-Maus-Rodeo in Berlin, Hamburg, Rostock und Jena. Der rassistische Veitstanz von Lichtenhagen liefert der Wut die Glut.

Die Perspektive ist ostdeutsch. Das heißt, man erinnert sich an ein anderes Früher und man erinnert sich anders an ein angeblich gemeinsames Früher (ab Neunundachtzig). 

Doch liegen die Herausforderungen der Umstellung, Anpassung und des Widerstands im Verhältnis zum Romangegenwartsgeschehen im Jahr des Heiligendammer G8-Gipfels in einem fast schon historischen Gestern. Piepenburg hat eine Familie, wenn auch nicht die Gewissheit einer gemeinsamen Zukunft. Jedenfalls gehören dazu eine abwesende Frau namens Stephanie und die dreizehnjährigen Zwillinge Miriam und Nina.

Ständig erscheint Piepenburg vor Gericht und spult da sein Repertoire ab. Ein lokalethnologisches Interesse bewahrt ihn vor der totalen Joblangeweile. Die schwerwiegenden und niederschlagenden Dinge passieren außerhalb des beruflichen Alltags.  

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