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22.08.2019, Jamal Tuschick

Tommy Orange macht gleich am Anfang seines Romans „Dort Dort“ klar, das nachträgliche Erklärungen, Entschuldigungen, Entschädigungen und Sonntagsreden weiter nichts als einen Wall ergeben, der das Publikum vor der Einsicht abschirmt, dass ab 1492 ein unfassbares Blutvergießen der neuweltlichen politischen Praxis entsprach. In Amerika ging der Genozid auch deshalb in Serie, weil sich die ursprüngliche Bevölkerung mit Leistungsverweigerung gegen ihre Versklavung wehrte. Auf Haiti fand deshalb ein nahezu vollständiger Bevölkerungsaustausch statt. Man ersetzte die Haitianer mit Afrikanern.

Durchgeladener Plural

Eingebetteter Medieninhalt

„Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.“ Stalin

Die weiße Kolonisierung Amerikas war für die Ersten Nationen das, was für die Dinosaurier der Kometeneinschlag von Yucatán war. Indigene Völker (und Staaten) erlebten, wie ihre Basen wegbrachen. Sie wurden ausgelöscht, auch wenn es Überlebende gab. Allein in der anmaßenden Zuschreibung Indianer steckt jede Menge Rassismus. Die Weißen sahen sich nie genötigt, einen Irrtum zu korrigieren, der Kolumbus unterlief, als er sich auf Haiti in Westindien wähnte.

In Amerika ging zuerst der Genozid in Serie

Tommy Orange macht gleich am Anfang seines Romans klar, das nachträgliche Erklärungen, Entschuldigungen, Entschädigungen und Sonntagsreden weiter nichts als einen Wall ergeben, der das Publikum vor der Einsicht abschirmt, dass ab 1492 ein unfassbares Blutvergießen der politischen Praxis entsprach. In Amerika ging der Genozid auch deshalb in Serie, weil sich die ursprüngliche Bevölkerung mit Leistungsverweigerung gegen ihre Versklavung wehrte. Auf Haiti fand deshalb ein nahezu vollständiger Bevölkerungsaustausch statt. Man ersetzte die Haitianer mit Afrikanern.

Tommy Orange, „Dort Dort“, Roman, Deutsch von Hannes Meyer, Hanser, 284 Seiten, 22,-

Die Ersten Nationen von Amerika wurden zweimal ermordet. Physisch und kulturell. Erst die kulturelle Vernichtung sorgt dafür, dass sich kein Restbestand je wieder erholt. Wenn die Kultur eines Volkes zur Folklore absinkt und die historischen Eckdaten in einer Fremd- und Usurpatorensprache memoriert werden, ist das Tilgungswerk vollbracht.

Orange spricht zutreffend von einer „fünfhundertjährigen Völkermordkampagne“. Ein schöner Stolz spricht sich in seinem durchgeladenen Plural aus. Wir wissen, die Rede ist von einem Selbstverteidigungs-Wir - einem Schwestern- und Bruderschafts-Wir der Delegitimierten, die in Güterwaggondörfern hausen.

Die Idee der weißen „Indianerpolitik“ erschöpfte sich im Töten, bis man dazu überging, die Verbliebenen auf dem Angleichungsweg in den Stress einer unmöglichen Assimilierung zu schicken.

Orange formuliert es dem Sinn nach so: Auch wenn wir an einem Ort bleiben und verstädtern, ziehen unsere Erinnerungen doch weiter, so wie sie es von jeher tun. Der Autor riskiert eine Gleichsetzung von Stadt und Krieg. Die Kriegserfahrungen der Veteranen begünstig(t)en die Urbanisierung.

„Die Skyline von Oakland (ist) … uns heute vertrauter als jeder heilige Bergzug.“

Lauter Gezeichnete leben in der Maschinenwelt so anders als ihre Ahnen in den Auen des Angestammten. Da ist Tony Loneman, der mit einem fetalen Alkoholsyndrom geboren wurde, das er „Drom“ nennt. Sein Gesicht erzählt ihm in jedem Spiegel die Geschichte seiner Mutter. Auf der Suche nach Identität ist er dahingekommen, sich für einen Cheyenne zu halten, der sich mit „Weißendreck“ abgeben muss. Unter solchen Voraussetzungen kann Anpassung nur schief gehen.

Die Mutter verbüßt eine Haftstrafe, der Erzeuger weiß nichts von dem Sohn.

Secondhand Solutions von der Resterampe der weißen Suprematie und koinzidierende Metaphern

Da ist Dene Oxendene. Er macht die Kulturwelle, Dene kennt den Dreh. Als Laien-Ethnologe dokumentiert er den Alltag von Nachkommen der Ersten Nationen, die sich in Oakland niedergelassen haben.

Sehr schön finde ich den Satz:

„Gerade arbeite ich an etwas …, wofür man kaum Geld braucht.“

Viel Nachdenken gehört zur prekären Kreativität – Nachdenken statt Dealen. Dene hat sich ein paar Artigkeiten zurechtgelegt. Sie erinnern an die Ansprachen der Verkäufer*innen von Obdachlosenzeitungen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Dene erklärt auch den Titel als koinzidierende Metapher. Eine weiße Wahrnehmung von Oakland beklagt den Verlust jedweden Kindheits-Dort. Die Stadt am östlichen Ufer der San Francisco Bay ist berühmt für ihre US-antike Art-déco-Architektur. Trotzdem behauptet Zeugen, Oakland sei wie ein Acker umgegraben worden, so dass ein Eingeborener nach zwanzig Lebensjahren seine Stadt nicht wiedererkennen könne. Dene erkennt in dem Fazit nicht nur eine zutreffende Beschreibung dessen, was „den amerikanischen Ureinwohnern passiert ist“. Auch als in Oakland geborener Native erlebt er ein ortlos-steriles von hier als biografischen Ausgangspunkt. „Dort Dort“ geht auf eine (auf Oakland) gemünzte Feststellung von Gertrude Stein zurück: “there is no there there.”

Dene arbeitet mit dem Zitat. Er schildert so das überformte Ahnenland aus: Glas statt Grass, Beton statt Büffel, Draht statt Damhirsche, Stahl statt … Übrigens sind weiße Namen Machtdemonstrationen der Väter. Das lernt Opal Viola Victoria Bear Shield.

Bald mehr.     

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