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23.08.2019, Jamal Tuschick

In „Fragen, die mir zum Holocaust gestellt werden“ beantwortet Hédi Fried jene Fragen, die ihr am häufigsten gestellt wurden für das große Publikum jenseits der Klassenzimmer.

Es gibt keine dummen Fragen

Eingebetteter Medieninhalt

„Es gibt keine dummen Fragen.“

Mit diesem Selbstverständnis besucht Hédi Fried bis heute Schulen, um den Nachwuchs über den Holocaust aufzuklären.

„Es gibt keine dummen Fragen und auch keine verbotenen, das habe ich immer betont, aber auf manche Fragen gibt es keine Antwort.“

Hédi Fried, „Fragen, die mir zum Holocaust gestellt werden“, auf Deutsch von Susanne Dahmann, Dumont, 158 Seiten, 18,-

Es gehört eine Menge mehr als bloß Lebensmut dazu, sich immer wieder dem Schmerz der Erinnerung preiszugeben. Es ist eine Mission, die Fried antreibt. In der in Rede stehenden Publikation beantwortet sie jene Fragen, die ihr am häufigsten gestellt wurden für das große Publikum jenseits der Klassenzimmer.

Wieder und wieder erzählt sie von ihrem Glück im Unglück. Die in einer auch von Ungarn beanspruchten Region Rumäniens geborene Teilnehmerin am Grauen „gerät „erst in der letzten Phase des Krieges in die Hände der Deutschen“. Ausgeliefert wird sie von Ungarn, die als Usurpatoren gekommen sind.

Fried sieht der Deportation ihrer Familie ruhigen Mutes entgegen. Der für Deutschland ungünstige Kriegsverlauf erscheint unumkehrbar. Die Wehrmacht hat den Rückwärtsgang eingelegt. Die Rote Armee marschiert westwärts. Zur gleichen Zeit werden in Waggons, die „für acht Pferde“ gemacht wurden, „je hundert gepfercht“.

Bald trennt man Hédi Fried von ihren Eltern. Das ist die schlimmste Erfahrung ihres Lebens. Und so gehört der vorangegangene Text zu der Antwort auf die Frage:

„Was war das Schlimmste, was sie erlebt haben?“

Hitlers Hass auf die Juden stiftet die zweit häufigste Frage.

„Warum hasste Hitler die Juden?“

Fried geht in ihrer Antwort weit über Hitler hinaus. Sie zitiert ihren Vater, der ihr den Antisemitismus auch als die Folge einer Konkurrenz monotheistischer Religionen erklärte. Im Wettbewerb sei die Achtung auf der Strecke geblieben und böse Lügen zu unumstößlichen Wahrheiten erklärt worden. Hitler glaubte, die Juden bei der Erringung der Weltherrschaft auf der Grundlage der Protokolle der Weisen von Zion gestört zu haben. Seine Maßnahmen verstand er als Griff ins Rad der Geschichte. Fried meint, Hitlers Judenhass habe ihn mit einem Tunnelblick Krieg führen lassen.

„Als es kaum mehr Züge für (Truppentransporte) gab, mobilisierte er immer noch Waggons für die Deportation nach Auschwitz*.“

Die dritte Frage zielt auf Frieds Leben vor dem Krieg. Sie gestattet ein Aufatmen, einen Abstecher in die Normalität eines superdiversen Gemeinwesens. Doch als es ans Eingemachte geht, erweisen sich die smarten Varianten einer offenen Gesellschaft als Pusteblumen. Fried begreift die Ausbildungsangebote zum zivilen Kriegsdienst als Erweiterung ihres Radius. Sie will morsen lernen und deshalb Geheimnisträgerin bei der Post werden. Der Oberzusteller sagt:

„Ich nehme mal an, dass alle hier Rumänen sind.“

Die Lehrerin sah mich an und sagte zögernd:

„Nein, nicht alle.“

Die vierte Frage bietet ein brauchbares Beispiel wie die Selbst-Exkulpation der Deutschen nach dem Krieg eine in Generationen effektive Vermeidungsstrategie mit einer Tendenz zur Täter-Opfer-Umkehr stiftete. Sie lautet: „Wie konnte sich ein ganzes Volk hinter Hitler stellen?“ Frieds freundliche Antwort verfehlt die historische Wahrheit. Nicht zum ersten Mal behauptet sie:

„Trotz der wachsenden Zustimmung für Hitler war die breite Bevölkerung nicht antisemitisch.“

Wenn die Deutschen keine Antisemiten waren, was waren sie dann? *Jeder Reichsbahner, der nicht mit Auschwitz befasst war, kannte jemanden, der es war.  

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