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23.08.2019, Jamal Tuschick

Peter Kurzeck verlangte von seinen Erfindungen, dass sie Wirklichkeit wurden. Als der 1943 in Böhmen geborene und in Staufenberg bei Gießen aufgewachsene Schriftsteller 2013 starb, lagen von dem auf zwölf Bände angelegten Romanzyklus „Das alte Jahrhundert“ fünf vor. 2015 erfolgte die erste postume Zyklus-Erweiterung noch in Karl Dietrich Wolffs Stroemfeld/Roter Stern Verlag. Nun erscheint bei Schöffling & Co der siebte Band als Werk aus dem Nachlass. „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ …

Schreiben, um auf der Welt zu bleiben

Eingebetteter Medieninhalt

Der Titel führt leicht in die Irre. Die Handlung beginnt im März 1984, die ersten warmen Tage werden vom Erzähler persönlich begrüßt. Jahre zuvor hat er sein Leben als Trinker beendet, aber die schwarzen und die schillernden Erinnerungen an zwei mit Alkohol auf Abstand gehaltene Jahrzehnte wirken nach und liefern eine souveräne Textspur.  

Peter Kurzeck, „Der vorige Sommer und der Sommer davor“, Roman, Schöffling & Co, 651 Seiten, 32,-

Kurzeck war das Kind von Flüchtlingen. Er blieb Flüchtlingskind. Ein heimatloser Hesse.

Kurzeck ist Anfang der Achtziger kein junger Mann mehr. Die Lagerfeuer auf den ausgebrannten Bahnhöfen der Nachkriegsvertreibungsflucht aus einem verlorenen Osten sind in ihm nie erloschen. Er ist ein Flüchtling geblieben, einer, der sich durchschlägt; einer, der sich seine Gönner*innen mit Geschichten gewogen hält; einer, der Gönner*innen nötig hat in seiner Alltagsuntauglichkeit.   

Kurzecks Erzählgenauigkeit kommt aus einer Überforderung. Er leidet unter Reizüberflutung. Das Zuviel kanalisiert er mit sortierenden Schilderungen. Er verfährt so, wie Molly Bloom in dem Ulysses-Soliloquium. Er registriert, filtert, zerlegt, ornamentiert, frisiert und lotet aus. Er fängt immer wieder von Vorn an, auch in der Darlegung seines Unglücks.

Kurzeck lebte mit seiner Mutter zusammen im Behelf, bis an die Stelle der Mutter Sibylle trat. Mit ihr wagt er Ende der 1970er Jahre den Sprung aus der oberhessischen Prärie in das Babylon am Main. In Frankfurt kam Alexander Mitscherlich auf den Begriff von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“. Da ist die Erde kälter als der Mond. Frankfurt ist ein Haifischbecken, ein Spekulanten-Eldorado, die kapitalistischste Stadt Deutschlands. Ein sozialdemokratischer Bürgermeister, der als Dynamit-Rudi in die Geschichte eingehen wird, will ein Opernhaus und die westendlichen Gründerzeitvillen in die Luft sprengen lassen, um Raum zu schaffen für die hässlichste Architektur der Welt.

Kurzeck und Sibylle ziehen in ein nach studentischen Bedürfnissen tickendes Quartier. In Bockenheim herrscht alternatives Laissez-faire. Kurzeck lässt sich die Stimmungen gefallen; die milde Kiezbetriebstemperatur.   

„Noch zu früh für den Abend“ ist es im Elba, einer kalabrischen Honigfalle für den solventen Verbraucher; den Frankfurter Börsenbürger wie er im Buch steht.

Kurzeck zählt die Avernas seines Freundes Jürgen. Er leidet wie ein Hund unter der Trennung von Sibylle und der schleichenden Entfremdung von seiner Tochter Carina, die natürlich keine Entfremdung ist, da Kurzeck mit der Volllast seines Herzens dem Kinde sich nah hält. Auch Carina ist schon Nabelschnur und Strohhalm für den im Strom der Ereignisse ständig vom Ertrinken bedrohten Vater.

Obwohl sie ihn ausquartiert hat, lässt er sich von Sibylle noch immer die Tagestaten vorschreiben. Er notiert die gestickten Tiere auf dem Schlafanzug der Tochter, der er auf keinen Fall abhandenkommen darf.   

Der biografische Unfall macht Kurzeck produktiv. Man muss eine Verschwörermiene aufsetzen, um ihm mit dauernder Anteilnahme in alle Elendsecken folgen zu können. Im seinem Erzähluniversum wird der Armut ein Prachtkleid verpasst, mit Pailletten aus Skurrilität.

Trotzdem: Im Dreiundachtziger-Winter lag für den Schriftsteller das nächste Frühjahr ferner als der Tod

Kurzeck ließ gern den Eindruck entstehen, die Alltagskatastrophen führten ihre finsteren Schwänke allein zu seinem Erstaunen auf. Im Frühjahr Vierundachtzig hatte er einen schweren Winter hinter sich. Gegen Trennungsschmerz und Entsagung half nur: zu schreiben. „Ich schrieb jeden Tag … um auf der Welt zu bleiben.“

So entstand „Kein Frühling“. Der Roman gab dem nächsten Titel die Richtung an. Nach einer lange obsoleten Verlagsmitteilung eröffnete „Übers Eis“ einen auf vier Bände angelegten „autobiografischen Roman“, so als habe Kurzeck auch schon einmal etwas anderes erzählt als die eigene Geschichte.

Es gab eine Verbindung zwischen Kurzeck und mir, wir waren beide Schreiber der Frankfurter Romanfabrik. Der Preis ist, glaube ich, nur fünf Mal vergeben worden. Kurzeck hatte das mit Residenzpflichten verbundene Stipendium vor dem Verhungern bewahrt. Er war immer kurz davor, zu verhungern. Kurzeck war ein manischer Sprecher, im Vortrag fand er zu seinem Text. Er prüfte die Wirkung von Darstellungen. Wie etwas ankam. Ein Wort, eine Staufenberger Szene - Kurzeck verlangte von seinen Erfindungen, dass sie Wirklichkeit wurden. Insofern war er Gott nah. Die Leute glaubten ihm, sie nahmen an, was er sagte. Das war wie ein Patent.

Vielleicht lachte er sich manchmal in die Faust.

Ab und zu wanderten wir gemeinsam in der Wetterau. Zum Schluss landeten wir stets im Club Voltaire. Ich kam selten zu Wort. Mir fehlte nichts, mir reichten Bäume und Bier zum Glück. Das unterschied uns.

In „Übers Eis“ bedenkt Kurzeck die Ungewissheiten des Debütanten, der karge Wirklichkeit mit Tagträumen von einer besseren Zukunft als Schriftsteller polstert. Die Bedrückungen einer lebenslangen Kofferexistenz stecken darin.

Der von Einsamkeit und Zahnschmerzen geplagte Schriftsteller hilft sich, indem er zusammenzählt, was einst schön gewesen: die kleine Münze des Glücks, die immer schon alles war, was einer wie er unter die Leute bringen konnte.

„Immer wieder das Geld und die Sorgen zählen.“

Seine Trebegänger und Sperrmüllexperten im ewigen Mistwetter sind abgeschnitten von den Beschleunigungen einer prosperierenden Republik.

„Tisch und Bett bloß geliehen.“

„Sonntags ist immer alles am Schlimmsten.“

Aber jetzt ist Frühling, Kurzeck memoriert das zerbrochene Glück mit Familie. Er blendet zurück auf den letzten Sommer. Mit Carina schlenderte er über den Campus der Goethe Universität.

„Der Inder mit Turban … grüßt wie ein Maharadscha.“

Bald mehr.

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