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23.08.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend las Jackie Thomae in der Berliner Berghain-Kantine aus ihrem neuen Roman. „Brüder“ wird als die beste Neuerscheinung des Jahres gehandelt und ist zweifellos der heißteste Tipp auf der Kandidat*innenliste zum Deutschen Buchpreis 2019. Die Autorin genoss auf dem sagenhaften Schauplatz ihrer Lesung Heimspielvorteile. Das Publikum ging frenetisch mit. Man sah und hörte, da saß eine Generation, die in den Neunzigern die Feste ihrer Jugend in Berlin überlebt hat und in Thomae ihre Chronistin erkennt. Karsten Kredel ging noch weiter. Zur Begrüßung sagte der Hanser-Berlin-Chef: „Im Spiegel des Romans kann sich ein ganzes Land wiedererkennen.“

Vor den Endmoränen einer kulturellen Landschaft

Jackie Thomae

Ijoma Mangold kam als Gast und gesellte sich zu den #Vielen

Jackie und Tobias - Sie kennen sich ewig als Freunde der Berliner Nacht

Der beste Roman des Jahres

Darum geht es:

Jackie Thomae, „Brüder“, Roman, Hanser Berlin, 430 Seiten, 23,-

Spiegel-Kulturredakteur Tobias Rapp bestätigte das Urteil als Moderator. Von allen Titeln im akuten Jetzt sei „Brüder“ der stärkste Beitrag zur literarischen Bewältigung der Gegenwart. Nicht frei von Hemmungen offenbarte Rapp, dem Star des Abends vor „den Endmoränen einer kulturellen Landschaft“ wieder und wieder stets zufällig und stets nachts begegnet zu sein. Man kam ins Gespräch, stets mit dem Gefühl, einen soeben fallengelassenen, kaum minutenlang liegengebliebenen Erzählfaden leidenschaftlich aufgenommen zu haben.

Rapp skizzierte Thomaes an- und absaugendes Wesen. Er fand eine runde Formulierung:

„Jackie sammelt Geschichten ein.“

In der Äußerung verbirgt sie eine dezente Note Richtung Inkasso. Wir treiben ihr Geld ein bedeutet in Thomaes Fach: Was gesagt wurde, kann auch erzählt werden. Das widerspricht der alten Nachtbinse: Falls du dich erinnern kannst, warst du nicht dabei. Hart feiernd dabei gewesen zu sein und sich trotzdem erinnern zu können, gehört zu den Fitnessanforderungen im Profil der Literaturproduzent*innen.

Die große Sause auf Disko-Atlantis

Thomae gestand, sich selbst mit einer rauschenden Rückblende auf ihr persönliches Partyjahrzehnt („die große Sause“) ein Fest bereitet zu haben. Einer ihrer Romanhelden erlebt den Vorspann der Jahrtausendwende in der Retrospektive als Disko-Atlantis, obwohl schon lange keiner mehr Disko sagt. Er behilft sich bei der Begriffsbildung mit „konturlosem Nebel“. Darin wird seine Jugend zum Schemen. Ein visuelles Echo hallt in Kartons voller „unscharfer und überblitzter“ Nighthawk-Aufnahmen wider. Die Rede ist von Michael, genannt Mick. Obwohl der nie versicherungspflichtig tätig gewesene „Nachtleben-Desperado“ „mit heiler Haut (sogar ohne Tätowierungen) davongekommen ist“, sieht ihn seine Schöpferin kritisch als jemand, der über seine Verhältnisse geprasst - und Ende der Neunziger die Grenzen „seines Konstrukts“ überschritten hat. Thomae beschreibt einen nicht länger sozial satisfaktionsfähigen Büßer ohne Reue. In der Rückschau auf Micks ablebten Eskapismus tobt sich aber viel Freude aus.

Ich setze meine Besprechung an das Ende meiner Bemerkungen zu der Kantinenlesung.

Rapp erklärte, jeder habe in dem glorreich-furiosen Damals einen Mick gekannt und sich gefragt, wovon lebt der. Es war immer Nacht und die Neigung, dem Charme eines großen Schwarzen Revierfürsten zu erliegen, hatte keinen Seltenheitswert.

Berlin ist Micks „Spielplatz“. Er hat eine Ostsozialisation, die man ihm nicht anmerkt, die aber in ihm arbeitet. Mick zählt nicht zu den Kohorten der Besatzungs- aka GI-Kinder. Sein Vater war ein afrikanischer Student in Ostberlin, der im Sommer der Liebe 1969 zwei Bürgerinnen der DDR schwängerte. Die Söhne wachsen in Unkenntnis des Halbbruders auf. Mick, der mich so viel mehr fasziniert als der Streber Gabriel, der es unbedingt in London schaffen will, weil die Stadt so teuer ist, dass eine Londoner Anschrift bereits auf ein Statement hinausläuft, behauptet sich in einer Kindergang mit körperlicher Vorzüglichkeit. Seine Zielsicherheit hebt ihn aus dem Rahmen des Üblichen. „Er machte viel kaputt, quälte aber keine Tiere.“

Kein Fräuleinwunderkind

Dann macht seine Mutter mit ihm in den Westen. Von da an ist Mick für sich selbst nicht mehr dechiffrierbar. Das kleine Ossi-U-Boot weiß nichts von seiner Devianz im Kontext der deutsch-deutschen Spannungen.

Das ist genial. Auf so etwas muss man erst mal kommen. Die Leute sehen einen Schwarzen und denken an Amerika. In Wahrheit trägt Mick den deutschen Bürgerkrieg in sich aus. Er hat den gültigen Herrschaftstext nicht verinnerlicht. Er tickt anders als seine Westberliner Altersgenossen, die sich wegen Mick keinen Kopf machen. Ist er halt kein Fräuleinwunderkind.   

Der Osten hat kapituliert, den gibts gar nicht mehr außer in den Köpfen der Ossis. Also findet er auch in Mick statt. So unlesbar wie er seiner Umgebung erscheint, so unlesbar ist seine Umgebung für ihn. Dabei glaubt er zu wissen, was opportun ist. Er kauft sich den Markenkram der anderen und scheint aufzugehen in der Westberliner Hefe.

Thomae kehrt im Romann immer wieder zu dieser Differenz zurück. Dazu passte eine Einlassung von Rapp. Berlin sei in den Neunzigern „viel deutscher“ gewesen als später. Rapp erinnerte an die Skinheads im Prenzlauer Berg.

„Die habe ich nie gesehen“, entgegnete Thomae, um hinzufügen: „Ich habe ja auch in Schöneberg gelebt.“ (Geografie/Topografie als Schicksal.)

Meine Besprechung

Nachtblick

„Brüder“ ist spannend und ein sprachlicher Hammer. Jackie Thomae hat den besten Roman des Jahres geschrieben.

Eingebetteter Medieninhalt

Der Altphilologe Coleman Silk bezeichnet notorische Schwänzerinnen seines Seminars als „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“, ohne zu ahnen, dass er sich so über Schwarze äußert. Man überzieht Silk mit dem Vorwurf des Rassismus und unterzieht ihn im Folgenden den Prozeduren der sozialen Ächtung. Das erzählt Philip Roth in dem Roman „Der menschliche Makel“. Zu den schönsten Verwinklungen gehört, dass Silk selbst Schwarz ist; ein weißer Schwarzer, der sich in einer weißen Legende verhüllt. Die Aktivist*innen der couragierten Zivilgesellschaft kritisieren einen weiß gelesenen Schwarzen als Rassisten.

Vermutlich reagiert Jackie Thomae in ihrer Darstellung des in Ostberlin als Sohn eines Afrikaners und einer Deutschen zur Welt gekommenen Architekten und Lehrbeauftragten Gabriel auf diese Konstellation. Zuerst stellt die Autorin die Weißwerdung des Schwarzen im Zuge seines Erfolgs und einer die Hautfarbe politisch korrekt übergehenden Berichterstattung fest.  

Erfolg macht weiß. Diese Erkenntnis gewinnt für den Architekten Gabriel auf dem medialen Rost eine schmerzliche Dimension. Man grillt ihn für einen Übergriff, Gabriel hat sich an einer Schwarzen Studentin vergriffen, und geißelt ihn als Rassisten. Das führt zu einer negativen Beschleunigung seines Lebens, am Ende steht er seinem Vater gegenüber, der eine Genspur in Europa legte. Die Versorgerrolle übernahm er in keinem Fall, an dem ostdeutsche Frauen beteiligt waren. Gabriel erfährt von einem Halbbruder, der wie er in der DDR geboren wurde.

Niemand könnte sich habituell weiter von einem Ostdeutschen entfernt haben, als der transkontinental Großtaten geschmeidig-schnittig vollbringende Gabriel. Kein Mensch könnte sein Gegenteil besser verkörpern als Halbbruder Mick. Mit dessen Geschichte beginnt der Roman an einem Tiefpunkt des überschrittenen Zenits. Grund genug, sich an bessere Zeiten zu erinnern. 

Mick auf der Höhe

Tagsüber bewegt er sich mit „eingefahrenen Antennen“. Michael Engelmann, genannt Mick, ist nicht bereit, dem freien Spiel der Liebe seinen Lauf zu lassen, solange es hell ist.

Er ignoriert Cordelia Bernadette „Delia“ Hoyers Avancen,

sie hatte „den Wettbewerbsnachteil, dass er tagsüber keine Lust hatte, sich für Frauen zu interessieren“,

bis eine Einladung zur rechten Zeit die Synchronisation von Bedürfnissen, Gewohnheiten und Chancen gestattet.

„Jetzt sah er die Studentin … endlich mit seinem Nachtblick.“

Vom Tag erwacht, erkennt der Verehrte bei einem Abendessen wie scharf die 1966 in Hannover geborene Delia ist. Ihrem zarten Wesen zum Trotz haut sie rein. Sie überrascht den Kalorien zählenden Gast mit „wikingerhaften Essgewohnheiten“. Man wird ihr noch „Breitbeinigkeit“ nachsagen. Den Routinen einer überwundenen Bulimie verdankt sie eine Meisterung des Würgereflexes - und eine Disziplinierung des Darms, die ans Wunderbare grenzt.

Delia ist die Frau der Stunde in einer „tanzegalitären“ Gesellschaft. 

Jackie Thomae, „Brüder“, Roman, Hanser Berlin, 430 Seiten, 23,-

„Micks Vater war schon verschwunden, bevor seine Erinnerung einsetzte.“  

Micks Erzeuger ist in den Erzählungen der Mutter ein ausländischer Student, den niemand zum Bleiben in der Deutschen Demokratischen Republik aufgefordert hat. Wie ungebremst freiwillig Micks Mutter in den Hafen der Alleinerziehenden einfuhr, hängt in den retrospektiven Betrachtungen von Stimmungen ab. Jedenfalls war es in dem Kümmererstaat für „die große Blonde“ keine große Sache, das Kind of Color großzuziehen. Irgendwann macht die Rumpffamilie in den Westen von Berlin, Mick arrangiert sich sozial lethargisch. Er überwindet eine Fresssucht und wird athletisch nach dem Komment der Fitnessstudios. Sein Haar steht aus eigener Kraft, während andere sich mit „sprühbarem Wundpflaster“ helfen müssen.

Mick sieht aus wie ein Zehnkämpfer in Olympiaform. Die Verpackung verbirgt eine durchhängende Persönlichkeit mit einer Neigung zur Dependenz. Jackie Thomae beschreibt einen von „Komfort korrumpierten“ Charakter, dem der Antrieb fehlt, sich eigentätig Verhältnisse über der Einraumwohnungsmarke zu schaffen.

Micks Mutter formuliert das so: „Kein Geld auf dem Konto, aber La Paloma pfeifen.“

Mick kompensiert seine Schwächen mit Charme und gutem Aussehen. Bei genauer Betrachtung erscheint seine sonnige Art als Arbeitsmittel. Sie ernährt ihn, solange die Neunzigerjahre ihm die Rückendeckung der Jugend geben. Thomae erzählt den Rausch des beiläufigen und abstaubenden Gelingens eines auf Vermeidung spezialisierten Gelegenheitsmachers in einer furiosen Rückblende. Doch lässt sich der Versager nie ganz verleugnen.

Ich habe das Buch verschlungen und es nur Zwängen gehorchend aus der Hand gelegt, bis ich das Ende kannte. Jackie Thomae hat den besten Roman des Jahres geschrieben. Er bietet einer negativen Kritik keinen Raum. 

„Brüder“ ist spannend und ...

Kein Fußbreit dem Versagen. Das ist Delias Devise. Ein Versprechen, dass sie sich selbst gegeben hat. Es gibt eine englische Boxerbinse, die mit dem Unterschied zwischen return – zurück und reverse – umkehren spielt. Ein fähiger Gegner drückt dich in die Rückwärtsverteidigung, wo du dich weiter verausgaben darfst, erlaubt dir aber nicht, dahin zurückzukehren, wo jener Fehler nicht vermieden wurde, der deine Lage begründet. Das beschreibt einen Moment auf dem Flughafen von Heathrow, wenn auch nicht für Delia. Sie geht weiter und dreht sich nicht um, als für ihre Begleiter die Uhren rückwärts zu laufen beginnen.

Die Neunzigerjahre haben einen retrospektiven Radar. Die neuen Sachen ploppen bereits mit der Patina auf, die ihre Old School-Rezeption vereinfacht. Die Wiederauflage ist das Prinzip des Jahrzehnts. Als Vinyl-Aficionado verkörpert Mick die Phase.

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