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24.08.2019, Jamal Tuschick

„Jede Schriftstellerin, jeder Schriftsteller trauert um ausgemusterte Figuren“: Um sie geht es in der aktuellen, von Peter Stamm herausgegebenen „Akzente“-Ausgabe.

Das Wesen des Widerstands

Eingebetteter Medieninhalt

Man „spielt Gott, während die anderen arbeiten müssen“. So hat Chrigel Fisch das Mandat der Literaturproduzent*innen scharf umrissen. Doch nicht jede Figur, die eine Existenz zu ergattern trachtet, gewinnt auch ein Leben außerhalb der Schubladen und deren modernen Nachfolgerinnen in der Viralwolke.

Bleiben wir bei den Schubladen. Die meisten Akzente-Leser hatten gewiss eine Schreibtischsozialisation mit echten Schubladen und einer mechanischen Schreibmaschine. Olivetti baute die schönsten Buchstabenkränze. In der Schreibstube roch es nach Tipp-Ex. Sogar die Farbbänder verbreiteten jenen Geruch, der die Branchensignatur olfaktorisierte. Ich möchte sagen, das war die Druckerschwärze ohne den Zusatz des passenden Wahrnehmungsfilters.

Man roch Druckerschwärze. Aus ihr gingen die Figuren hervor. Manche schmiegten sich an, andere traten fordernd auf. Manche logen sich ins Geschehen, dass sich die Balken bogen. Einige wippten auf den Zehen und kamen kaum zum Stehen. Alle wollten, dass man sich mit ihnen vorrangig befasste. Ich habe die Apotheose in die Vergangenheit gesetzt, weil ich heute jede Figur, die Zutritt verlangt, vor der Tür stehen lasse. Meine innere Bude ist rappelvoll. Da gibt keinen Stehplatz mehr. Selbst, wenn es jemandem egal sein sollte, wie eingequetscht auch immer er zum festen Ensemble aufschließt, die Etablierten selbst würden ihm Saures geben. Da sind lauter Sonnen mit genug Trabanten.

Bei anderen geht noch was, und darum geht es in der aktuellen Ausgabe von Akzente.

„Die Ungeborenen“, Hanser Akzente, herausgegeben von Peter Stamm, 83 Seiten, 10,-  

Aus der Ankündigung

Jede Schriftstellerin, jeder Schriftsteller trauert um ausgemusterte Figuren: Lebendig begraben in den Schubladen der nicht veröffentlichten Manuskripte, haben sie das Licht der Publikation nie erblickt. Peter Stamm widmet sich diesen Ungeborenen. Zusammen mit befreundeten Autorinnen und Autoren belebt er sie wieder und schenkt ihnen ihren längst verdienten Auftritt.

Zuerst wendet sich Alissa Walser mit der Beschreibung eines Greises gegen ein Monster der Humorlosigkeit. Sie zeigt einen bis zum Zenit verwahrlosten Vater („mehr weiß ich über meinen Vater nicht zu sagen“) auf einem Selbstherrlichkeitsgipfel. Sie führt ihren Unmut aus und schließt mit einer editorischen Notiz. Natürlich hat die Geschichte vollständige Publikationsreife. Ihre Veröffentlichung steckt in dem Passepartout einer artifiziellen Distanzierung. Die Vaterfigur betritt den öffentlichen Raum. Vermutlich hätte sie sich ohne Beförderung schließlich selbst aus der Schublade gewuchtet, so massiv und invasiv wirkt sie. Die Figur steht so vor dem Leser, als habe sie immer noch die Vollmachten eines Vaters im Verhältnis zur erzählenden Tochter. Sie heißt Pia. Pia sitzt am Bett eines im Koma liegenden Mädchens. Die Spannung zwischen der Stämmigkeit des Vaters und der Fragilität einer Komatösen erzeugt kunstgerecht einen Bogen.

Walser folgt Hansjörg Schertenleib mit „Alfred“.

„Vor fünf Jahren tauchte Alfred buchstäblich aus dem Nichts in meinem Schreibzimmer auf und verlangte Aufmerksamkeit.“

Der Autor bemerkt einen Widerstand gegen Alfreds Präsenz im Antichambre des inneren Fürstenhofs. Bald begreift er das Wesen des Widerstands. Alfred erscheint als Feind der Erzählroutinen. Er macht Inventur und räumt die Maschen weg. Plötzlich schreibt Schertenleib wieder wie ein junger Gott. Er rauscht auf. Der Text fließt aus. Er läuft dem Autor davon. Diese Freilegung der ursprünglichen Quellen verdankt Schertenleib einer Figur, die ins Blaue hineingeschrieben werden will. Sie erweist sich als frosttauglich.

Bald mehr.       

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