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25.08.2019, Jamal Tuschick

In dem Erzählband „Die „Welt unter meinen Zehen“ überliefert Ditha Brickwell auch die toxischen Binsen einer Wiener Kaffeehausbesitzerin.

Toxische Binsen

Als Institution verträgt das Wiener Kaffeehaus jede Überbewertung.   

Eingebetteter Medieninhalt

„Denn wer weiß, wie ein Pferd scheißt, der weiß auch, wann es ein Rennen gewinnen kann.“

Von der Art sind die gemütlichen Weisheiten einer vormals lediglich akkuraten, nun zudem arrivierten Serviererin, die zum Misstrauen erzogen, stets das Schlechteste annimmt und so gut fährt. Ihr Mann, der Franz Obersberger, war schon als Knabe ein Wunder der Geschäftstüchtigkeit. Mit der Hochzeit verband er den Kauf eines Kaffeehauses. Das war noch vor dem Krieg und es geschah im Wien von Gustav Klimt und Egon Schiele.  

Ditha Brickwell, „Die „Welt unter meinen Zehen“, Erzählungen, Drava Verlag, 382 Seiten, 21,-

Als er nach dem Krieg einer Rotte Champagner saufender Schnapphähne Mitternachtssausen im Café Jörger erlaubt und dann auch noch so dämlich ist, in der Blüte seiner Jahre an einer läppischen Blutvergiftung zu sterben, wird Franz zu einem Zentralgestirn der Enttäuschung für die Ehefrau, die ihn um Jahrzehnte munter überlebt, und nun am Ende ihrer Strecke das Zepter der Kaffeehausherrschaft an einen zehnjährigen Urenkel-Prinzen weitergeben will. Der Inthronisierungsakt vollzieht sich 1961 auf der Basis einer fast schon unanständigen Kontinuität. Wie die Verhältnisse auch lagen, stets brummte der Laden. Ich zähle jetzt nicht die Krisen des XX. Jahrhunderts auf.

Das erledigt Ditha Brickwell in ihren Geschichten über geschichtsmächtige Ereignisse und über Geschichten, die Geschichte schrieben. Die vom Wohlstand nobilitierte Ahne des aufschauenden Erzählers betrachtet das Wiener Kaffeehaus als genuinen Schauplatz historisch dimensionierter aka Epoche machender Konstellationen; gleich, ob von einem Anfang die Rede ist, von einem günstigen Verlauf oder von einem furiosen Finale. Gleich, ob es um die österreichische Fußballnationalmannschaft geht, die nie erfolgreicher und eleganter auftrat als in den 1930er Jahren, oder um die Erregungen des Anschlusses. Brickwell zitiert das Credo der Austria-Faschisten im Februar Achtunddreißig:

„Wir haben jetzt die Fäden in der Hand, bei der Polizei und bei den Straßenbahnern, oben und unten, selbst im einfachen Leben hast du nichts mehr zu melden.“

Die Dämme eines zurückgestauten Antisemitismus brechen. Auch Anna Obersberger wird nicht ärmer im Zuge der Arisierungen.  

„Das flüsternde Knistern der Zeitungen bringt einen Welthorizont vor das Bewusstsein.“    

Im Kern ist alles eine Frage der Klientel. Ärzte, Notare und gescheite Geschäftsleute mit einem akademischen Rückgrat garantieren ein geschäftsförderndes Fluidum. Ihre fatalen Gegenspieler sind die Gelegenheitsmacher, die nichts auslassen dürfen und immer unter Strom stehen. Ihnen soll der designierte Nachfolger als unangenehmer Patron erscheinen. Auch das Personal braucht die Knute. Es verlangt von der Herrschaft eine Umsicht, die vor Nachlässigkeit und Heimtücke schützt.

Als Institution verträgt das Kaffeehaus jede Überbewertung. Die lebenskluge Hartherzigkeit der Anna Obersberger erzeugt ein eigenes Gravitationsfeld. Sie stiftet einen volkstümlichen Fürstenhof, in dem es hoch hergeht.

Einer ungeliebten Tochter werden jede Menge mieser Eigenschaften zugeschrieben. Darin ist die Patronin groß. Sie hat den Bogen raus, wenn es darum geht andere abzuwerten. Dabei wiederholte die Elisabeth, genannt Liesl, nur, was ihre Mutter vor ihr nicht lassen konnte. Aus einer Rennbahnaffäre ging die Mutter des Thronfolgers hervor. Als „Unglückbraten“ und „Bankert“ wird die Lisi gleich weitergereicht an eine Wäscherin.

Der Vortrag hat vielmehr den Charakter eines Soliloquiums als eines Zwiegesprächs. Zweifellos offenbart sich keine Seniorin vor ihrem jüngsten Nachkommen so wie es Frau Obersberger gefällt von ihren „gebrauchten Unterhosen“ zu schwadronieren, in denen sie sich vor den Risiken der Lust schützte.  

„Die Zukunft ist dunkel … aber sie kommt mit Sicherheit.“

Zum Schluss ist der zuhörende Erzähler kein Kind mehr und seine Informantin schon lange tot. Toxisch findet er die Lebensbegriffe der in ihrem Grab rotierenden Urgroßmutter. 

Bald mehr.

 

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