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26.08.2019, Jamal Tuschick

In ihrer Untersuchung „Die postmigrantische Gesellschaft“ erklärt Naika Foroutan, warum die Migrationsfrage zum neuen Metanarrativ wurde.

Pluralität als normativer Grundsatz

Eingebetteter Medieninhalt

Postmigrantisch ist ein Gestaltungsbegriff mit subversiven Potentialen. Er suggeriert eine fortgeschrittene Auflösung der „etablierten binären Codierung in Einheimische und Eingewanderte“. Der Begriff Postmigrantisch erklärt alte Unterscheidungen für obsolet. Auch insofern so wie weit darüber hinaus bezeichnet Postmigrantisch ein Aushandlungsparadigma. Darin stecken eine Reihe von Behauptungen entlang einer Linie, die von einem äußeren (minoritätsidentitären) Punkt ausgeht und in der Gesellschaftsmitte (in einem Spektrum zwischen An- und Einschluss) endet. Dieser Komposition entgegen streckt sich eine des-integrative Opposition, die alle Bürger*innen einlädt sich im Kanon der Minderheiten (anstatt nach mehrheitsgesellschaftlichen Devisen) neu sozialisieren zu lassen. Das ist die aktuelle Avantgardeposition. Ihre Antipoden treiben nicht nur in der Konkurrenzpaarung schlecht qualifizierter Autochthoner/Migranten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt auf. Naika Foroutan stellt fest, dass sich die größte Abwehr da beobachten lässt, wo eine Statusabwertung lediglich befürchtet wird und alle Politik auf Besitzstandswahrung zielt. Die potentiellen Modernisierungs- und Globalisierungsverlierer*innen sind die effektivsten Feinde der postmigrantischen Gesellschaft.

Naika Foroutan, „Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie“, Transcript, 277 Seiten, 19.99 Euro

Foroutan erkennt den sentimentalen Furor in der Idee einer Grenzen setzenden Homogenität in einer tatsächlich von „Ambivalenzen und Hybridisierung“ gekennzeichneten Gesellschaft.

Das Homogenitätsphantasma ist das Gegenstück zum postmigrantischen Aushandlungsparadigma, in dem die Emanzipationsgewinne der Minderheiten als gesellschaftlicher Mehrwert begriffen werden.

In diesem Kontext ist der Islam und sind die Muslime Animositätskategorien mit Stellvertreter*innenfunktionen. Interessant ist, dass den Echos dieser gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ein wachsender Resonanzraum zur Verfügung steht. Im Kampf um das sanktionsfrei-rassistisch Sagbare erscheinen Muslime in Deutschland angreifbarer als andere Minderheiten.

Partizipation und Teilhabe von Minderheiten müssen als Chancen für die Mehrheit gelabelt werden

Je größer der Unterschied zwischen Freiheit und Gleichheit in einer freiheitlich verfassten Gesellschaft ist, desto geringer ist ihr Grundwiderspruch. Wie wenig das verstanden wird, zeigt die altweltliche Zeter-Perspektive auf Amerika, wo Gleichheit nach Freiheit kommt. In Europa begreift man Freiheit als Bedrohung der Sicherheit. Die Drahtbrücken der Demokratie hängen aber ohne (aus Widersprüchen resultierende) dramatische Spannungen durch. Vermutlich geht es im alltäglichen Betrieb vor allem darum, diese Spannungen nicht persönlich aushalten zu müssen. Das Weitere ergibt sich aus einer (letztlich auch abwehrenden) Bereitschaft zur Moderation. Foroutan beschreibt migrantische Chancen, die sich aus der Verrechtlichung ergeben, in deren Apparaten Aushandlungshärten weichgespült werden. Im Gegenzug sichern sich die Instanzen der Repräsentanz gegen „Konkordanz und Proporz“ ab.

Damit sind die Kräfte genannt, die auf dem Partizipationsmarkt wirken. Die Verrechtlichung gestattet invasive Interventionen. Die Instrumente der Repräsentation bremsen diese Prozesse. Folglich muss, und das stellt Foroutan heraus, in einer postmigrantischen Gesellschaft „Partizipation und Teilhabe“ von Minderheiten im Wesenskern verankert werden.

Pluralität als normativer Grundsatz

Die „paradoxen Bezugsgrößen“ der Demokratie erlauben in jedem Fall konträre Ansichten. Man kann, so Foroutan, Pluralität als Folge einer Abstimmung mit den Füßen deuten, als ungesteuertes Massenphänomen, oder eben als Konsequenz grundgesetzlich garantierter, das heißt, die Gesellschaft konstituierender Rechte. Schließt man sich der zweiten Auffassung an, ergeben sich auf der Migrationsseite Forderungen, denen sich die Bundesrepublik nicht ohne Legitimationskrise verweigern kann. Das macht die „Migrationsfrage … zum neuen Metanarrativ“. Hier scheiden sich die Geister. Die gegenwärtige Gretchenfrage lautet: „Wie hältst du es mit der Migration?“

Zutreffend weist Foroutan darauf hin, dass die meisten Probleme „wenig mit Migration zu tun haben“.

Bald mehr.   

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