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28.08.2019, Jamal Tuschick

In seinem Roman „Das Leuchten in mir“ erzählt Grégoire Delacourt von der Entfachung der Lust als einem Zeichenspiel.

Schmiedeeiserne Hingabe

Eingebetteter Medieninhalt

Lange ist das Glück für Emma nicht nur der Spatz in der Hand. Emma weiß sich geliebt, wenn auch nur von einem ambitionierten Autohändler, der in seinem Fach so begabt ist, dass er Inuit Kühlschränke verkaufen könnte. Olivier strotzt vor Umsicht und Fürsorge. Sein Versorgerstolz platzt aus allen Anzugnähten. Er liebt Emma in ihren Stimmungen. Im Gegenzug reihert sie (weggetragen von superben, semi-somnambulen Anwandlungen) zu seinem Vergnügen in die Beifahrerbeinfreiheitszone. Dann setzt Olivier den allzeit sportlichsten BMW seines Hauses in das strikteste Halteverbot und widmet sich Emma mit schmiedeeiserner Hingabe. Findet er sie nicht überzeugt genug von seiner Ergebenheit, greift Olivier das Fahrzeuginterieur an, zu einem (im Hinterland der Liebe) womöglich doch hinfälligen Beweis des Bedeutungsgefälles zwischen Emma und „der Karre“.   

Grégoire Delacourt, „Das Leuchten in mir“, Roman, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, 262 Seiten, 20,-

Kann ein Mann die solide verankerte Mutter seiner Kinder auch noch nach achtzehn Jahren Ehe so begehren, wie es die bald vierzigjährige Emma mit allen Fasern ihres sinnlichen Seins unbedingt braucht?

Das ist die Mutter aller Fragen in Grégoire Delacourts leichtgängigen Roman. Die Sätze perlen wie Champagnerblasen. An jedem Seufzer baumelt eine Pointe. Überall lauern Essenzen. Delacourt serviert Weisheiten auf Schmachtfetzen. Besonders gut gefällt mir:

„Geduld ist die höfliche Cousine des Verzichts.“

Auch schön:

„Es ist erstaunlich, welches Leben uns die anderen manchmal zuschreiben. Wie sie unsere Geschichte erzählen.“

Verzicht kann Emma nicht. Sie hat sich selbst sozial so kleingerechnet mit einer unerheblichen Erwerbstätigkeit im Schatten des Dukatenscheißers Olivier, dass sie nur noch in der Arena des unerfüllten Verlangens ihr Gefühlsvolumen erlebt.

Denn, auch wenn alles da ist, und die Geldseite der Bürgerlichkeit im Verein mit einer dezenten Extravaganz triumphiert, bleibt doch die ernüchternde Tatsache, dass der Potenzbolzen Olivier nur ein Krauter ist; ein Bescheidwisser der Vorstadt; eine Knallcharge mit Krawatte und diesem Weinwissen aus der Zeitung.

Olivier gibt den Hotelbar-Connoisseur. Sein Fetisch ist „die Eleganz der dunklen Eiche“ (Ambiente), so wie er „das dunkle Auge“ eines Weins („mit einem Purpurschimmer“) bejubelt. Das ganze Theater weist auf sein Vermögen hin. Olivier kann es sich leisten. So wie er sich Emma leisten kann, die für ihn die süß spinnende Edelfrau spielt.

Emma wertet Olivier auf.  

Der Leser erfährt die Einzelheiten des Ehebetriebs im Rahmen einer Offenbarung zwischen nüchternem Geständnis und schwüler Beichte. Delacourts reaktionäres Frauenbild zeigt eine allen Losungen des Feminismus abholde Person. Emmas pathetische Eigenliebe ist ein Ungeheuer im Roman. Nach Wochen des Anschmachtens, sich Präsentierens und im Augenfick Vergehens folgt der nächste Schritt auf dem Schauplatz der Annäherung: einem Restaurant mit Mittagstisch für die Angestellten im Dunstkreis.

„Alexandre, ich bin verwirrt. Ich bin eine treue Ehefrau und trotzdem denke ich an Sie. Ich mag es, wie Ihre Augen in meinem Rücken brennen … Manchmal fühle ich mich nackt. Das Gefühl ist angenehm und zugleich sehr peinlich.“

Wir sind in Frankreich, man kopuliert per Sie durch die Blume in dem Pausentreff für die Mittelschicht.  

„Muss man die Dinge leben, wenn es genauso schön ist, sie nur zu träumen?“

Jeder kennt die Antwort. Die Körper wollen schmatzen, ihre Flüssigkeiten sich mengen und in Nabelkuhlen gemeinsame Pfützen bilden.

Emma träumt davon, gebissen zu werden. Das ist eine Obsession; markiert von der geschwollenen Lippe. In einer ausgebauten Phantasie begrüßt sich Emma als (in einer Ziege inkorporiertes) Rotkäppchen. Sie spielt mit dem Sujet des Gefressenwerdens. Alexandres Erscheinung und seine Stimme liefern erste Stimulationen.

Seine Zunge soll sich „bis zu (ihrem) Herzen wühlen“. Er soll Emma anfallen „wie ein wütender Stier“. Gleichzeitig möchte sie an der letzten Haltestelle verweilen. Doch längst hat Alexandre die Herausforderung angenommen und spult das Eroberungsprogramm ab.

Ach so, Alexandre ist Kulturjournalist, und Emma hat für Journalismus grundsätzlich keine Verwendung.

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