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28.08.2019, Jamal Tuschick

„Die postmigrantische Gesellschaft verändert die Vorstellung von Integration grundlegend und paradigmatisch.“ Auch das stellt Naika Foroutan in ihrer Untersuchung „Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie“ fest.

Eingebetteter Medieninhalt

In einer gesellschaftspolitischen Fiktion zur Abwehr postmigrantischer Pluralität erscheint Vielfalt „als postmodernes normatives Novum“. Der narrative Trick funktioniert wie eine Kippfigur im Kunstnebel. Die Globalisierung habe eine überfordernde „Diversität und Multikulturalität“ hervorgebracht und so einen neuen, der Kodifikation besonders bedürftigen Zustand geschaffen. Im engen Meinungskorridor einer kosmopolitisch-entwurzelten Elite aka Gesinnungsdiktatur sei nicht genug Raum für eine angemessene Kritik an Verhältnissen, die das nationalstaatliche Konzept zu sprengen im Begriff stünden. In der Alarm-Variante ist alles schon in die Luft geflogen. Eine bedrängte Mehrheit steht mit dem Rücken zur Wand, erkennt ihr Land nicht mehr, sieht ihre Werte den Bach heruntergehen, und unterliegt in Verdrängungswettbewerben alimentierten Minderheiten.

Naika Foroutan, „Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie“, Transcript, 277 Seiten, 19.99 Euro

Naika Foroutan liefert eine Gegenerzählung, in der „Pluralität tief in der deutschen Identität verankert“ ist. Sie spricht von den neununddreißig Fürstentümer, deren Gemeinsinn den geistigen Grundriss Deutschlands bildete. Das Zauberwort der Zugehörigkeit sei Pluralität gewesen. Nicht Abstammung noch Sprache sollten die Staatszugehörigkeit bestimmen, sondern das Einverständnis mit einer Organisationsform. Foroutan zitiert Franz Jacob Wigard in einer Vision von 1848:

„Deutschland wird fortan ein politischer Begriff.“

Hätten wir dieses Selbstverständnis, wir stünden anders da. Die Ethnien würden als Zugehörigkeitsmarker auf einem Schindanger der Geschichte verrotten.

Foroutan zieht alle Register, um die Pluralität von preußischen Kronzeugen beglaubigen zu lassen. Es gab keine sprachliche und ethnische Einheit auf dem Territorium des Römischen Reiches Deutscher Nation. Doch natürlich gingen die Reichseinigungsbestrebungen von der Vorstellung einer Sprach- und Kulturgemeinschaft aus. Überflügelnd setzt Foroutan den Bindungswillen in einen supranationalen Kontext. Sie stellt fest, dass manche Geburtsschmerzen der postmigrantischen Gesellschaft einer Verschleppung geschuldet sind. Man habe die Realität eines Einwanderungslandes ignoriert und so verantwortungslos der Idee von „einer substanziellen Unveränderbarkeit“ noch Nahrung gegeben, als schon lange klar war, wohin die Reise geht. Ein Dreh dabei war, Eingewanderte weiterhin als Gastarbeiter*innen zu deklarieren.

Inzwischen sind wir weiter. Foroutan beobachtet eine Tendenz zur Versachlichung der bundesrepublikanischen Realität. Von der Anerkennung zur Verrechtlichung einer migrantischen Position ist der Weg kürzer als von der Anerkennung zur Repräsentanz. Vermutlich verbirgt sich in dieser Ungleichzeitigkeit hinhaltender Widerstand. Foroutan fordert den „politischen Akt des Bekenntnisses, ein Einwanderungsland zu sein“; ohne indes die Integrationskeule zu schwingen.

„Die postmigrantische Gesellschaft verändert die Vorstellung von Integration grundlegend und paradigmatisch.“

Daraus ergeben sich für jeden Vorwärtsdenkenden die stärksten Impulse. In den Aushandlungsprozessen kommt es vermutlich dann zu den effektivsten Resultaten, wenn man den Prozessen der verdichteten Unterschiedlichkeit nicht von vornherein den mehrheitsgesellschaftlichen Proporz aufpfropft. Foroutan plädiert für Unity in Diversity. Dieser Ansatz lenkt schon jetzt viele Entscheidungen im nachbarschaftlichen Rahmen unabhängig von der Großwetterlage auf der Grundlage einer „Infragestellung nicht nur von strukturellen und sozialen, sondern auch von symbolischen Privilegien“.

Aus der Anerkennung des demokratischen Gleichheitsgrundsatzes ergibt sich im Verhältnis zu Anerkennungsansprüchen nicht-dominanter Gruppen und Personen eine Selbstverpflichtung zum Verzicht auf die eigene Dominanz – um, so sagt es Foroutan, „eine erkennbare Lücke zwischen Norm und Realität“ verantwortungsvoll zu schließen.         

Bald mehr.

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