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29.08.2019, Jamal Tuschick

Rückwärtsgewandte Positionen kollidieren in Polen mit Fortschrittseuphorie. Das erklärte Emilia Smechowski vorgestern Abend im Gespräch mit Margarete Stokowski im Berliner Theater auf dem Pfefferberg anlässlich der Präsentation ihrer Bestandsaufnahme „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“.

Gute frisierte Feministinnen, harte Entspannung und Kulturrevolution von oben

Emilia Smechowski, Margarete Stokowski

Emilia Smechowski

Gute frisierte Feministinnen, harte Entspannung und Kulturrevolution von oben

„Wir leben mit dem Rücken zu Polen“, zitierte Karsten Kredel im ausverkauften Berliner Pfefferberg Theater einen Autor, dessen Name mir entging. Der Hanser-Berlin-Chef begrüßte die Stargäste des Abends Emilia Smechowski und Margarete Stokowski. Er führte aus: „Wir wissen alles über Großbritannien und nichts über Polen.“

Stokowski befragte Smechowski. Die polnisch-basierten Autorinnen kennen sich aus gemeinsamen taz-Tagen. Damals wurden sie ständig verwechselt, in der Konsequenz jener (Gleichgültigkeit geschuldeten) Ungenauigkeit, die Kredel der deutschen Wahrnehmung Polens im Vorspann attestiert hatte.

Polnisch ist ein nicht so interessanter Migrationshintergrund. Für die Kolleg*innen waren Smechowski und Stokowski die beiden Owskis. Stokowski sah sich (wegen ihres legeren Auftritts) dem Vorwurf des Etikettenschwindels ausgesetzt.

Du bist gar nicht polnisch.

Eine echte Polin könne sie kaum sein, da echte Polinnen erst zum Friseur gingen, bevor sie auf einer Demonstration sich zum Feminismus bekennen würden.  

Was nach Rock‘n‘Roll mit angezogener Handbremse klingt, könnte auch Radical Chic im Geist jener päpstlichen Bambule sein, mit der Solidarność einst Polen vor den eisernen Vorhang verlegte.

Anarchismus und Subversion sind in Polen Privatsache.

So ungefähr sagte es Smechowski im Theater auf dem Pfefferberg. So steht es geschrieben in ihrem Buch, dessen Präsentation den Abend adelte.

Emilia Smechowski, „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“, Hanser Berlin, 255 Seiten, 23,-

Die in Polen geborene und im erwachenden Nachwendeberlin aufgewachsene Emilia Smechowski hat, gefördert von ihrer Tochter, ein Jahr lang ihre zweite Heimat unter die journalistische Lupe genommen. Dabei herausgekommen ist ein angenehm ratloser Report. „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“ ist ein Buch der vorläufigen Feststellungen.

„Vor dreißig Jahren ging von Polen jene Kraft aus“, die das Band erzwungener Einigkeit im Warschauer Pakt sprengte. Der Elektriker Lech Wałęsa verkörperte den Mythos eines volkstümlichen Widerstands. Wałęsa trat als Gewerkschaftsführer auf. Doch war seine Solidarność nicht nur eine Gewerkschaft, sondern auch eine Bewegung – die erste Neue Soziale Bewegung im Machtbereich der Sowjetunion. Inzwischen erscheint Polen wegweisend für eine transeuropäische Regression. Die Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość restauriert einen antiquierten Heimatbegriff, der viele ausschließt.

„Für die PiS … wird der Staat nicht durch die Gesamtheit aller Bürger legitimiert.“

Dazu gehört nur, wer sich patriotisch bekennt. Jarosław Kaczyńskis Partei spaltet die Bevölkerung. Sie verschärft die Gegensätze zwischen Stadt und Land und schürt „den Hass auf die Abgehängten“. 

Kulturrevolution von oben

Kaczyński, der überlebende Zwilling, die Brüder standen einst hinter Wałęsa, ist der Schattenfürst. Er regiert im Stil der Puppenspieler und lässt die Regierung tanzen – nach oder noch in einer Kulturrevolution von oben.

Smechowski geht von Gdańsk aus, den Stimmungen in der ersten Heimat ihrer kurz vor dem polnischen Wunder von Neunundachtzig nach Berlin emigrierten Eltern nach. Sie recherchiert in Begleitung ihrer Tochter, die zu einer Heldin der Erzählung wird. Die junge Pionierin findet sich in Polen leichter zurecht als ihre Mutter. Sie bringt idiomatische Wendungen mit nach Hause, ergötzt sich an der polnischen Sprachmelodie und feiert mit der eingesessenen Bevölkerung den Deminutiv.

„Nicht die Sprache verriet mich als Fremde, sondern meine Fragen.“

Smechowskis Tochter reüssiert „als Türöffnerin“. Sie macht den Weg frei zur Erkundung von Konkordanz und Proporz im aufgeschlossenen Bürgertum. Smechowski beobachtet eine furios-modernistische Blasenbildung, die aus der Übererfüllung des westlichen Standards   Distinktionsbeweise schöpft. Dazu gehören sorgfältige Mülltrennung im häuslichen Bereich, die Verweigerung von Plastik und die Vermeidung von Alkohol.  

Ihr müsst härter entspannen

Smechowski registriert eine Entschlossenheit zum Wettbewerb mit ungemütlichen Aspirationen. Während sie in Berlin die Yogastunden ihrem Leistungswillen angepasst fand, sprengt das polnische Pensum den Rahmen gymnastischer Geselligkeit.

Yoga als Leistungssport.  

Stokowski winkte ab. Offenbar war ihr das Phänomen vertraut. Sie erfasste es in dem polnischen Appell:

„Ihr müsst härter entspannen.“  

Rückwärtsgewandte Positionen kollidieren mit Fortschrittseuphorie.

Beobachtungsgewinne schöpft das Mutter- & Tochter-Team aus der Differenz. In Polen gibt es zwar keine Pfandflaschen, aber gesungene Ansagen. Der Vermieter bringt die Sauberkeit der Stadt mit der Abwesenheit von Flüchtlingen in einen Zusammenhang. Die Autorin interveniert im Geist der Flüchtlingssolidarität. Der Vermieter zuckt zurück.  

Smechowski lässt ihre Leser*innen bedenken, dass gegen autoritäre Bestrebungen auch gefestigtere Demokratien als die Newcomer aus dem Wilden Osten nicht immun sind.

Die Überlieferung solcher Tacklings in den Grauzonen machen das Buch lesenswert. Smechowski überzieht nicht. Sie meldet stets auch die eigene Mutlosigkeit. Sie will in Polen nicht deutsch sein. Aber was könnte sie sonst sein … mit ihrer Berliner Sozialisation, dem westeuropäischen Hygienestandard, der allergischen Abwehr horizontaler Gerüche, dem leicht aufkommenden Ekel, der halbunbewussten Überheblichkeit.

Es sind die Kleinigkeiten. Die Fünfzigjährige am Strand, die einen laufenden Meter namens Karol mit einer Stulle in ihr Handtuchrevier lockt, könnte bei uns die Mutter sein. In Polen sind alte Mütter selten, während es zuhauf junge Großmütter gibt.

„Kaum eine Gesellschaft auf der Welt ist so homogen wie die Polens.“

Mir gefällt diese halb harmlose Präzision, mit der Smechowski einen Sommertag am Meer Instagram-typologisch abgrast. Es ist alles da im Sonnenschein des westlichen Weltmaßstabs. Die Körper, ob männlich oder weiblich, laborieren im permanenten Krisenmanagement an der Fragilität von Bestverfassungen. Die Autorin schildert auto-ikonografische Choreografien wie man sie überall auf der Welt sieht … und wundert sich leise, dass es das auch in Polen gibt.

„Polen ist weiß, polnisch, katholisch.“

Smechowski erlebt Einkaufszentren als klimatisierte Höllen und hat doch nicht die Wahl. Der Einzelhandel existiert zumindest da nicht mehr, wo sich die Autorin bewegt.

Die katholische Kombination

Smechowski datiert das Jahr, in dem Polen seine Pole erhielt. Kaczyński und Wałęsa erscheinen als Würdenträger der Differenz und erbitterte Antagonisten, seit sie 1989 in ihren Lagern verschiedene Marschrouten verkündeten.

Die Autorin trifft die Legende Wałęsa mit einem Schraubenzieher in der Hand. Die Szene ist so surreal, dass man sie nur überzeichnen kann. Wałęsa führt sich als greiser Milizangler vor; in der Manie(r) jener, die im Camouflage Anzug, Würmer aufspießt. Er übertrifft alle Klischees, die sich mit seiner Person verbinden. Er verkörpert einen Gipfel des schlichten Gemüts in der katholischen Kombination mit intransigenter Gläubigkeit. Der polnische Katholizismus ist martialisch, fest im Fleisch auch als Stachel.  

Solidarność war eine katholische Arbeiterbewegung. Wo auf der Welt hat es sowas schon gegeben?

Smechowski: „Was denken Sie über …?“

Wałęsa: „Hören Sie, gute Frau. Ich denke erst mal gar nichts. Ich bin hier nicht zum Denken.“

Trinken als Kunstform

„Das alte Polen steckt vor allem noch in der staatlichen Erziehung“, erklärte Smechowski auf der Theaterbühne, so wenig herausgefordert wie erschüttert von den Wodkagaben, die ihr Stokowski abverlangte.

Trinken auf der Bühne war eine Kunstform einst, der Harry Rowohlt die höchste Geltung verschaffte, bevor er, wiederum öffentlich, in die Nüchternheit migrierte, wo er erst erblasste und dann verblich.

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