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29.08.2019, Jamal Tuschick

Hunger ist ein Thema in Maike Wetzels Erzählband „Entfernte Geliebte“.

Hungrige Gesichter

Vor ihren Einsätzen haben Jockeys „hungrige Gesichter“. Ihre federnde Leichtigkeit wirkt anziehend auf die magersüchtige Schwester der Erzählerin. Die Geschwister erscheinen als Rennbahnkiebitze in Begleitung der Eltern, die nahtlos zur besseren Gesellschaft aufschließen. Die Frauen zerkleinern Pferdemist mit ihren Absätzen. Die Männer gestatten sich keine Lockerung der Krawattenknoten. Die Jockeys erscheinen nach getaner Arbeit nicht weniger abgehalftert als ihre Pferde. Kellnerinnen tragen überladende Tabletts zu den Reitern, die vor den Ställen professionell versäumte Mahlzeiten nachholen, zur Behebung jener Mangelerscheinungen, die sie qualifizieren.

Maike Wetzel, „Entfernte Geliebte“, Erzählungen, Schöffling und Co, 236 Seiten, 20,-

Darum geht es in der Geschichte „Geister“. Maike Wetzel sammelt Beispiele für den freiwilligen Verzicht von Nahrung in einer Überflussgesellschaft. Judoka einer Schulmannschaft „machen Gewicht“ auf dem Weg zu einem Wettkampf.

„Der Meister hat die Heizung aufgedreht bis zum Anschlag.“

Die Tortur findet in einem Auto statt. Hundert Kilometer Schwitzen. „Ob das reicht?“ - Um von einer Waage das persönliche Limit angezeigt zu bekommen. Manche verlieren noch im Dauerlauf ein Kilo in der Halle: im Verlauf der letzten sechzig Minuten vor Wiegeschluss. Die Erzählerin vergleicht sie mit Strafgefangenen. Sie betont die Unfreiheit am Rand der Ohnmacht. In den Mattenpaarungen gibt es mitunter gar nichts mehr auszutragen. Von der Schwerstarbeit der Gewichtsreduktion bis zum Umfallen Geschwächte fehlt sogar die Kraft, um an der Schmerzgrenze im Vorraum der Bewusstlosigkeit die Niederlage anzumelden, das heißt abzuklopfen.

Maike Wetzel streift in „Geister“ über ein weites Feld. Überall da, wo Gewichtsklassen, Chancengleichheit garantieren sollen, spielt „Gewicht machen“ eine Rolle für alle jene, die nicht einem Ideal entsprechen, das sich aus dem günstigsten Verhältnis von Größe und Gewicht ergibt. Die meisten sind zu schwer für ihre Größe; ein verwehter Hinweis auf die Gleichgültigkeit der Evolution, soweit es Fairness im Sinne annährend gleicher Voraussetzungen betrifft. In der Steinzeit gab es keine Gewichtsklassen. Wer kleiner war oder sich blöd angestellt hat, verlor seine Teilnahmeberechtigung ohne amtsärztliches Attest. Von diesem Egal ist noch etwas übrig. Innerhalb der Gewichtsklassen können Unterschiede im Exzellenzspektrum immer noch gravierend sein, nach der Devise same same but different.

Die Schwester der Erzählerin hält sich an Kafka und einen Therapeuten. Sie hintertreibt alle Bemühungen, ihr das Hungern auszutreiben. Sie weiß, sie vollbringt eine Leistung, die nicht geringer zu veranschlagen ist als Jockey- und Judoka-Siege. Es geht um Vorzüglichkeit, um einen natürlichen, den Begünstigten beflügelnden Vorsprung, der ausgebaut werden kann. Der Ausbau bietet sich als Spielraum erweiterter Konkurrenzen an.

Man vernimmt einen Appell des Lebens, der alte Ohren nicht erreicht. Tritt der schulbeste Judoka in Erscheinung, applaudieren die hungergehärteten Schulschönheiten mit ihrem großzügigsten Lachen.

Doch halten die Wenigsten durch.

Auf „Geister“ folgt „Gras und Rüben“. Eine andere Potenz kommt zur Sprache. Ein „stummer Drechsler“ braucht kein Gebiss; „zerbeißen könnte ich euch auch so“. Er bevölkert den Gegenparnass zu dem Olymp Gewicht machender (ihre Attraktivität steigernder) Jugendlicher. Er ist der Großvater der sechzehnjährigen Erzählerin, die Nonne zu werden erwägt; es aber auch verlockend fände, Automaten aufzufüllen. Die Erzählerin wurde mit einem Russen auf einer Fleischermesse gezeugt. Der Fleischer, den sie Papa nennt, ist nicht der Erzeuger.

Wetzels Geschichten wirken wie voraussetzungsabhängige, jedoch von ihren Voraussetzungen abgeschnittene, etwa nach einem Brand oder Wassereinbruch übriggebliebene Romankapitel. Zumindest erzeugen sie die Illusion, einer instruktiven, aber abhandengekommenen Vorgeschichte nachzufolgen. Nebenfiguren kriegen Licht, Namen und Leidenschaften, während die Erzählerin im Plural ihrer Diversität wie ein Borkenkäfer Kanäle unter die Rinde bohrt. Man erfährt, dass sie im Jahr des Sturms auf die Prager Botschaft auf Karla eifersüchtig und in Flips verliebt ist. Karla und Flips sind Figuren mit erzähltem Atem, das erzählende Ich ist ein Phantom, flüchtig sogar nach eigenem Ermessen.

In „Zeugen“ flüchten Jahreszeiten aus dem Arrest der Erzählerinnenwahrnehmung. Ein Frühling macht dem nächsten Winter die Tür auf. Das ist die Ansage. Irgendwann versteht der Leser, dass „der Anblick tödlich verunglückter Jugendlicher“ die Erzählerin um Sommer und Herbst gebracht -; dass sie einen Sommer und einen Herbst zum Begreifen gebraucht hatte. Das ist ein schöner Rahmen.

Die Geschichte dreht sich um den Todesfahrer. Die Erzählerin erinnert sich an einen Arslan, der sie vergeblich begehrte. Ihm gegenüber bewies sie Machtbewusstsein. Sie lachte ihn aus und vergewisserte sich ihrer Motive.

„Ich hatte es getan, weil ich es konnte, weil es in meiner Macht stand.“

Nicht, dass sie etwas zu bereuen wüsste.    

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