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30.08.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend unterhielt sich Ulrike von Stenglin in der Berliner Z-Bar mit Tobias Wilhelm über „das bodenlose Lebensgefühl geborener Störfaktoren“, die als Helden in Wilhelms erstem Roman „Weißer Asphalt“ in Zuständen zwischen Lethargie und Aufruhr auf gesellschaftlichen Außenbahnen den heißen Brei der Mitte umkreisen.

Keine Gewaltglorifizierung

Tobias Wilhelm vor der Z-Bar (c) Kristin Rosenhahn

Man sieht es kaum. Da sitzen, im Hinterzimmer der Z-Bar Ulrike von Stenglin und Tobias Wilhelm

Auf einer Reibe der Industrialisierung gehobelte Idyllen am Trockensaum der Mäanderbusen des Rheins dienen der rauen Geschichte als Kulissen. Ein nie gedrehter Fall für Zwei könnte von der Verklappung toxischer Rückstände in den Rhein eben da handeln, wo Tobias Wilhelm herkommt und die Schauplätze seines Romandebüts liegen. Budenheim versteckt sich in einem rheinpfälzischen Knick hart an der Grenze zu Hessen. Schmiedeeiserne Rüdesheimer Stimmungen kollidieren mit der Waschbetonhärte von Plattenbauten. In Auen geklotzte Siedlungen erscheinen als Refugien eines zeitgenössischen Glücks im Winkel; so wie sie von abgedrängter Armut erzählen, oder, um es ungefähr mit Margarete Stokowski zu sagen: volle Plastiktüten können beides bedeuten: akuter Wohlstand und verschleppter Untergang. Tobias Wilhelms Helden sind die Söhne jugoslawischer Bürgerkriegsflüchtlinge und deren ethnisch diverse Korona. Sie haben einen rituell geprüften Gewaltvorsprung. Ab und zu müssen sie ihre Revieransprüche einem Elchtest unterziehen. Das entspricht einer Verlängerung der Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung mit anderen Mitteln. Wilhelm beschreibt, wie unlustig und unheroisch die Härtereferenzen auf den Asphaltbühnen nachgewiesen werden. Keine Gewaltglorifizierungen: das ist erzählerische Absicht.   

Ulrike von Stenglin (die Lektorin und Verlagsleiterin gestaltet die erst in diesem Jahr dazugekommene Hanser-Verlagssparte hanserblau mit), befragte den Autor in der Z-Bar. Wilhelm abtwortete so spröde wie direkt. Man spürte eine Reserve gegenüber akademischen Literaturbegriffen. Wilhelm kommt vom Rap und weiß sich mit der Zukunft im Bund, wenn er drastische Formulierungen längst etabliert findet. Der studierte Drehbuchautor forciert szenische Auflösungen und vermeidet Introspektionen. Die eigene in einer Gemengelage zwischen Döner und Saumagen absolvierte Jugend begreift er als „Recherchezeit“. Sich selbst charakterisiert Wilhelm als eines jener kaum beachteten Nachwuchstalente, die den Heroen das Straßenkampfequipment anreichen durften.

Stenglin wollte wissen, warum der Erzähler, ein junger Bosnier, namenlos geblieben ist. Wilhelm erklärte, er habe sich mit keinem Namen wohl gefühlt, der ihm in den Sinn gekommen sei. Es entsprach einer „erzählerischen Notwenigkeit“ das erzählende Ich nicht mit einem Namen einzuhegen.

Meine Besprechung

Die Kompetenz des Kantholzes

In „Weißer Asphalt“ erzählt Tobias Wilhelm eine alte Geschichte neu. Sein namenloser Held absolviert eine kriminelle Straßenkarriere wie ferngesteuert oder mondsüchtig. Er schlägt die Chancen seiner Intelligenz aus, um mit den Wölfen zu heulen, eher noch mit den letzten Heulern auf Rheinmain.   

Vor einer Massenschlägerei wird dem Erzähler übel. Ich erlebe seine Übelkeit, so eindringlich ist die Schilderung. Tobias Wilhelm verzichtet auf jede Effekthascherei. Er erzeugt keine Intensität auf Gewaltbasis. Die Prosa segelt wie ein Windjammer durch die Spannungsbögen. Am Ende ist einer so gut wie tot. Er wurde so kunstlos zusammengeschlagen wie es dem Komment der Banden entspricht. Man setzt auf die Kompetenz des Kantholzes. Das Prinzip heißt Abschreckung durch Einschüchterung. Den Revierkampf halbwegs unblessiert überstanden haben von den Nennenswerten Fabio, Sascha, der Erzähler - und Marc. Der bullige Homie teilt sein Zimmer mit einem kaum dem Säuglingsalter entwachsenen Bruder.

Tobias Wilhelm, „Weißer Asphalt“, Roman, hanserblau, 187 Seiten, 16,-

Erwischt hat es Ariano. Der Rekonvaleszent distanziert sich von den Freunden. Er zeigt sich verhaltensauffällig. Während alle damit rechnen, dass Ariano, angetrieben von der Angst vor Reputationsverlust, schließlich hat man ihn vom Asphalt gekratzt, zur Wiederherstellung seiner Straßenglaubwürdigkeit umgehend die Konfrontation mit dem Feind sucht, geht er auf Schmusekurs. Ein Vertrag kommt zustande in der Dualität von Angebot und Annahme. Eine Invitatio ad offerendum in einem Burger King irgendwo im Rheinmaindelta findet Gehör bei Leuten, die ab einem bestimmten Grad funktionaler Gegenwehr automatisch bündnisfreudig werden. Warum es sich schwer machen? Gibt doch genug, die sich einfach ergeben, wenn man vor ihren Augen sein Image poliert.

Wilhelm erzählt das so genau, dass sich mir das flaue Gefühl in der Magengrube mitteilt, dass zu den Grundempfindungen des Erzählers gehört. Die Hände zittern, der ganze Mann flattert. Das ist kein schönes Leben; man hat die Axt im Hinterkopf als schönen Gruß von der Konkurrenz stets vor Augen; den Überfall als alltägliche Praxis, die Heimtücke, die es braucht, sich den Vorteil des Überraschungsmoments zu sichern, die Unzulänglichkeiten der eigenen, heruntergekommen geborenen Parteigänger*innen. Knast in den Knochen. Dealen für ein Auskommen. Halb süchtig, halb flüchtig. Der Vater gibt einem Alltag in Mostar den Vorzug, von einer Mutter ist nicht die Rede.

Immerhin geht der Erzähler mit einer Aussicht auf Abitur zur Schule.  

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