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31.08.2019, Jamal Tuschick

Vorgestern Abend präsentierte Maike Wetzel ihren Erzählband „Entfernte Geliebte“ in der Berliner Buchhandlung „Uslar & Rai“. Sie trat gemeinsam mit ihrem langjährigen Kollaborationspartner, dem Gitarristen Marc Sinan, auf.

Auf der Suche nach etwas Haltbarem

Maike Wetzel in der Berliner Buchhandlung Uslar & Rai

Zwei sind ineinander vertieft, ich glaube, sogar in einer Tiefgarage. Man will ihnen nicht zuschauen, es bleibt einem aber nichts anderes übrig. Wie sie sich aneinander reiben; die Erregung verdankt sich reiner Handarbeit. Die Erzählerin erkennt in der Szene „einen Moment der Ewigkeit im Spiegelkabinett“.

Sie sucht nach etwas, dass hält.

Sie „belichtet Augenblicke“.

Maike Wetzel liest in der brechend vollen Berliner Buchhandlung Uslar & Rai aus ihrem Erzählband „Entfernte Geliebte“. Der Titel überschreibt keine Geschichte im Buch. Vielmehr bildet er eine Summe des Erzählten.

Maike Wetzel lebt als Schriftstellerin, Theater- und Drehbuchautorin in Berlin. Sie studierte Filmregie und Drehbuch an der Münchner Filmhochschule und in Großbritannien. Ihr Roman Elly (Schöffling & Co.) wurde als "Debüt des Jahres 2019" ausgezeichnet. Außerdem erhielt er den Robert Gernhardt-Preis und den Martha Saalfeld-Preis.

Die Erzählerin lebt in Briefen, die sie nicht abschickt. Sie reduziert sich, bis sie in einer osmotischen Verfassung die Welt als semipermeable Membran erlebt. Sie isst, was andere zurückgehen ließen. Sie ist, was andere nicht sein mögen.

So gut wie nichts mehr zu brauchen, erscheint ihr als Zustand so, als entspanne sie im Kopfstand an einem Gipfelkreuz über steil abfallenden Wänden.

Vielleicht geht meine mitschreibende Imagination längst eigene Wege, aber genau das provoziert der hermetische Aufbau der Geschichten. Ich vernehme den tiefen Ton einer Prosa in der Suggestion eines Einschlusses. Weggesperrt, denke ich. Entlegene Wörter kommen mir in den Sinn, Karzer zum Beispiel … dem Karzer entkommene Wörter.

Der Gitarrist und Komponist Marc Sinan kollaboriert mit Wetzel in einem Wechselspiel. In seinem Werk fließen armenische, türkische und deutsche Einflüsse in einem babylonischen Strom zusammen. Im Delta von Euphrat und Tigris kroch Europa aus dem Schlamm. Sinan sieht so aus, als wüsste er Näheres.

Er findet, man müsse nicht alles verstehen. Wetzel produziere „Lyrik im Prosagewand“ und lade zu nachspürenden Erkundungen ein. Die Autorin versteht sich selbst in erster Linie als Erzählerin. Ihr behagt „Intensivität auf kurzer Strecke“. Katharina von Uslar sekundiert: „Alle deine Geschichten gehen sofort los.“

Wetzel und Sinan waren gemeinsam in China. Da sei ein Leben ohne Smartphone nicht möglich; noch nicht mal ein Einkauf. Der Staat habe das Internet zu einem Instrument der totalen Kontrolle gemacht; dabei die dystopischen Dimensionen der einschlägigen Literatur wie kaputtes Kinderspielzeug aussehen lassend.

Das Internet ist die Unterwelt in Wetzels aktuellen Werk. Die Autorin verbindet es mit Orpheus und Euridike. Ich habe die Erzählungen gelesen, ohne dass mir das eingefallen wäre. Es gibt, so Wetzel und Sinan im Geist einer musiktheatralischen Kollaboration, eine chinesische Version des euro-mythologischen Stoffs, deren Inszenierung achtzehn Stunden dauert und glücklich endet. Euridike erscheint in dieser Fassung als Regelbrecherin im Selbstermächtigungsfuror. Sie erkennt ihre Lage in einem „gesellschaftlichen Gefängnis“ und rebelliert dagegen.

Sinan annonciert das artistische Unterfangen so:

Orpheus und Euridike begegnen Du Liniang und Liu Mengmei: „Endless Pleasures“ ist ein musiktheatraler Fiebertraum, der chinesische und europäische Varianten der ewigen Liebe live und virtuell zugleich beleuchtet. Leben die Geister heute im Reich der Daten? Gemeinsam mit dem Puppentheater Halle und der interdisziplinären Plattform whiteBOX München realisiert die Marc Sinan Company in enger Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern wie dem jungen Ensemble ConTempo Beijing des Central Conservatory of Music in Peking eine zweiteilige Oper, die bis nach China tourt. Die Vorlage für die erste europäische Oper überhaupt, „L’Orfeo“ von Monteverdi, ähnelt stark einem beliebten chinesischen Kunqu-Stück, dem „Päonienpavillon“ von Tang Xianzu. Beide Werke erzählen von einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Die Kombination der Disziplinen und Vorlagen ist dabei einmalig: Neue Musik trifft auf traditionelle chinesische Instrumente, Puppenspiel auf virtuelle Kunst und Performance. Der erste Teil „Geister“ wird als Wandelkonzert im Münchner Werksviertel realisiert, wobei die berühmte kasachische Schamanin und Sängerin Ulzhan Baibussynova die Toten mit ihrem Kehlkopfgesang erwecken wird. Der zweite Teil „Orpheus & Du Liniang“ feiert in Halle (Saale) Premiere. Hier agieren Puppenspieler live mit Opernsängerinnen aus China und Deutschland.

Meine Besprechung

Hungrige Gesichter

Hunger ist ein Thema in Maike Wetzels Erzählband „Entfernte Geliebte“.

Eingebetteter Medieninhalt

Vor ihren Einsätzen haben Jockeys „hungrige Gesichter“. Ihre federnde Leichtigkeit wirkt anziehend auf die magersüchtige Schwester der Erzählerin. Die Geschwister erscheinen als Rennbahnkiebitze in Begleitung der Eltern, die nahtlos zur besseren Gesellschaft aufschließen. Die Frauen zerkleinern Pferdemist mit ihren Absätzen. Die Männer gestatten sich keine Lockerung der Krawattenknoten. Die Jockeys erscheinen nach getaner Arbeit nicht weniger abgehalftert als ihre Pferde. Kellnerinnen tragen überladende Tabletts zu den Reitern, die vor den Ställen professionell versäumte Mahlzeiten nachholen, zur Behebung jener Mangelerscheinungen, die sie qualifizieren.

Maike Wetzel, „Entfernte Geliebte“, Erzählungen, Schöffling und Co, 236 Seiten, 20,-

Darum geht es in der Geschichte „Geister“. Maike Wetzel sammelt Beispiele für den freiwilligen Verzicht von Nahrung in einer Überflussgesellschaft. Judoka einer Schulmannschaft „machen Gewicht“ auf dem Weg zu einem Wettkampf.

„Der Meister hat die Heizung aufgedreht bis zum Anschlag.“

Die Tortur findet in einem Auto statt. Hundert Kilometer Schwitzen. „Ob das reicht?“ - Um von einer Waage das persönliche Limit angezeigt zu bekommen. Manche verlieren noch im Dauerlauf ein Kilo in der Halle: im Verlauf der letzten sechzig Minuten vor Wiegeschluss. Die Erzählerin vergleicht sie mit Strafgefangenen. Sie betont die Unfreiheit am Rand der Ohnmacht. In den Mattenpaarungen gibt es mitunter gar nichts mehr auszutragen. Von der Schwerstarbeit der Gewichtsreduktion bis zum Umfallen Geschwächte fehlt sogar die Kraft, um an der Schmerzgrenze im Vorraum der Bewusstlosigkeit die Niederlage anzumelden, das heißt abzuklopfen.

Maike Wetzel streift in „Geister“ über ein weites Feld. Überall da, wo Gewichtsklassen, Chancengleichheit garantieren sollen, spielt „Gewicht machen“ eine Rolle für alle jene, die nicht einem Ideal entsprechen, das sich aus dem günstigsten Verhältnis von Größe und Gewicht ergibt. Die meisten sind zu schwer für ihre Größe; ein verwehter Hinweis auf die Gleichgültigkeit der Evolution, soweit es Fairness im Sinne annährend gleicher Voraussetzungen betrifft. In der Steinzeit gab es keine Gewichtsklassen. Wer kleiner war oder sich blöd angestellt hat, verlor seine Teilnahmeberechtigung ohne amtsärztliches Attest. Von diesem Egal ist noch etwas übrig. Innerhalb der Gewichtsklassen können Unterschiede im Exzellenzspektrum immer noch gravierend sein, nach der Devise same same but different.

Die Schwester der Erzählerin hält sich an Kafka und einen Therapeuten. Sie hintertreibt alle Bemühungen, ihr das Hungern auszutreiben. Sie weiß, sie vollbringt eine Leistung, die nicht geringer zu veranschlagen ist als Jockey- und Judoka-Siege. Es geht um Vorzüglichkeit, um einen natürlichen, den Begünstigten beflügelnden Vorsprung, der ausgebaut werden kann. Der Ausbau bietet sich als Spielraum erweiterter Konkurrenzen an.

Man vernimmt einen Appell des Lebens, der alte Ohren nicht erreicht. Tritt der schulbeste Judoka in Erscheinung, applaudieren die hungergehärteten Schulschönheiten mit ihrem großzügigsten Lachen.

Doch halten die Wenigsten durch.

Auf „Geister“ folgt „Gras und Rüben“. Eine andere Potenz kommt zur Sprache. Ein „stummer Drechsler“ braucht kein Gebiss; „zerbeißen könnte ich euch auch so“. Er bevölkert den Gegenparnass zu dem Olymp Gewicht machender (ihre Attraktivität steigernder) Jugendlicher. Er ist der Großvater der sechzehnjährigen Erzählerin, die Nonne zu werden erwägt; es aber auch verlockend fände, Automaten aufzufüllen. Die Erzählerin wurde mit einem Russen auf einer Fleischermesse gezeugt. Der Fleischer, den sie Papa nennt, ist nicht der Erzeuger.

Wetzels Geschichten wirken wie voraussetzungsabhängige, jedoch von ihren Voraussetzungen abgeschnittene, etwa nach einem Brand oder Wassereinbruch übriggebliebene Romankapitel. Zumindest erzeugen sie die Illusion, einer instruktiven, aber abhandengekommenen Vorgeschichte nachzufolgen. Nebenfiguren kriegen Licht, Namen und Leidenschaften, während die Erzählerin im Plural ihrer Diversität wie ein Borkenkäfer Kanäle unter die Rinde bohrt. Man erfährt, dass sie im Jahr des Sturms auf die Prager Botschaft auf Karla eifersüchtig und in Flips verliebt ist. Karla und Flips sind Figuren mit erzähltem Atem, das erzählende Ich ist ein Phantom, flüchtig sogar nach eigenem Ermessen.

In „Zeugen“ flüchten Jahreszeiten aus dem Arrest der Erzählerinnenwahrnehmung. Ein Frühling macht dem nächsten Winter die Tür auf. Das ist die Ansage. Irgendwann versteht der Leser, dass „der Anblick tödlich verunglückter Jugendlicher“ die Erzählerin um Sommer und Herbst gebracht -; dass sie einen Sommer und einen Herbst zum Begreifen gebraucht hatte. Das ist ein schöner Rahmen.

Die Geschichte dreht sich um den Todesfahrer. Die Erzählerin erinnert sich an einen Arslan, der sie vergeblich begehrte. Ihm gegenüber bewies sie Machtbewusstsein. Sie lachte ihn aus und vergewisserte sich ihrer Motive.

„Ich hatte es getan, weil ich es konnte, weil es in meiner Macht stand.“

Nicht, dass sie etwas zu bereuen wüsste.    

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