MenuMENU

zurück zu Main Labor

01.09.2019, Jamal Tuschick

In der Tucholsky Buchhandlung unterhielten sich Magdalena Gwóźdź, Andreas Rostek und Felix Ackermann über die sehr verschiedenen Gedenkformate zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen am 1. September in Polen und Deutschland.

Autoritäre Schweiger

Von rechts: Jörg Braunsdorf, Felix Ackermann, Magdalena Gwóźdź, Andreas Rostek

Eingebetteter Medieninhalt

Am 1. September vor achtzig Jahren überfiel Deutschland Polen. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist das Datum eine verdrängte Marke. Daran ändert die Teilnahme der Bundeskanzlerin (als Prominenteste der Entourage des Bundespräsidenten) am Staatsakt in Wieluń nichts. Die aus einer Festung herausgewachsene Stadt war den ersten Kriegshandlungen der deutschen Luftwaffe ausgesetzt. Sie wurde am Einmarschtag bombardiert, womöglich zu Schlagkrafttestzwecken. Folglich entsprach die erste deutsche Kriegshandlung gleich dem ersten Kriegsverbrechen. Angela Merkels Auftritt im Halbdunkel ihrer Kanzlerinnendämmerung hat die politische Kraft eines Blumenstraußes. Im Verhältnis der ungestützt regierenden Rechtspopulisten zur Bundesrepublik kommt es auf Merkel nicht mehr an. In ihrer Glanzzeit verorteten die Deutschen ihre polnischen Nachbarn hinter dem europäischen Rücken – einem schlecht dokumentierten Limes. Sie wussten/wissen alles über Großbritannien und nichts über Polen. Oder um es mit Stephan Wackwitz zu sagen: „Auch gebildete Zeitgenossen meiner Generation haben nur ganz nebelhafte Vorstellungen von den Ländern und Gesellschaften zwischen Deutschland und Russland … Das politische Unbewusste meiner Generation hat es offenbar noch nicht geschafft, Länder wie Polen … als eigenständige, gleichberechtigte und politisch handlungsfähige Staaten wahrzunehmen.“

Polen, aufgeforstet von einem mittelprächtigen Wirtschaftswunder, geht die deutsche Ahnungslosigkeit am Knie vorbei. Vor diesem tristen Hintergrund diskutierten gestern Abend Magdalena Gwóźdź, Andreas Rostek und Felix Ackermann in der Tucholsky Buchhandlung. Sie waren einer Einladung von Jörg Braunsdorf gefolgt, der seinen Laden als politische Kiezschaltstelle im Sinne des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen Rechts begreift. Der moderierende edition.fotoTAPETA-Verleger Andreas Rostek fragte:

„Wie also an Polen denken?“

Er variierte den Ausgangspunkt des Gesprächs, ohne der Absurdität Raum zu geben, dass es für diese Frage keine gesellschaftliche Resonanz gibt. Zu den vielen Verdrängungsleistungen, die in Deutschland erbracht wurden, gehört der Mangel an Schuld- und Unrechtbewusstsein in der Kriegsteilnehmersphäre. Anders ist das Märchen von der sauberen Wehrmacht gar nicht zu verstehen. Aber die Veteranen waren in ihrer Mehrheit frei von Reue. Ich erinnere mich noch gut daran, wie übel man Brandt den Kniefall zu Warschau nahm, und wie unumwunden das Entgegenkommende der sozialdemokratischen Ostpolitik sowie die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Verrat begriffen wurden. Das schuldhafte Erleben war erst ein Teil der Rebellion nachfolgender Generationen gegen die autoritären Schweiger. Die Kinder der Täter machten die Schuld zum Thema. Vorher war Schuld kein Thema.

In der allgemeinen Geschichtsvergessenheit blühen Legenden. Rostek fragte den in Warschau forschenden und in der Tucholsky Straße zur Welt gekommenen und deshalb zur Stunde des Gesprächs von der eigenen Kindheit berührten Historiker Felix Ackermann nach der Bedeutung des Datums, dass der Einkehr den Anlass stiftete, in dessen Familie. Ackermann antwortete mit einer Lesung aus den Erinnerungen einer Überlebenden.

Und ich fürchte meine Träume

Wanda Półtawska überlebte das Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie auf einer Nebenstrecke der Zwangsarbeit medizinischen Experimenten unterworfen wurde. Ihre promovierten Peiniger*innen hießen Herta Oberheuser, Rolf Rosenthal, Karl Gebhardt und Fritz Ernst Fischer. Półtawska suchte Zuflucht im Tagebuch. Auf die Dokumentation des Grauens stand die Todesstrafe.

„Mehr als das Leben“ sollte „Und ich fürchte meine Träume“ nach dem Willen von Wanda Półtawska heißen.

„Wir träumten mitten im Krieg von einer internationalen Schule“, schreibt sie. Półtawska bekannte sich, um zu zeigen, „dass der Mensch mehr ist, als er will“.

„Freiheit bedeutet, dem eigenen Gewissen zu folgen.“

Półtawska findet, dass viele Jugendliche heute dümmer wirken als Jugendliche vor siebzig Jahren. Es sei auch das Wissen verlorengegangen, was eine Entscheidung ist.

Leben heißt urteilen, sagt Camus. Der Mensch muss sich entscheiden, sagt Półtawska. – Und mit den Folgen klarkommen.

Półtawska glaubt nicht an die Kollektivschuld. Jeder Mensch mache sich individuell schuldig oder eben nicht.

Ackermann sprach von einer katholisch Erleuchteten. Auch da kam die Kraft der Solidarność her; auch hier könnte man sich einem polnischen Mysterium widmen. Półtawska erzählte Ackermann, dass es schon vor dem Krieg Unterwanderer im Dienst der Deutschen gegeben habe, die das harmloseste Vereinswesen belauschten. Ihren Widerstand verstand die Heldin als Akt der Vaterlandsliebe.

Nach dem Vortrag steuerte Ackermann persönliche Erlebnisse bei. In der DDR fiel der 1. September nicht allein auf den ersten Schultag nach den Sommerferien, sondern auch auf den Weltfriedenstag. Die Koinzidenz habe den Überfall auf Polen im kollektiven Gedächtnis gehalten, wenn auch völlig umgebungslos.

Die Angelegenheit blieb eine von Phantomen bevölkerte Leerstelle; wobei natürlich jeder für sich den Dingen auf den Dachböden der Großeltern nach seinen Neigungen hinterher steigen konnte. Wer ein familiengeschichtliches Interesse hatte, hielt irgendwann auch Opas Kriegsfotoalbum in Händen.

In Polen ist der 1. September ein Tag der nationalen Selbstvergewisserung mit Fahnenappellen und Ansprachen in den Schulen. Das erklärte die Journalistim Magdalena Gwóźdź.

„Als Kind glaube ich, dass der II. Weltkrieg allein ein Deutsch-Polnischer Krieg war.“

Das verweist auf eine Erinnerungskultur, der die Deutschen in einer aufschlussreichen Opfer-Täter-Relation das Gegenteil anbieten.

Ackermann flankierte: „In Deutschland ist Polen der Schauplatz des Holocausts.“

Bezogen auf die polnischen Juden sei der Holocaust 1943 „weitgehend abgeschlossen gewesen“. Man habe dann mit den Polen weitergemacht, im Zuge einer Erweiterung der Ausrottungsabsichten. Auch das bleibt in Deutschland unbetrachtet, während die Nachkommen der dem Vernichtungswillen Ausgesetzten sich ihre Opferrolle vom Holocaust nicht bestreiten lassen wollen.

„Die Deutschen in Polen: das war alltäglicher Terror nonstop.“

Gwóźdź betonte diesen Aspekt: „Die Narration in der Volksrepublik Polen war so, dass die nichtjüdischen Polen als Opfer des deutschen Terrors im Vordergrund standen.“

Ackermann ergänzte. Man habe den drei Millionen ermordeten polnischen Juden drei Millionen nichtjüdisch-polnischer Mordopfer symmetrisch zugeordnet.

„Ab Dreiundvierzig widmete sich die Wehrmacht der Ermordung der (nichtjüdischen) Polen.“

Die polnischen Juden sollten nicht als dominante Opfergruppe historisch werden. Es gibt ein volksrepublikanisches Polit-Kino, das in diesem Kontext vorbildlich erscheint.

Die nationalkommunistische Erinnerungspolitik schloss Juden vom polnischen Martyrium aus

Ich denke gerade an den Michelangelo Antonionis „Blow Up“-Ästhetik von 1966 antizipierenden Spielfilm „Die Passagierin“ von Andrzej Munk. Der Regisseur verunglückte vor der Premiere 1961 in der Gegend von Łowicz tödlich. Munk hatte Szenen in Auschwitz-Birkenau gedreht und war auf der Rückfahrt. Witold Lesiewicz beendete den Film. In der Hauptrolle erscheint Liza. Sie gibt sich als Überlebende der nationalsozialistischen Mordmaschine aus. In einer späteren Fassung des Selbst erscheint sie als Aufseherin. In der ersten Rückblende sucht sie den geringsten Abstand zu der aufgeflogenen Täteropferumkehr-Pseudoidentität, indem sie sich als wohltätige Wärterin darstellt.
Lizas Gegenspielerin ist eine politische Gefangene, die sich im Konzentrationslager bodenlos-bebender Anbetung erfreut.

„Der Holocaust ist nach wie vor eines der wichtigsten Themen im polnischen Kino.“ Magdalena Saryusz-Wolska
Die nationalkommunistische Erinnerungspolitik schloss Juden vom polnischen Martyrium aus. Zugleich gab es eine „sozialpsychologische Ratlosigkeit“ bei der Inkorporation des jüdischen Schmerzes. Deshalb ist Lizas Gegenspielerin politisch und nicht jüdisch.

Das polnische Amselfeld

Um es bündig zu sagen: Der lächerliche deutsche Exkulpationstext hält der Wirklichkeit eines fortgesetzten, die nichtjüdischen Polen einraffenden Massenmordens nicht stand. Dass das den Deutschen weitgehend egal ist, sollte ein Skandal ein.

Rostek sprengte den von ihm vorgegebenen Rahmen. Er beleuchtete in einem Abschlussszenario mit Anmutungen eines barocken Tafelbildes die Fremdenfeindlichkeit aus der polnischen Innenperspektive. Polen verstünde sich als „Vorposten der Christenheit“. Von daher bezöge die Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość eine rauschhaft-ungehemmte, nicht einfach abstellbare Zustimmung.  Die PiS arbeitet an einem Mythos, nach dem sich Polen von den Knien erhoben habe, um „die Rettung Europas vor sich selbst“ als Kampf gegen westliche Liederlichkeit und Permissivität zu führen. Die Nationalisierung des Warschauer Aufstandes verstärke den Mythensockel. Die Hauptlast trage eine Verteidigungstat, die 1683 das Antlitz der Welt veränderte. Rostek nannte die Septemberschlacht am Kahlenberg „das polnische Amselfeld“. Ein polnischer König beendete die osmanische Vorherrschaft in Europa. Siegreich führte Jan III. (Johann Sobieski) eine Allianz gegen die Belagerer Wiens. Aus diesem Ereignis macht Jarosław Kaczyńskis Partei patriotisches Theater. Emilia Smechowski schreibt in ihrer Bestandsaufnahme „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“: „Für die PiS … wird der Staat nicht durch die Gesamtheit aller Bürger legitimiert.“ Nur wer sich patriotisch einreiht, zähle dazu.

Wer einer autoritären Führung den Vorzug gibt, kommt, so Rostek, ohne zwei Feinde nicht aus. Nötig hat er den äußeren Feind, das war 1939 eine Kleinigkeit, und einen inneren Feind. Das waren damals die Juden. Jetzt sind es Muslime als imaginäre Größe im „homogensten Land Europas“ (Emilia Smechowski).

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen