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01.09.2019, Jamal Tuschick

„Geschichten sind wahr, solange sie dauern. Deshalb darf man mit dem Erzählen nie aufhören.“ Stephan Wackwitz erzählt in seinem Essay „Eure Freiheit, unsere Freiheit. Was wir von Europa lernen können“ von einer Neuorientierung. In den 1990er-Jahren erschloss sich Wackwitz osteuropäische Mittellagen und wurde unterdessen zum Atlantiker.

Die unvollkommene Gesellschaft als Utopie

Eingebetteter Medieninhalt

Von einem Tag auf den anderen erscheint ihm verheißungsvoll, was Jahrzehnte nicht einmal die Verwerfungsanstrengungen eines bewussten Verschmähens erlaubt hatte und auf der inneren Landkarte unbesehen mit den Hinweisen versehen worden war, die wir für No-go-Areas bereit halten. Stephan Wackwitz erinnert daran, dass man in seiner Alterskohorte im Gefolge der Generationsführer Joschka Fischer und Gerd Schröder eine dezidiert linke Biografie haben konnte, ohne einen Anker im realexistierenden Sozialismus. Der Osten des Warschauer Pakts lag in der westdeutschen Perspektive weiter weg als Amerika. Er war grau, rissig, schorfig, dreckig und „bemitleidenswert“.

Stephan Wackwitz, „Eure Freiheit, unsere Freiheit. Was wir von Europa lernen können“, Essay, edition.fotoTAPETA, 61 Seiten, 7.50.-

In den 1990er-Jahren erlebt Wackwitz „seine persönliche Osterweiterung“. Im Zuge dieser Abweichung von den toskanischen Normalverläufen erweitert er sein transatlantisches Wissen, das für die polnischen Gesprächspartner*innen eine Diskursvoraussetzung darstellt.

Das Band erzwungener Einigkeit im Warschauer Pakt wurde vor dreißig Jahren in Polen gesprengt. Lech Wałęsa verkörpert den Mythos eines volkstümlichen Widerstands. Der Elektriker trat als Gewerkschaftsführer auf. Doch war seine Solidarność nicht nur eine Gewerkschaft, sondern auch eine Bewegung – die erste Neue Soziale Bewegung im Machtbereich der Sowjetunion. Inzwischen erscheint Polen wegweisend für eine transeuropäische Regression. Die Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość restauriert einen antiquierten Heimatbegriff, der viele ausschließt.

Stephan Wackwitz, geboren 1952 in Stuttgart, studierte Germanistik und Geschichte in München und Stuttgart. Er leitet heute das Goethe-Institut in Tiflis, nach Stationen in Frankfurt am Main, Neu Delhi, Tokio, München, Krakau, Bratislava und New York. Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen von ihm Romane (›Die Wahrheit über Sancho Pansa‹, ›Walkers Gleichung‹), autobiographische Bücher (›Ein unsichtbares Land‹, ›Neue Menschen‹, ›Die Bilder meiner Mutter‹) sowie die Reisebücher ›Tokyo. Beim Näherkommen durch die Straßen‹, ›Osterweiterung‹, ›Fifth Avenue‹ und ›Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan‹.

Wackwitz‘ Amerikageringschätzung endet gemeinsam mit der Verachtung für eine ausgesuchte Garderobe in Warschau. Er fühlt sich ein in „das Nachleben (jener) Flamboyanz“, die den inspirierten Müßiggänger einst vor den Mühseligen und Beladenen auszeichnete. Ein im Westen obsoleter Habitus oszilliert im Osten avantgardistisch.

Wackwitz schwärmt für die Krakauer Szene im Millenniumfieber. Im antikommunistischen Untergrund geschulte „altoppositionelle“ Intellektuelle mit einer „literarischen Orientierung“ und einem moralischen Charme üben ihre Kritik in Scharmützeln mit Internationalisten, die auch auf eine forcierte Dancefloor-Politik wert legten. Diese Leute, Wackwitz nennt sie seine neuen Freunde, sind nicht links, der Autor rahmt das selbstverständlichste Wort seiner politischen Sozialisation, sondern liberal-katholisch. Ihr Held ist der UdSSR-Dämonisierer und Aufrüstungsapostel Ronald Reagan.    

Man ist polnisch, national, katholisch.

Das schreibt auch Emilia Smechowski in ihrer Bestandsaufnahme „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“

„Kaum eine Gesellschaft auf der Welt ist so homogen wie die Polens …Polen ist weiß, polnisch, katholisch.“

Aus der Ankündigung

„Auch gebildete Zeitgenossen meiner Generation haben nur ganz nebelhafte Vorstellungen von den Ländern und Gesellschaften zwischen Deutschland und Russland“, stellte der in Osteuropa weitgereiste Stephan Wackwitz unlängst fest. Und: „Das politische Unbewusste meiner Generation hat es offenbar noch nicht geschafft, Länder wie Polen, die Slowakei oder die Ukraine als eigenständige, gleichberechtigte und politisch handlungsfähige Staaten wahrzunehmen.“ Es hilft dabei wahrlich auch nicht der Umstand, dass „die linke und liberale Empathie in Deutschland oft eher auf der russischen als auf der mittelosteuropäischen Seite“ liegt. In seinem Essay analysiert Wackwitz diesen Befund. Das Buch erscheint zum 1. September, dem 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen.

„Zugehörigkeit“ ist das Zauberwort. Patriotismus lässt sich mit jeder Position verbinden. Die sexuelle Revolution fällt zugunsten einer Kommunion katholischer Seelen im Geist der Leiblichkeit von Scheide und Penis (Hauptsache polnisch) aus.

Wackwitz besingt Adam Michnik, den „coolsten Menschen“, der es fertiggebracht habe, mit seinem größten Widersacher nach Neunundachtzig, dem 2010 tödlich verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński, das schönste Einvernehmen herzustellen.

Die beiden sprachen bei einem Spaziergang darüber, „was sie als … polnische Patrioten gemeinsam für ihr Land tun könnten“.

Wackwitz und Michnik eint der Glaube an Die unvollkommene Gesellschaft.

Bald mehr.

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