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02.09.2019, Jamal Tuschick

Art. 3, Abs. 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Frauensache - Fatima Remli über Gleichberechtigung - Aufgeschrieben von Bastian Koch

(c) Tim Lüddemann

Zurückgedacht an die Gründerzeit der Bundesrepublik Deutschland schaue ich auf die farbenfrohen Kleidungsstücke der Frauen mit ihrem roten Lippenstift, die das Frühstück gemacht haben und gerade Tochter und Sohn zur Schule verabschieden, während ihre Ehemänner ungestört am Küchentisch sitzen und ihre Tageszeitung lesen. Die Kindererziehung und Haushaltsführung war Frauensache.

Das Grundgesetz existiert seit dem 23. Mai 1949 und ist damit älter als das beschriebene Familienbild. Als eine der ersten forderte die Sozialdemokratin und Juristin Elisabeth Selbert Ende der fünfziger Jahre die Gleichberechtigung ein. Ihre damalige Formulierung »Männer und Frauen sind gleichberechtigt« finden wir heute in unserer deutschen Verfassung wieder. 

Selbert ging auf die Straße und wandte sich an die Medien, sie sorgte für Aufmerksamkeit und in der Folge entstanden Zusammenschlüsse von Frauenverbänden, die das bis dahin frauenfeindliche Ehebild ebenfalls verändern wollten. Und langsam konnten sie Erfolge vorzeigen.

Gefühlte Normalität

So trat am 01. Juli 1958 das Gesetz der Gleichberechtigung in Kraft. Regelungen der Familienangelegenheiten und zum Mutterschutz folgten im Juli 1977. Mit dem Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts wurde schließlich ebenfalls 1977 die verpflichtende Aufgabenteilung in der Ehe abgeschafft. Die Entfaltung der Persönlichkeit und die Rechte der Frau entwickelten zumindest eine gefühlte, gesellschaftliche Normalität.

Doch Frauen in Führungspositionen sind noch immer eine Seltenheit. Laut der Allbright-Stiftung (ein schwedische Stiftung, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzt), sind die entsprechenden Zahlen sogar rückläufig; zwischen September 2017 und April 2018 ist der Frauenanteil in Vorständen von 13,4% auf 12,1% gefallen. 

Haben Sie vor, Kinder zu bekommen?

Noch heute müssen Frauen Abstriche in der Karriere machen, damit die Familienplanung nicht darunter leidet, und umgekehrt. In Vorstellungsgesprächen wird gefragt: »Haben Sie vor, Kinder zu bekommen?«. Als würde ein Unternehmen darunter leiden, eine eventuelle Mutter einzustellen, die ganz objektiv alle notwendigen Qualifikationen für die Stelle mitbringen würde. 

In unserer Verfassung ist ganz klar definiert, dass niemand wegen seines Geschlechtes diskriminiert werden darf. Und trotz dieser Garantie im Grundgesetz ist die soziale und politische Benachteiligung von Frauen noch nicht überwunden. Zum Beispiel wenn es um Aufstiegsmöglichkeiten und die Bezahlung geht. Um tatsächlich Chancengleichheit zu erzielen, ist es notwendig, neue sowie nachhaltige Strukturen in der Arbeitswelt zu schaffen, die mit den gesetzlichen Vorgaben in Einklang stehen. 

Zu den unbestreitbaren Errungenschaften in Deutschland gehört das Erziehungsgeld sowie die Sicherung der Arbeitsstelle für junge Eltern. 

Dennoch bin ich der Auffassung, dass die Rahmenbedingungen in diesem Zusammenhang noch nicht ausreichen, dass sie neu zu bedenken und teilweise sogar zu aktualisieren sind. Gleiche Teilhabe in allen Lebensbereichen, auf dem Arbeitsmarkt und in den Entscheidungspositionen von Politik und Wirtschaft, sollten das Ziel sein.

Der Beitrag erschien zuerst hier

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