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04.09.2019, Jamal Tuschick

Auf der Folie einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte beschreibt Abubakar Adam Ibrahim in seinem Romandebüt „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ die nigerianische Gesellschaft als Kraftwerk.

Blinkender Goldzahn

Eine fünfundfünfzigjährige Witwe wähnt sich längst im Abseits amouröser Aufschwünge, als das Leben noch einmal eine Tür für sie öffnet. Hereinspaziert kommt ein sehr junger Mann, den Hajiya Binta Zubairu als Einbrecher und Räuber in ihrem Haus bereits kennengelernt hat, und bringt den geklauten Kram zurück. Er erinnert sie an einen verstorbenen Sohn. Sie erinnert ihn an seine verlorene Mutter.

Abubakar Adam Ibrahim, „Wo wir stolpern und wo wir fallen“, auf Deutsch von Susann Urban, Residenz Verlag, 359 Seiten, 24,-

Hassan Babale war zehn, als er seine Mutter zum ersten Mal sah. Ein Goldzahn blinkte ihn an. Ein Goldzahn zeigt sich auch, sobald Hajiya lächelt. Der von dieser Übereinstimmung Gebannte beeilt sich, die Witwe wiederzusehen.  

Hassan ist ein Bestimmer auf der Straße. Jüngere stellen sich ihm als Kundschafter zur Verfügung. Prominente versichern sich seiner Unterstützung als Wahlkämpfer mit eigener Gefolgschaft. Hajiya garantiert er, „von keinem meiner Leute je wieder behelligt zu werden“.

Sie nennen ihn Reza. Reza wie Razor, zur Erinnerung an einen Messereinsatz, der in der Handlungsgegenwart elf Jahre zurückliegt und Reza noch immer ein Alleinstellungsmerkmal zubilligt. Eine in Drogengeschäften, Diebstählen, Überfällen, politischen Streichen und Revierkämpfen ihr Wir und dessen Gegenteil erforschende Gemeinschaft vergisst keinen Stich und keinen Stecher. Im kollektiven Gedächtnis bleibt nur, was zur Erziehung taugt. Ermutigendes und Abschreckendes liegen mit wechselndem Gewicht auf der Instruktionswaage.

Rezas halbkindliche Sehnsüchte finden in Hajiya ein fruchtbares Ziel. Abubakar Adam Ibrahim bedient sich floraler Metaphorik. Er vergleicht das vorgeschichtliche Dasein der Witwe mit einer geschlossenen Knospe, die sich im Handlungsjetzt, berührt von einem Asphaltcharismatiker, zu öffnen beginnt.

Der Autor dreht das Rad seiner Geschichte zurück, bis zu Hajiyas erster Niederkunft im Jahr der Ermordung des nigerianischen Staatspräsidenten Murtala Mohammed 1976. Hajiyas Gatte nannte den Sohn Murtala, seine Frau rief ihn, einem Bescheidenheitsgebot folgend, Yaro – Junge. An Yoro denkt sie, wenn sie Reza sieht. Schon bei der dritten Begegnung spricht sie eine Einladung aus.

Ibrahim nimmt die tabuisierte Ouvertüre nicht zurück. Er fügt dem angespielten Inzest nichts hinzu, bevor er die beiden keineswegs verstohlen in ein Bett steigen lässt.

Reza fühlt sich an seine Mutter erinnert und reagiert darauf mit sexueller Erregung.

„Er dachte an Hajiya Binta, an ihr verschwundenes Schamhaar und ihren Goldzahn. Und überließ sich der Erinnerung an jene andere … deren Goldzahn immer noch im Dunkel seines Gedächtnisses funkelte.“

Auf beiden Seiten herrscht erst einmal Selbstbewusstsein und Unsicherheit. Hajiya sucht Sicherheit in der Mütterlichkeit. Sie etabliert sich als Beraterin ihres Liebhabers. Sie rät Reza zu einer Kontoeröffnung und zieht die Register einer Verbürgerlichung seiner Existenz. Hajiya verschanzt sich hinter ihren guten Ratschlägen.

Im Gegenzug ist Reza machtlos gegenüber der eigenen Cleverness. Er bringt die Straße mit in Hajiyas Schlafzimmer. Hajiya wundert sich, dass die Flügel, die das Glück ihr verleiht, sie nicht zum Adler machen. Sie wähnt sich noch aufgehoben in der Absonderung einer gut befestigten Leidenschaft, als ihre Position bereits Not leidet.

Bald mehr.   

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