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04.09.2019, Jamal Tuschick

In ihrer Untersuchung „Die postmigrantische Gesellschaft“ erklärt Naika Foroutan, warum die deutsche Zukunft den Protagonist*innen der Postmigration am Herzen liegt. Die Rede ist von „systematischer Diskriminierung“ und „vorgeblicher Chancengleichheit“.

Hierarchische Demarkationslinie

Naika Foroutan

Eingebetteter Medieninhalt

Die Mehrheitsgesellschaft reagiert zurückhaltend, verlangsamend und verschleppend auf postmigrantische Überholmanöver. Der verschlissene, seine Forderungen aber nicht aufgebende „Integrationsimperativ“ verliert in den Arenen der Postmigration seine letzte Wirksamkeit und Legitimation. Die Medien der Postmigration erfassen und definieren den gesellschaftlichen Augenblick über die subkulturellen Barometer hinaus. Sie tragen zur vorherrschenden Kultur nicht nur ergänzend bei. Dieser Umstand findet starke Resonanz in der Missachtung. Manche Vertreter*innen des Veralteten tun so, als würden sich postmigrantische Interventionen (so wie ehedem migrantische Interventionen) vor mehrheitsgesellschaftlichen Wällen in Luft auflösen, nachdem ihre Energie auf Außenbahnen verpulvert wurde. Da zeichnet sich ein interessanter Perspektivfehler ab. Eine Reihe von mehrheitsgesellschaftlichen Positionen sind jetzt da, wo vorher migrantische Positionen waren. Ihre Protagonisten beschäftigen sich mit der Verteidigung von Rückständen. Während sie an einer landsmannschaftlichen Ordnung und Auffächerung festhalten, entsteht in postmigrantischen Räumen eine „Diversität jenseits von Herkunft“. Naika Foroutan zitiert so Shermin Langhoff, die postmigrantisch als Theaterbegriff einführte, um jene historische Phase zu erfassen, die Spieler*innen mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft ohne Migrationserfahrung im Geist der Gastarbeit definier(t)en. Tatsächlich bestimmen die Begriffe der Migration das Leben der zweiten und dritten Einwanderergeneration. Doch müsste das nicht sein. In einer permissiven Gesellschaft wären diese Kohorten als Leistungsträger*innen einer „Fluidität von Herkunft und Kultur“ sowie als Transformatoren „kollektiver Identitäten“ relevanter. Man könnte sich stärker an ihnen orientieren.  

Naika Foroutan, „Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie“, Transcript, 277 Seiten, 19.99 Euro

Foroutan beschreibt die postmigrantisch deklarierte Transition als Nachhall vor einer Zeitenwende. Das lädt zu der paradoxen Begriffsbildung Nachhall der Zukunft ein. Wir wissen, dass die deutsche Zukunft an einer postmigrantischen Brust liegt und die Vorausläufer*innen der fortgeschrittenen Migration Ammendienste leisten. Man muss sich nur nach Horst Seehofer umschauen, dann sieht man, wie deutlich ihm vor Augen steht, dass er ins Hintertreffen geraten ist. Der Mann hat begriffen, dass seine Partei sogar in bayrischen Bierzelten die Lufthoheit verloren hat.

Foroutan weist darauf hin, dass postmigrantisch nicht das Ende der Migration verheißt, sondern eine bestimmte gesellschaftliche Konstellation erfasst, die ihren Ursprung in einer verspäteten Anerkennung der Realität hat. Als längst feststand, dass viele „Gastarbeiter*innen“ des Bleibens nicht müde werden würden, redeten die Bundeskanzler der Siebziger- und Achtzigerjahre noch so, als könne Deutschland unter keinen Umständen zum Einwandererland werden. Nach dem Selbstverständnis von Schmidt und Kohl stand dem etwas Unverrückbares entgegen; obwohl an allen Ecken und Enden der alten Bundesrepublik die Einwanderung Gestalt annahm. Da zeigte sich der fluide Charakter der Migration. Die Horte deutscher Hausmannskost und Ressentiment geladener Stammtischgeselligkeit am Rand meiner Wetterau-, Taunus- und Spessarttouren wurden von Italiener, Spaniern, Portugiesen und Griechen übernommen. Plötzlich gabs halbwegs mitten im Wald gebackenen Schafskäse, gesäumt von Oliven. Alle zehn Minuten kam der Wirt mit einer Flasche Ouzo an den Tisch. Den Wirt durfte man nicht enttäuschen. Die ganze Familie half. Die eingesessene, traditionell immobile Bevölkerung guckte sich das an. Noch trennte eine „hierarchische Demarkationslinie, die Gesellschaften in Migrant*innen und Nichtmigrant*innen binär kodiert“ die einen von den anderen. Heute bedenke ich die grandiose Absurdität der Situation. In der mehrheitsgesellschaftlichen Wahrnehmung hatte „ein Ausländer“ das Wirtshaus meinetwegen vom krummen Karl Karbuncke übernommen, selbstverständlich ohne die Absicht, in Deutschland zu bleiben. Dieser von Geistesarmut gezeugte Widerspruch verzog sich im Qualm. So ging das los. Und zwanzig Jahre später war schon Postmigration.  

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