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05.09.2019, Jamal Tuschick

Dana von Suffrins Romandebüt „Otto“ liefert der literarischen Äquilibristik das schönste Beispiel. Timna, die erzählende Tochter des Titelhelden, schwebt auf einem Liebesbalken über dem Abgrund der Geschichte.

Literarische Äquilibristik

Eingebetteter Medieninhalt

Ottos schwindendes Dasein kennt keine verlässlichen Zustände mehr. Er baut nicht kontinuierlich ab. Vielmehr vergeht Otto in dauerhafter Scheinblüte; einem grotesken Aufleben mit Harnstrahl-Erfolgserlebnissen, dass seine Erb*innen anspannt und zu Spekulationen einlädt.

Dana von Suffrin, „Otto“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 229 Seiten, 16.99 Euro

Hauptsächlich belasten sich die Töchter Babi und Timna mit der Fürsorge. Timna tritt als Erzählerin auf, sie und ihr Mann garantieren täglich die Unterhaltung eines raubeinig-egomanisch vergreisenden, im kommunistischen Rumänien vor mehr als einem halben Jahrhundert diplomierten Maschinenbauers, der sein technisches Wissen vergessen hat.

Beruflich hilft Timna als promovierte „Elternzeitvertretung am Sonderforschungsbereich für spätscholastische Mystik“ aus. Sie stiehlt Zeit, um den väterlichen Ansprüchen zu genügen. Ihre Schöpferin schafft keinen Puffer der Reflexion zwischen Timna und ihren Verhältnissen. Die Kümmerin liefert sich dem Irrwitz des Vaters mit dem Ziel aus, untadelig zu erscheinen; während der Alte sich im Glanz einer Einsamkeit sonnt, die daher rührt, dass er sich beinah mit jedem „aus seinem früheren Leben“ querulatorisch überworfen hat.

Statt einen Heimplatz für ihn zu organisieren, erduldet Timna Otto als Heimsuchung im väterlichen Eigenheim. Eine bigott unterbezahlte ungarische Schwarzarbeiterin bindet dem Tyrannen die Schnürsenkel. Otto schwärmt von den Siebenbürger Sachsen seiner Jugend. Zwar habe es unter ihnen jede Menge Nazis gegeben, „aber keine Antisemiten“.

Wie gesagt, der Mann ist meschugge. Er melkt Timnas grundlos schlechtes Gewissen. Sie erklärt es sich mit ihrer Herkunft.

Gern würde sich Otto auf Timnas Kosten bereichern. Die Sechzigtausend auf dem Konto und das Reihenhaus in guter Lage erscheinen ihm nicht ausreichend. In seinen Paradejahren als deutscher Beamter in München, kultivierte Otto ein ambivalentes Verhältnis zum Rechtsstaat. Seinen Töchtern predigte er Ganovenmoral:

„Man darf alles … man darf sich nur nicht erwischen lassen.“

Die Erziehung zur verdeckten Überschreitung löst Babi und Timna von allen bürgerlichen Ankern. Sie wahren den Anschein, um dahinter hemmungslos kriminell vorzugehen.

Die Geständnisse sind auf einen komödiantischen Ton gestimmt. Timnas Einlassungen schwanken zwischen Schwank und Suada. Alles wirkt ungemein mündlich, obwohl es gut geschrieben ist. Mir gefällt die Idee, die Autorin verbreite - in verschiedenen Fassungen und mit diversen moralischen Timbres (im Sinne von und die Moral von der Geschichte)  im Spektrum zwischen säuselnd-süffisant bis sarkastisch und enterbend vernommene - Familiengeschichten weiter.

Otto beschwört die Familie als heilige Festung, um seinem Egoismus den freiesten Lauf zu lassen. Er tyrannisiert, so man ihn lässt, weicht aber auch geschmeidig zurück, wenn ihn eine fremde Entschlossenheit bezähmt. Er bleibt gewitzt und testet Grenzen.

Gucken, was geht.

Fast unmöglich und doch höchst anschaulich erscheint die Mischung aus Altersstarrsinn und Flexibilität. Manchmal trifft Otto ein Zeitpfeil. Dann eröffnet er der Erzählerin die näheren Umstände eines furiosen Damals. Als man in Siebenbürgen Sexarbeiterinnen umerzog zu kommunistischen Traktoristinnen.  

„Und beim Duschen haben wir ihnen auch zugeschaut.“
Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zu den von Pogromen beschleunigten galizischen Demissionen. Nach Jahrhunderten im Schtetl (wo nie die Sonne schien) feierte man Fin de Siècle in der Welthauptstadt Wien. Ottos Großvater gab den assimilierten Gründervater und österreichischen Patrioten. Den I. Weltkrieg überstand er alpin an einem ruhigen Frontabschnitt. Später zog er in Siebenbürgen ein Sägewerk auf und bereitete dem Künftigen einen nahrhaften Boden; so dass Otto schließlich mit dem goldenen Löffel im Mund in einer „transsilvanischen Stadt“ zur Welt kommen konnte. 

Er präsentiert sich seiner Tochter als letzter Zeuge einer untergegangenen Welt. Timna geht ihm nach auf einer Strecke persönlicher Untergänge.   

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