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06.09.2019, Jamal Tuschick

Vorgestern Abend eröffnete Ellen Ueberschär die 14. Deutsch-Israelischen Literaturtage im Deutschen Theater mit einer flammenden Rede im Geist des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen den weltweit grassierenden Rechtspopulismus. Sie prophezeite den Macher*innen einer infamen Politik das globale Aus in nächster Zukunft.

Institutionalisierte Infamie

Zu sehen sind von links: Priya Basil, Shelly Kupferberg, Sami Berdugo (c) Christian Römer, Heinrich Böll Stiftung

Mati Shemoelof singt den Blues der Mizrachim

Ellen Ueberschär eröffnete die 14. Deutsch-Israelischen Literaturtage im Deutschen Theater mit einer flammenden Rede im Geist des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen den weltweit grassierenden Rechtspopulismus. Die Chefin der Heinrich Böll Stiftung monierte lauter „Grenzüberschreitungen des Sagbaren“ und kritisierte zumal „die neue Sprachkultur in Österreich“, wo die politische Infamie institutionalisiert wurde, ohne durchgreifenden Widerstand in der Bevölkerung zu provozieren. Ueberschär sprach von „einem Sound der Populisten“, der vor allem dazu geeignet ist, „Ängste zu schüren“ und „einer Lähmung der Politik“ Vorschub zu leisten.

Im weiteren Verlauf des Abends äußerte sich der israelische Schriftsteller Sami Berdugo zu diesem Punkt. Er meinte, man müsse den Machthabern die Sprache (des Volkes) verbieten, solange sie Schindluder mit ihr treiben. Berdugo erinnerte an die ursprüngliche Bedeutung von Populus. Bereits die Zuschreibung populistisch sei irreführend.

„Lauter, immer lauter“

Ueberschär äußerte sich zum Motto der diesjährigen Deutsch-Israelischen Literaturtage. Da der Gegner sein Heil in der Lautstärke suche, müsse auch die Zivilgesellschaft sich durchdringender artikulieren und sich im Phonbereich verbessern.

„Alle müssen lauter werden“, forderte Ueberschär vehement. Ihr Schlusswort strotzte vor Optimismus. Der Rechtspopulismus habe seinen Zenit überschritten und stünde im Begriff in einer Art intellektuellem Vakuum zu verröcheln.

„Literatur ist das Medium der Stunde“, rief Ueberschär aus. Dann übernahm Klaus-Dieter Lehmann die Rednerrolle. Der Präsident des Goethe Instituts hob „die hervorragende Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung“ hervor. Das GI und die Stiftung sind Kooperationspartner bei der Ausrichtung der Deutsch-Israelischen Literaturtage, die in diesem Jahr grandios-dissident besetzt sind mit Mati Shemoelof, Maayan Ben Hagal, Dov Alfon, dem schon erwähnten Sami Berdugo, Dilek Güngör, Friedrich Ani und Tijan Sila.

Mati Shemoelof singt den Blues der Mizrachim 

Mati Shemoelof verfolgt ein sensationelles Projekt: The Reconnecting of the Middle East in Berlin. Das ist absolut zukunftsweisend. Shemoelof ist ein arabischer Jude und könnte genauso gut ein jüdischer Araber sein, gäbe es nicht eine Demarkationslinie der Selbstidentifikation als Jude, die eine verspielte Umkehrung zum Rubikon der verworfenen Identität werden lässt. Das Jüdische als Akzent oder Aspekt einer arabischen Identität erscheint nicht nur fern der Levante wie ein Versuch, so frei zu sein wie ein Erzähler. In der aschkenasisch dominierten israelischen Gesellschaft ist das Arabische inferior. Davon berichtet Shemoelof. Übrigens auch Berdugo. Beide werden in Israel „schwarz gelesen“.

Ihre Vorfahren kamen aus der arabischen Welt nach Israel und gerieten als Juden unter Juden in eine Art Diaspora, während sie zuvor als Juden unter Arabern in der Diaspora waren.  

Shemoelof: „Jahre über Jahre habe ich in Israel gebraucht, um zu verstehen, wie meine Familie aus den Geschichtsbüchern gelöscht und in der Gesellschaft marginalisiert worden ist.“

Ich schiebe die Selbstbeschreibung der Reconnect-Aktivist*innen ein:

Reconnecting the Middle East in Berlin

Mati Shemoelof and Hila Amit Abas, the initiators of this event, are two Arab-Jews who were born in Israel but moved to Berlin. They write in Hebrew, which is the language they grew up with, but not necessarily their mother-tongue or the native language of their parents. As Jews from Arab and African origins they were required to leave their “Arab” parts of their heritage behind in order to be part of the Israeli melting pot.

More than 100 years ago in the Middle East, Jews and Arabs and other ethnic/religious groups lived in a fruitful dialogue and were mentally, culturally, spiritually and physically connected. After the disappearance of the Ottoman Empire, the two World Wars and the consequential rise of Jewish and Arab nationalism, Jews and Arabs became disconnected. We lost our dialogue. In the event “Reconnecting the Middle East in Berlin” we will not only revive this lost dialogue through literature, music and performance. We will also talk about this loss, what was lost for our families, the tales that will stop with the generation of our grandparents. Writers from all over the Middle East and Asia, both, Israelis emigrating from Islamic countries, Iran and North Africa, and Arab Immigrants from the same countries will sit and read their works of poetry and fiction together. Berlin gives us, Jews and Arabs, a rare moment for a lost encounter that can no longer happen in the countries of our origin. Living together in exile in Europe, we will transcend and rise above our national identities and hope to create a new typography of words to redefine our mutual existence.

Weiter mit der Beschreibung des Eröffnungsabends

Lehmann freute sich über das seit Jahren ungebrochene Publikumsinteresse.

„Das Format hält noch viel Jahre aus.“

Lehmann redete leise, eindringlich, eindeutig. Er wirkt bei jeder Gelegenheit wie einer jener Untouchables, die Al Capone zur Strecke brachten.

Er beklagte: „Die öffentliche Debatte“ werde „immer kurzatmiger“, während „eine Politik der Ausgrenzung Schwungkraft“ gewänne. Lehmann beobachtet eine Fortschreibung der „großen nationalen Erzählungen“.

Es dürfe „keine Tabuisierungen der Gedankenfreiheit“ geben. Die neue Rechte versuche „Denkverbote durchzusetzen“. Sie setze Kulturschaffende unter Druck, mit einem subtilen Einschüchterungskonzept nach der Devise: so rechtsstaatlich wie nötig, so selbstermächtigt wie möglich. Leute, die sich kirre machen lassen, werden kirre gemacht.     

„Lange hielt ich mich überall für willkommen.“  Priya Basil

Lehmann folgte Shelly Kupferberg, die seit Jahr und Tag die Deutsch-Israelischen Literaturtage zur Freude aller moderiert. Ihre Eltern kamen sich im Deutschunterricht des Goethe Instituts von Tel Aviv nah. Kupferberg oblag die Mitteilung, dass der ursprünglich für den Auftakt eingeplante Franzobel wegen einer Lebensmittelvergiftung nicht zur Verfügung stand. An seiner Stelle erschien Priya Basil, deren bei Suhrkamp erschienenes Buch „Gastfreundschaft“ Kupferberg als „hybriden Essay“ charakterisierte. Ich fand ihren Beitrag so hervorragend, dass ich ihn weiterführend auch noch einmal gesondert durchgehen werde. Basil ist eine englisch-indische Schriftstellerin mit deutscher Staatsangehörigkeit. Sie wuchs in Kenia auf, studierte in Großbritannien und lebt heute in Berlin. Basil verstärkt da das Korps der Aktivist*innen.

Sami Berdugo, 1970 als Sohn marokkanischer Einwanderer in Israel geboren, wurde in einem Kibbuz sozialistisch sozialisiert. Da sei seine „fehlende Identität gewachsen“. Doch auch die europäische Hegemonie in den israelischen Pionierverbänden hält der Mizrachim für „aufgebrochen“. Überall bräche die Diversität durch … in einer Gesellschaft, die zwischen säkular und religiös, weiß und schwarz, links und rechts unterscheide.

Berdugo beschrieb Israel als gesellschaftlich „zerklüftet“.

Kurdische, irakische, jemenitische und marokkanische Juden, die über einen Kamm geschorene und in einem aschkenasischen Herabsetzungsdiskurs abgebügelte Mizrachim, hatten in der Ära ihrer Einwanderung Anfang der 1950er Jahre einen besonders schweren Stand in Israel. Sie waren religiös - in einem vermeintlich militant säkularen Staat; gegründet von Leuten, die das Erbe der europäischen Moderne im Nahen Osten verherrlichten.

Das ist eine Wahrheit. Genauso wahr ist, dass Ben-Gurion die Frage, wer Jude ist, folglich Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft hat, von Rabbinern beantworten ließ. Orthodoxe Tentakel schmiegten sich an den Staat vom ersten Tag seiner Existenz, ungeachtet der weltlichen Erscheinungen der Gründungsmannschaft. Fundamentalismus lieferte das Fundament. Davon konnte sich der Staat nie mehr lösen – im Sinne von befreien.

1984 gründeten Mizrachim die Schas Partei (Sephardische Tora-Wächter), deren ultraorthodoxe Ausrichtung Folge der Segregation und keinesfalls die Wiederannahme historischer Reinheitsgebote war. Der Säkularisierungsprozess, in dem sich viele sephardische Juden befunden hatten und dessen Genese von den Rahmenbedingungen in den diasporischen Gemeinden gestiftet worden war, stockte in einer doppelten Reaktion. Die Mizrachim reagierten auf die Verweigerung einer säkularen jüdischen Identität mit religiösem Eifer. Bei der diskriminierenden Unterscheidung zwischen Juden und Arabern, positionierten sich die sephardischen Tora-Wächter eindeutig. So geht gesellschaftliche Partizipation.  

Berdugo hat an der Hebräischen Universität Jerusalem Literatur und Geschichte studiert. Er nennt seine Prosa „sehr privat“.

„Ich adoptiere die Stimmen meiner Protagonist*innen.“

Basil und Berdugo bildeten ein perfektes Paar der differenzierten Übereinstimmung. Basil zeigte sich beinah dramatisch offenherzig. Sie erklärte, keine Distanz zwischen sich und Großbritannien zu empfinden. Die Nähe trübe die Wahrnehmung.

„Deshalb ist mein Blick nicht scharf.“

Basil sagte:

„Die deutsche Staatsangehörigkeit ist eine Möglichkeit, meine europäische Identität zu bewahren.“

Der räumliche Abstand zu England gewähre „keinen Schutz vor Schmerz“.

Basil bedauerte, nicht Teil des britischen Diskurses zu sein, um das Entzündliche der Emotionalität abzufackeln.

„Die Sprache wurde von Populist*innen vergiftet. Die Literatur ist ein Ort, wo man den Worten wieder ihren eigenen Klang geben kann.“

Basil glaubt an die heilende Kraft der Worte. Doch auch Wörter müssten geheilt werden, nach ihrer missbräuchlichen Nutzung.

Emotionalität war Trumpf. Berdugo legte nach:

„Ich gehöre Israel.“

„Ich bin meinem Land treu.“

„Die hebräische Sprache ist mein Zuhause.“

„Die Sprache ist mein Lebensmittelpunkt, nicht das Territorium.“

Berdugo beschwor eine verzweifelte Landesliebe in Opposition zu den herrschenden Verhältnissen. Zum Vortrag gebracht wurde eine auf Deutsch noch nicht veröffentlichte Geschichte. Sie handelt von Marcel, einem Selbstzerstörer, der sich, obwohl er alt genug ist, um eine Tochter zu haben, noch mit dem Messer ritzt. Lieber würde er seine Aggressionen nach außen richten. Er reist vom Norden in den Süden Israels. Ausgangspunkt ist Zarit Schetula. Berdugo schildert die Spannungen an der israelisch-libanesischen Grenze. Aus dem Libanon sendet die Hisbollah längst nicht mehr nur ballistische Körper aus der Steinzeit der Raketenartillerie.

Marcel ist auf dem Weg zu seiner Schwester. Es sieht so aus, als wolle er sich „von den Resten seiner Familie“ einsammeln lassen.

„Der Wind prügelt auf mein Kopfhaar ein.“

Der Erzähler betrachtet Straßen „als Schlangen aus Asphalt“.  

Bald mehr.

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