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06.09.2019, Jamal Tuschick

Vergiftete Sprache. Vernutzte Begriffe. Vorgestern Abend ließ sich Priya Basil im Gespräch mit Shelly Kupferberg und Sami Berdugo - im Rahmen der Auftaktveranstaltung der 14. Deutsch-Israelischen Literaturtage im Deutschen Theater - so wunderbar ein, dass ich meine Aufmerksamkeit noch einmal im Besonderen auf ihre Einlassungen lenke.

Der Andere ist immer schon da

Priya Basil

Eingebetteter Medieninhalt

Basil ist eine englisch-indische Schriftstellerin mit deutscher Staatsangehörigkeit. Sie wuchs in Kenia auf, studierte in Großbritannien und lebt heute in Berlin. Basil verstärkt da das Korps der Aktivist*innen.

Im Deutschen Theater verkündete sie, keine Distanz zwischen sich und Großbritannien zu empfinden. Der räumliche Abstand zu England gewähre „keinen Schutz vor Schmerz“. Basil bedauerte, nicht „Teil des britischen Diskurses“ zu sein, um das Entzündliche der Emotionalität abzufackeln.

Basil sagte: „Die Sprache wurde von Populist*innen vergiftet. Die Literatur ist ein Ort, wo man den Worten wieder ihren eigenen Klang geben kann.“

Basil glaubt an die heilende Kraft der Worte. Kupferberg charakterisierte Basils, bei Suhrkamp erschienenes Buch „Gastfreundschaft“ als „hybriden Essay“. Bevor die Autorin daraus las, erklärte sie sich. Der kleinste gemeinsame Nenner ihrer Interessen sei die Gastfreundschaft. Die Freizügigkeit der EU habe sie zu der Annahme verleitet, überall willkommen zu sein. Dann ging Basil auf, wie viele Menschen von der privilegierten Grenzenlosigkeit ausgeschlossen sind. Fortan fühlte sie sich stets mitgemeint, wann immer sie den Ausschluss eines Menschen auf Papierbasis (Stichwort: der falsche Pass) erlebte.

Basil fragte: „Wie geht man mit Privilegien um?“

Sie erzählte von einem alten Mann, der sie in Berlin hart anzugehen die Gemeinheit besessen hatte. Er schob seine Fresse in ihre Intimdistanzzone und schrie: „Ich hasse dich.“

Die Erschütterung ob des völlig unerwarteten Ausbruchs aktivierte einen merkwürdigen Abwehr- und Schutzmechanismus. Basils innere Instanzen verweigerten die Annahme des Affronts. Sie, die hochkultivierte, superkosmopolitische, artifizielle Standards setzende No-Border-Aktivistin, konnte gar nicht gemeint sein. Sie war lediglich einem Wahrnehmungsfehler erlegen. Die Reaktion herausgefordert hatte der Schwarze Mann in ihrer Begleitung. Sie selbst war/ist nämlich für so viel Hass gar nicht schwarz genug. Unglaublich, ich fahre Achterbahn, genauer kann eine Analyse des (in den schwärzesten Kellern verbannten) eigenen Rassismus nicht ausfallen.

Die nächste Fabel, erzählte Basil wieder so listig, dass man kaum mitbekam, wie einem etwas eingerieben wurde.

Basil sagte: „Auch Geschichten können ein Zuhause bieten.“

Geschichten stellen eine Art von Gastfreundschaft da. Sie sprechen sich als Einladungen aus.

„Jede Geschichte ist eine Verführung.“

Zuhören sei im Gegenzug eine Möglichkeit, Zuflucht zu gewähren. Beide Parteien seien Gast und Gastgeber. Im englischen Wort für Gastfreundschaft – hospitality – steckt zugleich hostility – Feindschaft.

„Denken kann einen gegen sich selbst aufbringen.“ Priya Basil

In der gemeinsamen Wurzel steckt ein altes Wort, das Gastgeber, Gast und Fremder/Feind einschließt. Basil fragte: „Sind das nicht die Hauptrollen, die wir alle spielen?

Basil lehrt: „Auch Gastfreundschaft kann feindlich sein.“

Sie forderte: „Eine Demokratie soll Vielfalt schützen.“ - Anstatt sich von dem Irrtum auszehren zu lassen, man könne den Anderen dauerhaft fernhalten.

Endlich rückte Basil mit der Moral von der Geschichte heraus:

„Der Andere ist immer schon da.“ 

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