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07.09.2019, Jamal Tuschick

John Fantes „Arturo Bandini Trilogie“ ist nun bei „Blumenbar“ erschienen und lädt zu einer Wiederentdeckung des Autors ein. Heute widme ich mich dem zweiten, erstmals 1939 veröffentlichten Roman „Frag den Staub“.

Schmauch der Armut

Eingebetteter Medieninhalt

Sein Vater, ein Maurer aus den Abruzzen, absolvierte in Colorado die Laufbahn eines Versagers in allen Fächern. Arturo erkennt in der Niete ein Vorbild. Wenn schon sonst nichts hinhaut, dann will man sich wenigstens den Schneid nicht abkaufen lassen. In der Person des schwererziehbaren Einwanderersohns paart sich Trotz mit Treuherzigkeit. Arturo beweist in allen Lebenslagen unbegründeten Optimismus. Bei der ersten Gelegenheit entflieht er dem desolat-provisorischen Migrantenmilieu seiner auch seelisch gestrandeten Eltern (die Mutter überlebt in einer Art religiösen Delirium, der Vater hält sich an der Whiskyflasche fest). Arturo erreicht Los Angeles in der Verfassung eines Quasi-Obdachlosen, der sich ein Dach über den Kopf zu erschwindeln weiß. Er jongliert mit den Modalitäten des Verzugs und der nicht geleisteten Voraus- und Nachzahlungen. In Berlin nennt man solche Leute Mietnomaden. In Kalifornien kurz vor dem II. Weltkrieg laufen die Prekären Gefahr, wegen Landstreicherei festgenommen und eingesperrt zu werden.

John Fante: „Arturo Bandini. Die Trilogie“. Aus dem Amerikanischen von Alex Capus. Blumenbar, Berlin 2019. 606 Seiten, 24 Euro

Arturo rät zu guter Kleidung als der besten Tarnung. Tagelang ernährt er sich von Orangen, die es im Dutzend billiger gibt. Zum Preisnachlass gewährt ihm ein warmherziger Straßenhändler Bananen und Äpfel gratis. Vom Hunger angehoben, sieht sich Arturo als Nobelpreisträger. Er malt sich seinen Ruhm aus, ohne besondere Phantasie. Er erkennt die „scheußliche Verlogenheit (des) Charmes“ einer Sexarbeiterin und wird damit in der Beschreibung lange nicht fertig. Er sieht einen Lebenswillen aufflackern und ahnt ein nahes Datum des Erlöschens. Das ist seine Kragenweite. Da kennt er sich aus. Da wird er erkannt von anderen Flüchtigen und Verlorenen und zeitlebens Verirrten.

Arturos Revier ist Bunker Hill, das in jedem Reiseführer als „kulturelles Herz“ der Stadt verzeichnet ist. Fantes Schilderungen des Quartiers dementieren diese Ansicht. Fante schickt seinen Helden in eine Trostlosigkeit aus „staubigen Treppen … rußbedeckten Holzhäusern … und … nutzlosen Palmen, die unter einer dicken Schicht Öl und Sand und Schmiere erstickten“. 

Fante arbeitet sich an dem Bild ab. Er reichert es an, macht aus den Bäumen „totkranke Gefangene“ und kettet sie an. Er belastet den Schmauch der Armut an einer Ecke von Bunker Hill mit einer über die Ufer tretenden Metaphorik. Er drillt und bohrt sich durch das von ihm selbst errichtete Massiv, und ich verstehe lange nicht, wozu das gut sein soll.

Die Sache stellt sich doch einfach so da. Arturo ist der Sohn eines italienischen Niemands, der im amerikanischen Niemandsland anschaulich vor die Hunde geht. Der Sohn zeigt keine besonderen Fähigkeiten. Sein Interesse an der Literatur erschöpft sich im Interesse an Geltung. Seine spärliche Lektüre dient ihm zur Untermalung von Übertreibungen. Die Welt wäre ein noch ungerechterer Ort, würde sie Arturo eine größere Rolle spielen lassen. Schon jetzt stümpert Fantes Held über seine Verhältnisse.

Arturo könnte sich einen Job suchen und an die Regelmäßigkeit gewöhnen.

Stattdessen streift er durch die Gegend und träumt in den Tag hinein. Bis ihn ein Geistesblitz illuminiert. Arturo bewältigt irgendeinen Rückweg. Beschwingt vom Hunger‘s High, bemerkt er „alte (von Schmerzen verzogene) Leute“. Arturo weiß alles über sie. Auf jeder Stirn steht eine Biografie, wie ein Menetekel, das vor dem Alter warnt. Die Greise kommen aus Boston und Kansas City, ihr Zuhause und ihre Läden sind in den Schwund der fluiden Mittel eingegangen. Sie haben („sich selbst entwurzelt“ und) alles zu Geld gemacht, um „im Sonnenschein zu sterben“.   

Sie kamen nach LA, nur um zu erkennen, dass da „bessere Diebe“ die besten Sonnenplätze besetzt halten.

Ich nehme an, Arturo erzählt sich das, so wie Fante sich das erzählt hat, um keinen Neid auf die biederen Pensionisten und Ex-Drogisten zu empfinden. Es geht allen schlecht, bloß nicht auf die gleiche Weise – diese narrative Planierraupe walzt jede Menge Differenz nieder. Arturo reduziert das Panorama in der Formel:

Alle sehen „die mächtige Sonne … am ewig blauen Himmel“, aber sein Schöpfer sieht natürlich mehr. Die mit „Polohemd … und Sonnenbrille“ maskierten Tagediebe und Landstreicher bewegen sich in der sozialen Bodenlosigkeit ganz anders als die „Spießer mit gerade so viel Geld, dass es (reicht) bis zu dem Tag, an dem die Sonne sie (umbringt)“.

Der ganze Arturo Bandini aka John Fante steckt in dieser Feststellung. Entscheidend sind „die paar Dollar auf der Bank“. Entscheidend ist, dass Arturo sich nicht für chancenlos halten muss. Er hat noch genug Jugend aufzubrauchen. Ziemlich spät in der Geschichte, doch früh in Arturos Leben, debütiert er als Romanschriftsteller.

„Ich konnte in die Kaufhäuser gehen und (meinen Roman) dort stehen sehen unter Tausenden von anderen.“

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