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08.09.2019, Jamal Tuschick

Die Woher-kommst-du?-Frage - Spätestens mit dem #vonhier hat sich die unerwünschte Frage nach der vermeintlichen Herkunft endgültig in der deutschen Öffentlichkeit politisiert.

Ein Beitrag von Young Migrants-Autorin Kerstin zur Debatte als Reise in den Migrationsuntergrund.

Es geht nach unten. Tief in den Migrationsuntergrund. Vernebelt und rötlich leuchtend wartet die erste Haltestelle auf uns…

Erste Station: Die Woher kommst du-Frage

Die Klassiker-Frage. Eine einfache Frage, so scheint es. Gestellt wurde sie mir schon oft. Die Leute, die sie mir stellen, haben oft ein forscherähnliches Interesse an mir. Mir schießt in solchen Situationen das Bild von Ethnologen in den Kopf, die mit Hüten und Block bewaffnet durch den Regenwald wandern um indigene Völker zu erforschen. Irgendwas ist verborgen, was es herauszufinden gilt. Sie hat doch irgendein Geheimnis. Sie kann einfach nicht von HIER kommen. Zu 100% ist sie nicht aus München. Mit großen Augen und Spannung im Gesicht erwartet der Fragende meine Antwort und dieses gierige Interesse an mir, lässt meinen Puls in die Höhe steigen. Meine Wangen beginnen zu glühen und ich spüre wie das Blut in mir immer schneller emporsteigt. Gut, dass ich auf diese banale Frage eine ebenso simple Antwort parat habe, die ich ihm vor die Füße werfen kann: „Ich komme aus München.“ Innerlich seufze ich tief, puuh, geschafft. Langsam kehrt wieder Entspannung zurück in meinen Körper.

Runde Nummer Zwei
Aber genügt diese knappe Antwort meinem Gegenüber? Ist es schon vorbei? Nein! Es geht erst richtig los.

Er:          „Echt? Bist du auch in München geboren?“
Ich:        „Ja klar, bin ich. Im Großhaderner Krankenhaus sogar.“
Er:          „Wirklich? Man hört das überhaupt nicht. Du sprichst ja gar kein Bayerisch?
Ich:        „Nein ich spreche kein Bayerisch, ich bin dialektfrei aufgewachsen.“

Runde Nummer zwei- gemeistert. Während ich mich langsam wieder entspanne, bemerke ich das enttäuschte Gesicht meines Gesprächspartners. Mit meinen knappen, kühlen Sätzen lasse ich ihn bewusst im Regen stehen und dieser Anblick bereitet mir eine gewisse Genugtuung. Blöde Fragen, blöde Antworten, denke ich mir. That`s life. Natürlich weiß ich ganz genau, was der Fragensteller von mir eigentlich wissen will: Woher kommt deine Familie ursprünglich? Woher kommen deine Eltern?

Warum aber erzähle ich das nicht einfach?

Wieso dieses ganze Brimborium und die Geheimniskrämerei, wenn ich sowieso weiß, was die Intention der Frage ist? Sag es halt einfach und gut ist! Was aber impliziert diese Fragerei eigentlich?

Lasst uns die Frage Woher kommst du?  dazu einmal dekonstruieren: Mein Gegenüber weiß wer ich bin, er glaubt es zumindest zu wissen. In seiner Welt bin ich  kein waschechter Münchner. Bestimmte Charakteristika, die er einem Münchner zuschreibt, habe ich offenbar nicht. Nie im Leben kann ich aus München sein. Seine Kategorisierung kriege ich einfach übergestülpt und 32 Jahre Lebenszeit als Münchner Kindl verpuffen in der Luft. Dieser Gedankengang hinter der Woher kommst du- Frage, ist die eigentliche Beleidigung, die ich empfinde und die bei mir alle Warnleuchten angehen lassen. Mit drei Wörtern werde ich meiner Geburtsstadt beraubt und muss mich mit Engstirnigkeit und Kleingeistigkeit herumschlagen, die mir bei Leibe zuwider sind. Die Frage ist durch und durch falsch und ein schlichter Affront für jeden, der mit Migrationshintergrund in Deutschland aufgewachsen und geboren ist. Wann kann ich denn endlich Münchnerin sein? Wann erlauben es mir die Woher kommst du?-Frager endlich? Ich sehe es gar nicht ein, auch nur einen Zentimeter auf ihn zuzugehen. Meine eigene Definition, dass ich Münchnerin bin, akzeptiert er nicht und ich bin entschlossen, mir kein fremdes Kostüm anziehen zu lassen. Zwei Sture haben sich hier getroffen und so haben wir beide keine Wahl.

Das Fragenkarussell dreht sich weiter
Er: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Du bist in München aufgewachsen und sprichst kein Bayerisch?“
Ich: „Nein, aber in München gibt es viele Leute, die kein Bayerisch sprechen. Auf dem Land ist es ja eher verbreitet.“

Er lässt nicht locker. Bin ich wirklich so interessant? Wow. Dieser MigrationsUntergrund zieht wahrlich richtige Groupies an, die ich gar nicht mehr loswerde. Anscheinend bin ich ein richtiges Kuriosum für ihn. Einen wahren Eiertanz vollführen wir, während wir so die Straße entlanggehen. Ich winde und drehe mich in der Fragenzange, die sich immer fester um mich klemmt. Lange kann ich ihn mit meinem knappen Sätzen nicht mehr auf Distanz halten. Wenn er so verbissen und neugierig ist, wieso frägt er nicht einfach direkt, wo meine Eltern herkommen? Ich verstehe es nicht. Es wäre eine Frage, die meinen MigrationsUntergrund anerkennt ohne mich als Münchnerin in die zweite Klasse zu degradieren. Es würde zeigen, dass sich jemand Gedanken gemacht hat und dass dieser jemand die Komplexität meines MigrationsUntergrundes verstanden hat.
Aber diese Frage kommt nicht.

Er: „Ihre Eltern sprechen auch kein Bayerisch?“
Ich: „Nein, bei uns spricht niemand Bayerisch daheim.“
Er: „Das ist ja unglaublich. Wie kann das sein?“

Die ist mein Stichwort. Es ist wohl die Frage, die am nächsten dem entgegenkommt, was er eigentlich wissen will, nämlich woher meine Familie kommt. Gut, es war eine schwere Geburt. Vielleicht hat meine kleine Erziehungsmaßnahme etwas bewirken können und der nächste MigrationsUntergrundler wird nicht in so einer unangenehmen Situation enden, wie ich. Die Lehrerin in mir ist besänftigt. Vielleicht weiß er nun zumindest, wie man es NICHT macht. Noch immer verstehe ich nicht, wieso er mich nicht direkt fragt. So peinlich wie er sich bisher verhalten hat, wäre es mit einer klaren Nachfrage nach meiner Familie getan gewesen.

Ich: „Meine Eltern kommen aus Rumänien.“
Er: —Schweigen—

Knock out

Ein Stück gemeinsamen Weges haben wir noch miteinander. Vorne an der Kreuzung trennen sich unsere Wege. Das Schweigen wirkt durch das vorangegangene Gefrage derart unangenehm, dass ich die Sekunden zähle, bis ich mich verabschieden kann. Stille. Kein Satz. Kein Wort. Der Forscher hat das Geheimnis gelüftet und seine Aufgabe erfüllt. Die Spannung verpuffte mit der Auflösung. Woher meine Eltern kommen, interessierte ihn nicht wirklich. Daher hat er auch nie diese Frage gestellt. Rumänien ist nicht relevant, auch irgendein anderes Land wäre es für ihn nicht gewesen. Ich hingegen wurde in einen Fragenkatalog katapultiert, der mir mein Dasein als Münchnerin aberkennen wollte um letztendlich mit Desinteresse gegenüber meinem MigrationsUntergrund überschüttet zu werden.

Gleich einem gelüfteten Kreuzworträtsel fühle ich mich. Leider gibt es diesmal keinen Hauptgewinn fürs lustige Woher kommst du?-Raten. Weder für den Forscher, noch für die Erforschte.

Ich kenne dich. Du kennst mich. Wir kennen uns schon lange NICHT.

Der Beitrag erschien zuerst hier

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