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09.09.2019, Jamal Tuschick

Gytha Lodge erzählt in „Bis ihr sie findet“ eine Geschichte, in der Märchenwarnungen anklingen. 1983 endet ein Sommerferienausflug mit Campingcharakter für eine Vierzehnjährige tödlich. Dreißig Jahre später taucht eine Leiche auf und löst Ermittlungen in einem Cold Case aus.

Mondlicht und kaltes Wasser

Es gäbe keine poetischere Kombination als „Mondlicht und kaltes Wasser“. Das präsentiert der fünfzehnjährige Conner Dooley, der sich - in den Spielarten der Einschüchterung - für ungemein eindrucksvoll hält, der gerade vierzehnjährigen Aurora Jackson als der Weisheit letzter Schluss.

Gytha Lodge, „Bis ihr sie findet“, Roman, aus dem Englischen von Kristin Lutze, Hoffmann und Campe, 396 Seiten, 14.99,- 

Aurora zeigt sich so unkompliziert und empfänglich wie möglich. Sie will unbedingt teilhaben an den Abenteuern und der Weisheit überall Aufsehen erregender Älterer, die ihr vertrauenswürdig erscheinen, weil ihre große Schwester Topaz mit von der Partie ist. 

Auroras Zugangsberechtigung ist ein schwaches Band. Unter Auserkorenen von eigenen Gnaden hat sie einen schweren Stand.   

Die Jüngste in einer Riege von sieben in einem südenglischen Wald campenden Jugendlichen sucht Anerkennung und findet den Tod. Das ist der ungewisse Ausgangspunkt in Gytha Lodges Roman. Ungewiss insofern, als dass die Leiche lange unentdeckt bleibt. Dreißig Jahre nach Auroras Verschwinden spielt sich in der Nähe des Brinken Wood genannten (halbwilden) Lagerplatzes, der auch ein Tatort sein könnte, einem Kind, das sich mit spielerischen Verbergungsabsichten absentiert hat, ein Knochen in die Hände.

Schauplatz der Ereignisse ist ein Gebiet in der Gegend von Lyndhurst in der Grafschaft Hampshire. Lyndhurst vereint die Signifikanz eines Landschaftsbegriffs und eines Eigennamens. Eine Familie dieses Namens herrschte einst grundherrlich und diente gastgebend dem König und seinen Jägern als Reviervorstand einer royalen Domäne. Ein historisches Gepräge macht Lyndhurst zu einem touristischen Magneten. Detective Chief Inspector Jonah Sheens hat keinen Sinn für Empire-Nostalgie. Jonah weiß sofort, zu welcher Leiche der Knochen gehört. Er war an den ersten Ermittlungen im Aurora-Fall beteiligt. Nun vergegenwärtigt er sich den unkonventionellen Lebensstil der sechs Überlebenden. Die Rede ist von Topaz Jackson, Connor Dooley, Jojo Magos, Coralie Ribbans, Brett Parker und Daniel „Benners“ Benham. Alle stellten in ihrer Jugendblüte besonders wildwüchsige Typen dar.

Jonah kennt die verschworene Gemeinschaft aus der Schulzeit von wenigen Annäherungen. Benners war ihr philosophischer Kopf, Brett das virile Zentrum, und Connor der volltätowierte Rabauke mit Outlaw-Charme und westirischem Background. Topaz und Coralie engagierten sich an der Sexfront.

„Die beide waren heiße Ware … und sich ihrer Macht vollkommen bewusst“ gewesen.

Alle zusammen bilden einen Hort der Sinnlichkeit.

Daran erinnert sich Jonah, während einer nach dem anderen aufkreuzt – bloßgestellt vom Alter. Neben der Leiche wurde Verpackungsmaterial mit Anhaftungen verbotener Substanzen gefunden; plötzlich sind alle verdächtig. Topaz und Connor reisen als Ehepaar an. Brett erscheint besorgt um seinen Ruf. Er wirkt „übertrieben“ beflissen und bereut den Drogenkonsum von damals fast schon vorauseilend. Offensichtlich fürchtet er, dass ihm die eigene Vergangenheit auf die Füße fällt.

Jonah irritiert Bretts offensive Reue. Er hat ihn als athletisch überlegene, souverän-sperrige Figur in Erinnerung. Nun braucht es wenig, Brett dahin zu bringen, Benners als Dealer anzuschwärzen, der seine Ware (fünfzehn Kilo Amphetamin) in jenem Walddepot gebunkert hatte, dass zum Ablageplatz für Auroras Leiche geworden war.

Die trübste Dimension des übertrieben prompten Geständnisses offenbart eine Neidschleppe. In der Romangegenwart reüssiert Benners als Abgeordneter. Er kultiviert den Landhausbesitzerstil mit „einem glänzenden schwarzen Range Rover“, der Jonah „neidischer machte als irgendein Prachtbau“.

Lodge zieht Spannung aus einer nur auf den ersten Blick überschaubar wirkenden Konstellation. Es geht um Sex, Drogen und Mord in der Gesellschaftsmitte. Man kennt sich und bekämpft sich. Lodges Aufbau der psychologischen Anlage ist unter einer schlichten Verblendung höchst raffiniert. Schneller als Jonah wird mir klar, dass nicht nur die sechs Jugendfreund*innen als Täter*innen in Betracht kommen. In einer Rückblende, die den Leser einweiht und den Ermittler ausschließt, zeigen sich weitere Verdächtige. Nebenbei trägt Lodge jede Menge englisch-ansprechendes Kolorit auf. Die Feinzeichnungen verstärken den Wunsch bald einmal wieder im Vereinigten Königreich unter die Leute zu gehen.

 

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