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09.09.2019, Jamal Tuschick

John Fantes „Arturo Bandini Trilogie“ ist nun bei „Blumenbar“ erschienen und lädt zu einer Wiederentdeckung des Autors ein. Heute widme ich mich dem letzten Band - „Warten auf Wunder“.

Aufstieg aus dem Nichts

John Fante

Eingebetteter Medieninhalt

Zwischendurch hat John Fante in Hollywood richtig viel Geld verdient. Doch fehlte ihm von jeher zu viel, um seine Verhältnisse solide zu ökonomisieren. Außerdem fühlte sich Fante als Drehbuchautor unterbewertet. Was am Firmament brillanter Monomanie möglich war, bewies Ernest Hemingway, der als Schriftsteller so berühmt war wie Errol Flynn. Als Sohn eines Maurers aus den Abruzzen verehrte Fante den Ausnahmeathleten Joe diMaggio mehr als Hemingway. DiMaggios Ruhm überstrahlte alle. Hemingway lässt den alten Mann auf dem Meer vor der kubanischen Küste grübeln: „Was würde der große DiMaggio an meiner Stelle tun?“. DiMaggio trug sich in die Liste von Marilyn Monroes Ehemännern ein und wieder aus. Er überholte Arthur Miller auf der Bedeutungsskala. Als Marilyn Monroe aus dem magischen Kreis gestoßen wurde, sorgte DiMaggio für eine angemessene medizinische Versorgung. Kein Wunder, dass Fante in ihm das größte Idol erkannte – und sehr wohl auch den Italian Stallion, dem Fantes Alter ego Arturo Bandini nachläufig hinterher atmet. Der aus Colorado nach Kalifornien gekommene Schriftstellerkellner ist stolz auf seine Muskeln und spiegelt sich selbstgefällig in den Schaufenstern von Los Angeles-Bunker Hill.

John Fante, „Arturo Bandini. Die Trilogie“, aus dem Amerikanischen von Alex Capus, Blumenbar, 606 Seiten, 24,-

Wen gab es noch? Rocky Marciano, dessen Vater auch aus den Abruzzen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten gekommen war, genauso wie der Vater von Dean Martin.

DiMaggio, Marciano, Martin absolvierten den Aufstieg aus dem Nichts stellvertretend für die italienischen Gemeinden in Amerika. Das Wunder vollzog sich in der Überwindung massiver Widerstände. Als Nachkommen von Angehörigen einer feindlichen Nation zerschellten sie eben nicht am Status feindlicher Ausländer. Sie illustrierten eine Trotzkultur, die Fante mit seinem Arturo in „Warten auf Wunder“ weiter bebildert. Er schildert einen unverwüstlichen Charakter, der lieber Hunger leidet als schlecht angezogenen seine Chancen im ewigen Wettbewerb zu suchen. Als Kellner verdient er einen Dollar am Tag, aber in seiner Freizeit zeigt er sich in Nadelstreifen. Nach der ersten Veröffentlichung in einer Zeitschrift namens American Phoenix sieht sich Arturo im Olymp seiner Phantasie um, während die Katzen zu seinen Füßen fauchen. Sie wissen genau, dass Arturo kein Revier in seinem Besitz halten kann. Sie erkennen den Stromer und Schnorrer, der nur von Eigenliebe und Kinobildern angetrieben wird.   

Im Grunde ist Arturo einfach zu kapieren. Was er leicht kriegen kann, verschmäht er aufwendig. Für fünf Dollar könnte er Sex mit einer Nachbarin in dem Kakerlakenstall haben, der als Absteige alle Bedingungen für lyrische Eruptionen erfüllt. Die Nachbarin liest Zola und weiß Arturo als Schriftsteller zu schätzen. Ihre Offerte spornt den Narren in Arturo an. Am Ende eines gewaltigen Umwegs, in dem sich die Verirrungen und Fehleinschätzungen zu einem Massiv aufbauen, das sich an den Rocky Mountains messen lässt, landet er doch bei der Sexarbeiterin von nebenan.

„So vergingen die Tage“, schreibt Fante lakonisch. Irgendwann gerät Arturo in die extrem kurze Aufmerksamkeitszwinge eines Zuarbeiters im vierten Stock der Columbia Studios, also halbwegs im Keller. Allein die Klasse der Sekretärin signalisiert die Bedeutung des grauen Mäuserichs hinter einem Mahagonischreibtisch im Reichskanzleistil.

Heute käme Fante mit dem Aufbau der Szene in Schwierigkeiten. Vermutlich würde ihm seine Lektorin raten, den Hintern der Sekretärin aus dem Spiel zu lassen und die Angestellte nicht als „lüsterne Boa Constrictor“ darzustellen, wo doch offensichtlich ist, wem gerade die Neutralität abhanden zu kommen droht.   

Arturo spielt in der Arbeitszeit Mau-Mau und Halma; er ist jetzt soweit, einem Agenten seine Interessen anzuvertrauen.

Fazit: Als ich vor dreißig Jahren zum ersten Mal Romane des gerade wiederentdeckten John Fante las, erschien mir das Werk traumhaft zeitlos. Heute sehe ich die Zeitgebundenheit, vor allem die Zeitgebundenheit von Fantes Humor. Dieser Humor, in dem der Selbstbehauptungswille eines wild entschlossenen Aufsteigers unter einer Tarnkappe triumphiert, gehört einer anderen Epoche. Die Einschätzung stellt die Romane aber nicht unter historische Quarantäne. Noch leben sie.

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