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10.09.2019, Jamal Tuschick

Alessandro Baricco gibt in „Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur“ Denkfehler zur Besichtigung frei. Der italienische Philosoph erklärt, warum es nichts nutzt, Migranten von der Agora fernzuhalten.

Soziale Atemlosigkeit

Eingebetteter Medieninhalt

In jeder Zeit entstehen wie aus dem Nichts gegriffene Bilder vom Untergang einer Zivilisation im Ansturm der Barbaren. Die Bilder behaupten ihre apokalyptische Dimension gegen die triviale Tatsache, dass sie ohne Ausnahme aus dem Fundus eines Stereotyps stammen. Stets zeigen sie den Anderen in der Rolle des Aggressors und das gefährdete Selbst im Schaumbad der Hilflosigkeit. Der italienische Philosoph Alessandro Baricco beobachtet in seiner unter dem Titel „Die Barbaren“ gestaffelten Sammlung von Artikeln, die zuerst in dem italienischen Leitmedium La Repubblica erschienen sind, „hervorragende Geister (dabei, wie sie) die Ankunft der Invasoren (registrieren), indem sie den Horizont des Fernsehers fixieren“.

Alessandro Baricco, „Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur“, aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Hoffmann und Campe, 223 Seiten, 20,-

„Von Zeit zu Zeit sucht man sich … (eine) Notlage.“

Oft geht die Angst vor dem Invasiv-Fremden in einem Gegensatzpaar ihren Weg zum Herzen der Mutlosen. Sie assoziieren Garten (Garten und Stadt - Gorod - haben denselben Wortstamm) mit Steppe. Darin stecken zwei Erwartungen. Der Feind kommt aus der Steppe, und, der Feind verwandelt den Garten in eine Steppe. Baricco beweist seine Klasse mit der einfachen Frage: Was, wenn Invasoren angemessen angezogen in Erscheinung treten. Er erzählt am Rand der Hauptstrecke, dass Beethoven die Premiere der Neunten im grünen Frack absolvierte, geplagt von der Furcht, in dem Stück durchzufallen. Sein Sekretär hatte ihn mit einem Hinweis auf das Schurkenlicht im Konzerthaus vorausschauend beruhigt. Niemand würde die Frackfarbe erkennen. So wie niemand die Bedeutung der Sinfonie erkennen würde. Beethoven könne weder mit noch in dem unkonventionellen Stück durchfallen.

Heute nehmen die Verfechter harter Grenz-Regimes Beethovens Neunte zum Beweis ihrer persönlichen Überlegenheit als Angehörige einer Kulturnation.

Baricco beruft sich auf Walter Benjamin, den er seinen Zeitungslesern mühsam zusammensetzt als marxistischen Juden auf der Flucht vor den Nazis. Benjamin kannte sein Dilemma. Er wäre auch in einem kommunistischen Reich an die Wand gestellt worden. In meiner Jugend war das der Distinktionsgipfel: Benjamins Verausgabung auf einem Plateau der Aussichtslosigkeit. Selbstverständlich wäre Benjamin zu retten gewesen. Und die, die sich davon abhielten, nannten sich seine Freunde.

Baricco erkennt in Benjamin einen „Fotografen des Werdens“, einen Seher der Übergänge, wo das Neue sich irritierend manifestiert. Benjamin habe die „DNA einer Kultur … in ihren Entgleisungen entziffert“. Angeblich gelang ihm das u.a. in einer Synthese von Baudelaire und Gärtnereihandbücherweisheiten. Benjamin faszinierte der Funk und Micky Maus, schreibt Baricco. Er zitiert Benjamin:

„In (Walt Disneys) Filmen bereitet sich die Menschheit darauf vor, die Zivilisation zu überleben.“  

Disney als Barbar ist natürlich noch nicht mal auf den ersten Blick originell. Das bleibt ein Klischee (vom Untergang des Abendlandes in Hollywood), auch wenn Barrico es feiert. Der Philosoph liebt Fastfood und Realityshows. Er hat recht, die Vernichtung der Kultur ist eine Voraussetzung für ihre Erhaltung. Wir selbst sind die Barbaren, als die wir andere ausweisen.

Wein

Bis vor ein paar Jahrzehnten, so Barrico, wurde Wein vor allem auf dem Grund seiner größten Gewächse getrunken. Der Rest der Welt war ausgeschlossen. Heute trinken Leute rund um den Globus Weine, deren Existenz auf lokale Kulturen und Ideen zurückgehen; auf Phänomene, deren Universalisierung witzlos erscheinen würde, wären sie bloße Erörterungsgegenstände. Doch sind sie längst Realität. Sie widerlegen jene Erfahrungen, die Jahrhunderte jeden Kenner und Künstler dazu veranlasst hätten, von einem Export der Patente abzuraten. Das hat Benjamin vorausgesehen.

Disneys „Filme desavouieren … alle Erfahrung. Es lohnt sich in einer solchen Welt nicht, Erfahrungen zu haben.“

Ein in den Erfahrungen geronnener (europäischer) Kulturschatz wurde von amerikanischen Soldaten geplündert, die als Besatzer in Italien auf den Geschmack von Wein gekommen - und nach ihrer Rückkehr in Kalifornien Weinbauern geworden waren. Sie veränderten das Antlitz der Welt. Zu Lasten der Qualität, schreibt Barrico.

Das ist Barbarei.

„Die Seele geht verloren, wenn man auf eine intensive Vermarktung setzt.“

Barrico macht sich die Mühe zu erklären, was genau passiert ist. Die amerikanischen Winzer widerlegten in ihrer Praxis den Mythos von der einmaligen Großartigkeit romanischer Böden. Geeignete Böden gibt es überall. Der heikle Punkt ist die Gärung. Die Plünderer kompensier(t)en ein klimatisches Manko mit klimaanlagentechnisch-kontrollierter Gärung.

„Eine technologische Revolution beseitigt urplötzlich die Privilegien der Kaste, die die Vormachtstellung in der Kunst innehatte.“

Alle weiteren Beispiele bestätigen die Mechanik. Sie zeigen, dass das Andere das Neue ist - die Mutation. Barrico plaudert aus der Schule einer linkskatholischen Kindheit. Aus ideologischen Gründen kriegte er keine Fußballschuhe. Deshalb lief er in den alltäglichen Straßenschlachten mit Wanderstiefeln auf. Man setzte ihn konsequent als Verteidiger ein. In dieser Eigenschaft durfte er nicht über die Mittellinie expandieren. Das Spiel vor dem gegnerischen Tor erlebte er als Beobachter verwehter Szenen, die „in meinen Verteidigeraugen die sagenumwobene Aura eines Badeorts … besaßen: Frauen und Scampi“. Nie kam Barrico in den Genuss einer Torrauschumarmung. Nur der Torwart war noch einsamer.

„Der Torwart war immer ein bisschen verrückt, er kam allein zurecht.“

Dann änderte sich das Spiel und Barrico fiel aus seiner Rolle. Er wurde das Opfer einer Verdrängung. Ein neuer Verteidigertypus setzte den Heranwachsenden aufs Altenteil. Barrico lässt daran keinen Zweifel: er hätte umlernen können. Aber er wollte nicht. Lieber lebte er mit seinen verbrauchten Begriffen weiter im süßen Gloom der Nostalgie.

Man möchte diese Verweigerung unter Dach und Fach bringen, etwa mit folgender Feststellung. Es gab keine Notwendigkeit, sich auf ein größeres Pensum und eine intelligentere Auffassung umzuschulen und sich von der groben Manndeckung anders als final Abstand zu nehmen.

Aber trifft das das?

Ich sah in Pankow und im Wedding ein halbes Dutzend musealer Friseurläden sich zehn, fünfzehn Jahre auf einer Kante halten. Sehr verschieden geprägte Berliner*innen erzählten ihre Geschichten zwischen den Türen und Angeln semi-prekärer Normalität. Die Schoten und Riemen handelten stets von steigenden Kosten, Gentrifizierung, sozialer Atemnot und anderen geschäftsschädigenden Umständen. Irgendwann kam ich wieder mal vorbei und fand wieder einen Laden geschlossen. Die unspektakuläre Bedarfsdeckung ernährte offensichtlich keine eingesessene Friseurin mehr; obwohl in der Gegend noch genug Leute lebten, die keinen Cent für Fassade und Aufputz (die Täuschungen des Designs) übrig hatten. Gleichzeitig eröffneten in der Nähe der aufgegebenen Geschäfte migrantische Friseure Läden von dem skizzierten Zuschnitt.

Auf welchen Markt spekulieren die Neuen? Was unterscheidet die Einsteiger von den Resignierten?

Lesen Sie „Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur“. Baricco erklärt es.  

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