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11.09.2019, Jamal Tuschick

Mark Terkessidis beschreibt in „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“ die geistigen Voraussetzungen für das Kolonialfieber der Deutschen. Seine kritische Betrachtung der Rolle, die Alexander von Humboldt in diesem Zusammenhang spielte, verdient besondere Beachtung.

Ignorante Gleichsetzung

Eingebetteter Medieninhalt

Die „europäische Wissensbildung“ gehört als Übernahme der Deutungshoheit zu den Eroberungen. Die Gewalt in den Benennungen der Eingeborenen, Wilden, Heiden, Kaffer, Hottentotten, Indianer, Eskimos etc. geht der körperlichen Gewalt gegen die (von der weißen Wahrnehmung) Degradierten voraus. Mark Terkessidis zitiert Edward Said, der den Feldzugcharakter überseeischer Benennungskampagnen hervorhebt. Die christliche Namensgebung richtete sich Kultur vernichtend gegen Besiegte auch noch in der Prägung von Landschaftsbegriffen. Höhen und Täler verloren ihre ursprünglichen Bezeichnungen oft an Verballhornungen, in denen sich Spott, Hohn oder Gleichgültigkeit aussprachen. Es gab keinen Unterschied zwischen Bekehrten und Besiegten, insofern alle Bekehrten Besiegte waren.

Mark Terkessidis, „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“, Hoffmann und Campe, 219 Seiten, 22,-

Man muss immer wieder darauf zurückkommen, um die Selbstverständlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren, mit der koloniale Kategorien lange nach dem Ende des Kolonialzeitalters unsere Weltbegriffe präg(t)en. In der emanzipierten Perspektive erscheint Alexander von Humboldts „Neuerfindung Amerikas“ als Angelegenheit im kolonialen Kontext. Humboldt bemerkt auf „den venezolanischen Ebenen“ kein Denkmal einer vergangenen gesellschaftlichen Epoche. Der besichtigte Raum erfährt eine ignorante Gleichsetzung mit der Natur. Allein die Natur liefert Schauspiele. Der von Humboldt erforschte „Erdwinkel“ liegt fern allen geschichtsmächtigen Kräften.

Die Eingriffe der Eingesessenen verändern kaum ihre Umgebung. Die ethnische Diversität in den Städten bietet Gelegenheit, den Leser zu erheitern. „Die Ureinwohner tauchen nur im Kollektiv auf. Sie vegetieren im Zustand der Verworfenheit dahin.“ Ein Titel zeigt das Programm an: Pittoreske Ansichten.

Diese Neudeutung des Aufklärers Humboldt verdankt sich Mark Terkessidis. Er geht noch weiter, wenn er feststellt, dass Humboldts geografisch präzisen Schilderungen zu einer Zeit in Deutschland innovativ kursierten, als Spanien und Portugal die Kontrolle über Lateinamerika bereits verloren hatten und instabile Staaten an die Stelle der alten Ordnung getreten waren, deren offenbare Schwäche „Begehrlichkeiten bei den imperialen Mächten der Alten Welt hervor“ riefen.

Ginge man noch weiter, könnte man Humboldt als einen Agenten deutscher Interessen noch einmal ganz neu kennenlernen. Solche Gedankenspiele provoziert Terkessidis mit einem geistvollen Mix origineller Deutungen mehr oder weniger bekannter historischer Marken. Terkessidis zitiert Hegel, der den Afrikanern keinen Subjektstatus zubilligte. Er nahm sie aus der Geschichte und unterstellte sie weißen Deutern und Gestaltern zur beliebigen Verfügung.

„Kein geschichtlicher Weltteil … keine Bewegung und Entwicklung“. Man braucht gar nicht mehr zu wissen, um den kolonialen Impetus zu begreifen. Die kolonialen Abenteuer des 19. Jahrhunderts waren Zeitreisen zu Anfängen, über deren historische Einordnung gestritten wurde – nur ganz bestimmt nicht mit den Gastgeber*innen. Deren Bedeutung erschöpfte sich darin, Gegenstände von Betrachtungen und Maßnahmen zu sein. Unter günstigen Umständen befanden sie sich in Mündelpositionen.

Terkessidis beginnt mit den ersten deutschen Exploitationsexpeditionen im 16. Jahrhundert, die bereits von Zeitgenossen ob der massiven Menschrechtsverletzungen kritisch gesehen wurden. Als Welserland bezeichnet man ein Gebiet im heutigen Venezuela, das Kaiser Karl V. dem Schwäbisch-Fränkischen Patriziergeschlecht der Welser ein Weilchen als Pfand überlassen hatte. Die „Entdecker“ scheiterten als Siedler und reüssierten im Sklavenhandel. Die erste deutsche „Überseemission“ erwies sich als nicht anschlussfähig, obwohl sie innerhalb des epochalen Kontextes der „europäischen Expansion“ einen rahmenden Zusammenhang zugewiesen bekam. Während die Erinnerungen der Kaufleute kanonisiert wurden, blieb die ursprüngliche Bevölkerung ungehört. Das entsprach einer Praxis, seit Christoph Kolumbus auf den Bahamas erstmals neuweltlichen Boden betreten hatte.

Gastgeber Bismarck prägte auf der Berliner Konferenz 1884 das Wort vom „Platz an der Sonne“, den sich Deutschland im kolonialen Wettbewerb mit den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich sichern müsse. Der deutsche Platz an der Sonne war klein und wurde nicht lange gehalten. Das rechnet man heute zu den entlastenden Momenten deutscher Geschichte. Die Einschätzung ignoriert einen Völkermord und vernachlässigt die Tatsache, dass Deutsche seit dem 15. Jahrhundert an globalen Ausbeutungsfeldzügen beteiligt waren. Der Kolonialismus war ein „europäisches Projekt“ (Joseph Conrad), dass die Fugger und Welser genauso vorantrieben wie die Medici. Die Trennungen zwischen staatlichen und privaten Unternehmungen waren durchlässig. Kaufleute traten als Statthalter auf und nahmen Regierungsaufgaben wahr. Ein Grundstock der ersten deutschen Kolonie in Afrika war das Lüderitzland (heute Namibia), benannt nach dem Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz.  

Humboldts „Neuerfindung Lateinamerikas … als quasi unberührte Natur“ mobilisierte in Deutschland „eine erhebliche Entdeckerenergie“. Der Furor kam aus Verfügungsphantasien. Der Besitz von Sklaven und die Inbesitznahme von Bodenschätzen reizte. Vielleicht hat sich der ganze Kolonialplunder auch deshalb so eingenistet, weil sich damit die Verwandlung von einem gemeinen Mann in einen Herrscher zumindest als Vorstellung verbinden ließ. Terkessidis erklärt eine weitere Verwandlung, nämlich die Verwandlung des politischen Freiheitsbegriffs als einer bürgerlichen Forderung in eine räumliche Freiheit, die in Afrika und Amerika vermutet wurde. An die Stelle der vollen Tafel der Macht tritt das „leere Land“, wo gar nicht erst verhandelt werden muss.

Das ist brillant.

Terkessidis sieht den Kolonialphantasten in seinem Schlaraffenland frei darüber entscheiden, ob er gerade lieber missionieren, assimilieren, penetrieren, erziehen oder ausrotten will.

Bald mehr.

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