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11.09.2019, Jamal Tuschick

Sherko Fatah erzählt in seinem Roman „Schwarzer September“ so überzeugend, als sei er dabei gewesen, von Allianzen der zweiten RAF-Generation mit der PLO.

Olympischer Halbgott des Freiheitskampfes

„Auch die größten Mächte jagen Phantome.“

Eingebetteter Medieninhalt

Anfang der 1970er Jahre pflanzten Palästinenser, die in Jordanien nicht mehr willkommen waren, im Libanon einen PLO-Ableger und benannten ihn nach einer Niederlage. Der historische „Schwarze September“ (1970–1971) stellte sich in ihrer Sicht als verlorene Auseinandersetzung zwischen der jordanischen Armee und palästinensischer Guerilla dar. Mit dem Terrorlabel „Schwarzer September“ verbindet man zuerst das Münchner Olympia-Attentat vom 5. September 1972. Palästinensische Terroristen brachten die israelische Mannschaft in ihre Gewalt. Sie begannen als Geiselnehmer und endeten als Mörder. Ihre Premiere hatte die neue Gliederung ein Jahr zuvor mit der Ermordung des jordanischen Premierministers Wasfi at-Tall gefeiert. Wasfi at-Tall, ein ehemaliger Hauptmann der britischen Streitkräfte, war dreimal berufen worden, zuletzt als Bürgerkriegspremier. Sherko Fatah beginnt mit der ersten überlieferten Bluttat des „Schwarzen Septembers“. Einer der Attentäter lutscht das Blut des Ermordeten von den Fliesen und zeigt sich befriedigt von dem barbarischen Akt.

Sherko Fatah, „Schwarzer September“, Roman, Luchterhand, 379 Seiten, 22,-  

Die archaische Ladung detoniert auf einer Luxusmeile. Die Szene hallt nach. Dem Begriff der Blutrache verhilft sie zu besonderer Anschaulichkeit. Fatah kommt so suggestiv wie instruktiv auf diesen Punkt zurück. Das Phantasma von der rigorosen Blutrache sei „Folklore“. Die näheren Umstände hingen von der Stellung des Delinquenten im Gefüge ab. Die Feinheiten des Rechtsinstituts entzögen sich westlichem Begreifen (westlichen Begriffen). Fatah führt die Kategorie alte Kultur ein. Dazu gleich mehr.

Ich denke, besser kann man es nicht machen. Da hat einer den Film zum Buch schon im Kopf. Der Blutlutscher erscheint als Clown. Hundert Seiten später meditiert der Beiruter CIA-Resident Amos über die Hauptkampflinien im Nahostkonflikt. Er hat eine Quelle aufgetan, die im engsten Kreis um Jassir Arafat mitmunkelt. Seinen Untergebenen gibt Amos Rätsel auf, die sich mit Geheimdienstbinsen nicht auflösen lassen. Keiner weiß, was es mit der jüngsten Formation unter dem PLO-Dach auf sich hat, während die mondänen Bars am Strand von Leuten frequentiert werden, die mit ihren Booten vorgefahren sind.

„In Beirut geschieht wirklich alles“, weiß ein Barmann.

Fatah schildert die „rebellische Ziellosigkeit … einer mittellosen Jugend“, die auf den Straßen Selbstbewusstsein zur Schau stellt. Einer dieser geborenen Handlanger wird durch die PLO-Mühlen gedreht und avanciert zum transkontinental agierenden Laufburschen. Fatah macht kein Hehl daraus, dass Ziad sein Held ist. Ziad verkörpert den blinden Spieler im Labyrinth. Oder, um es mit den Worten eines amerikanischen Vietnamkriegsveteranen zu sagen: Wir waren Jahre damit beschäftigt, namenlose Hügel zu nehmen, zu halten und aufzugeben, ohne dass auch nur mit einer dieser Aktionen etwas Kriegsentscheidendes verbunden gewesen wäre. Doch forderte die Sinnlosigkeit alles. So ist es auch in dem von Fatah erzählten lianenhaft verschlungenen Geheimdienstdschungel. Ziad erreicht halbwegs in Lumpen Paris und wird da von einem PLO-Prinzen namens Salameh mit den Insignien eines königlichen Boten ausgestattet. Dies geschieht aus konspirativen Gründen. Das permissive Europa dient den PLO-Kombattant*innen gleichermaßen als Hinterland und Aktionsplattform.

Ziad glaubt, in Frankreich einem olympischen Halbgott des Freiheitskampfes begegnet zu sein. Salameh wählt aber den Verrat zur Absicherung seiner nach dem Münchner Attentat heikel gewordenen Lage. Die israelischen Vergeltungsoperationen laufen unter den Titeln Gottes Zorn und Frühling der Jugend an. Eine von Ehud Barak befehligte Sondereinheit des Mossad namens Caesarea bricht zu einem globalen Jagdzug auf. In Rom bringt sie Abdel Wael Zwaiter zur Strecke. Fatah beschreibt einen hochkultivierten, in der zweiten Generation intellektuell gemangelten, vor Zurückhaltung berstenden und vor Kunstsinnigkeit irisierenden Intellektuellen, der alles vor die Tür seiner Persönlichkeit zu kehren verstanden hatte, was ihn grobschlächtig hätte erscheinen lassen können.  

Und doch war Zwaiter (angeblich) „Schöpfer und Organisator einiger der perfidesten Anschläge“ gewesen. Das Resümee zieht Amos. Ihn begrenzt nicht „die protestantische Engstirnigkeit“ vieler Kolleg*innen, für die Arabisch ein Rückständigkeitssynonym ist. Amos weiß, dass der Nahe und Mittlere Osten, Israel inklusive, sich sehr wohl mit China im Interregnum seiner Schwäche vergleichen lässt. Was für uns Welt bedeutet, entstand im mesopotamischen Delta zwischen Euphrat und Tigris sowie in ägyptischen Nilauen. Der babylonische Vorsprung (gegenüber Europa) beträgt fünftausend Jahre. In dieser Zeit entwickelte sich auch eine Kultur des Hinterhalts. Große Spieler*innen der Levante beherrschen Kampf als Kunst. Sie setzen sich gegenseitig auf Todeslisten.

„Die Ermordung Wael Zuaiters war … der Auftakt einer Serie von Mordanschlägen, die der Mossad als Vergeltung für das Massaker in München verübte.“  

Salameh sucht amerikanische Rückendeckung. Er träumt von einem Aufschub. Fatah beschreibt einen von Unterstützer*innen überlaufenen Kosmopoliten, dazu auserkoren, Arafat nachzufolgen.

Wikipedia weiß: „Ali Hassan Salameh (* 1940?; † 22. Januar 1979 in Beirut, Libanon; arabisch علي حسن سلامة, DMG ʿAlī Ḥasan Salāma) war ein Fatah-Funktionär und das Oberhaupt der Terrorgruppe Schwarzer September, welche unter anderem das Olympia-Attentat 1972 in München verübt hat. Sein Deckname war Abu Hassan, er wurde in Deutschland unterrichtet und erlangte seine militärischen Fähigkeiten in Kairo und Moskau.“

Marxisten der Innerlichkeit weichen in Westberlin erst in die Poesie aus und suchen sich dann doch ihren Kampf

Zu Salamehs weitmaschigem Netzwerk gehören Westberliner Kommunarden, deren revolutionärer Impetus soweit ermattet ist, dass er sich in öffentlichen Stuhlgangsitzungen erschöpft. Jenen, die den bewaffneten Kampf noch nicht aufgegeben haben, erscheinen die befreiten Kacker*innen als Renegaten. Zu Unrecht. Der Kommunarde Alexander fliegt nach Beirut, um Bürgerkriegsluft zu atmen. Er rivalisiert mit Jakob auf dem Feld der Radikalität. Beiden gewährt die bekennende Antizionistin Theresa ihre Gunst. Eifersucht zählt zu den verdammungswürdigen bürgerlichen Eigenschaften.

Fatah nimmt, glaube ich, an Brigitte Mohnhaupt und Peter-Jürgen Boock Maß. Die Köpfe der unmittelbaren Baader-Meinhof-Nachfolger*innen-RAF-Führungsriege kollaborierten mit Wadi Haddad aka Abu Hani, als jener Chef der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) war. Haddad löste 1976 mit der Entführung einer Air France Maschine die Operation Entebbe aus. Fatah kreist in seinem Roman um solche Highlights des internationalen Terrorismus. In diesem Kontext taucht Alexander als deutscher Zauberlehrling im Orient auf. Ihn leitet die Leninistische Idee vom Terror als gesellschaftlicher Hygieneartikel. Alexander fasziniert die lässige Machtausübung der jungen Freischärler auf den Straßen Beiruts. Er ahnt nicht, dass die kaum erwachsenen Milizionäre in ihren Klans einem mittelalterlichen Familienrecht unterworfen sind.   

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