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14.09.2019, Jamal Tuschick

„Ich bin Panafrikanerin. Ich habe eine afrozentrische Perspektive.“ Das erklärte vorgestern Abend die Autorin, Übersetzerin, Wissenschaftlerin, Kuratorin und Filmemacherin Natasha A. Kelly im Tagungsraum der „Frauenkreise“ in der Choriner Straße (Berlin). Da empowerte sie vor allem junge Leute. Die Grundfläche hatte sich tröpfelnd bis zum Bersten gefüllt. Das Interesse verstopfte den Aufgang. Viele junge Schwarze Frauen zeigten sich vor Ort entschlossen, den Kampf (wenn schon nicht um die kulturelle Hegemonie, dann doch wenigstens) um Selbstbestimmung mit den Argumenten der Vorkämpferin aufzunehmen.

Der Kampf geht weiter/Gala des Empowerments

My Sisters

Natasha A. Kelly ermutigt und unterrichtet die nächste Generation Schwarzer Kämpferinnen - „My Sisters“.

Es gibt nicht den Schwarzen Feminismus, verkündete sie in den „Frauenkreisen.

„Der Schwarze Feminismus hat viele Ansätze.“ Das Verbindende sei die Intersektionalität. Das ist ein von Kimberlé Crenshaw geprägter Begriff zur Erfassung von Mehrfachdiskriminierungen. Dazu gleich mehr.

Um nicht ständig „die tools reclaimen zu müssen“, so Kelly, habe sie Schwarzfeministische Grundlagentexte in einem Band versammelt. Die Auswahl impliziere „eine deutsche Konnotation“. Die Rede ist von Schwarzer Feminismus“, erschienen im „Unrast Verlag“. Kelly betonte die Bedeutung der Quellen. Sie referierte eine in der Anthologie vorgezeichnete feministische Traditionslinie von Sojourner Truth über Angela Davis, bell hooks, Audre Lorde, Barbara Smith bis Kimberlé Crenshaw. Die Beiträge „bauen historisch aufeinander auf“. Die Übersetzungen versteht Kelly „als feministisches Handeln“. Entsprechend wurde in nicht-feministische Auslegungen eingegriffen.

Natasha A. Kelly ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin mit den Forschungsschwerpunkten Kolonialismus und Feminismus. Die in London geborene und in Deutschland sozialisierte Autorin, Kuratorin und Dozentin hat an zahlreichen Hochschulen in Deutschland und Österreich gelehrt und geforscht. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin (2010 – 2013) setzte sie sich v.a. mit der Verwobenheit von Wissen, Macht und Körper auseinander.

Zuerst sprach Kelly über jene bannbrechende Rede, die Sojourner Truth 1851 auf einem Frauenkongress in Akron, Ohio, hielt

Lasst sie nicht sprechen

Es waren Frauen, die eine der ersten Schwarzen Feministinnen auf einem Emanzipationskongress vor hundertsiebzig Jahren nicht zu Wort kommen lassen wollten. Weiße Feministinnen traten als Garantinnen der Ungleichheit auf. Sie forderten:

„Lasst sie nicht sprechen.“

Sojourner Truth hielt trotzdem eine die Himmel der weißen Selbstgerechtigkeit erschütternde Rede vor Geschlechtsgenossinnen, die zwar strukturell erniedrigt wurden, sich jedoch auf Galanteriegebote berufen konnten. Man hatte einer weißen Frau aus der Kutsche und über Gehwegschäden hinweg zu helfen. Niemand hatte Sojourner Truth je eine respektvolle Hand gereicht. Dies gleichermaßen konstatierend und kritisierend, fragte Sojourner Truth: 

„Bin ich etwa keine Frau*? Sehen Sie mich an! Sehen Sie sich meinen Arm an! Ich habe gepflügt, gepflanzt und die Ernte eingebracht, und kein Mann hat mir gesagt, was zu tun war! Bin ich etwa keine Frau*?“

Die weißen US-Feministinnen nahmen eine degradierende Unterscheidung vor, die der zeitgleichen Ausgrenzung politisierter Arbeiterinnen in Europa entsprach. Man hinderte arme Aktivistinnen vielfach, wenn auch nicht überall daran, den bürgerlichen Emanzipationszug zu besteigen, und unterwarf sie restriktiven Betrachtungen, in denen sie als Mündel und der Fürsorge Bedürftige erschienen. Man vergegenständlichte sie und verständigte sich über sie ebenso wie man sich über Dienstmädchen austauschte. Stichwort Bemächtigung der Deutungshoheit.

Bourgeoise Verve kollaborierte mit der Aufstandsbereitschaft der niedrigen Stände nur in Großbritannien. Zur Gründungssitzung des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) im März 1894 wurden Sozialistinnen nicht eingeladen.

Die bürgerlichen Aktivistinnen strebten nach einer Aufwertung hin zur mündigen Staatsbürgerin. Arbeiterinnen waren nach ihrem Klassenverständnis Frauen, die erzogen werden mussten. 

Machtmatrix

Clara Zetkin sprach von einer „reinlichen Scheidung“ der bürgerlichen von der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland. Das hätte sie auch über den US-amerikanischen Suffragetten-Swing sagen können. Die Verdreifachung erschwerender Faktoren – Geschlecht, Klasse, Race – platzierte Schwarze Frauen an einem gesellschaftlichen Rand, der Verworfenheit, zumindest jedoch den absoluten sozialen Endpunkt suggerierte. Bis in die 1960er Jahre gelang es der US-weißen Frauenbewegung nicht, belastbare Bündnisse mit Schwarzen feministischen Blöcken einzugehen. Weiße Strategien schlossen Schwarze aus keinen anderen als den von Sojourner Truth kritisierten Gründen aus.

Darauf kam Kelly wiederholt zu sprechen: Dass der weiße Feminismus die „Trinität von weißer Vorherrschaft, Kapitalismus und Patriarchat“ (bell hooks) nicht durchbricht. Weiße Frauen steckten genauso in der „Machtmatrix“ wie weiße Männer.  

„Es gibt eine rassistische Segregation in der weißen Frauenbewegung. Eine weiße Frau ist mächtiger als ein Schwarzer Mann.“

Weiße Frauen fordern „Zugang zu den Chefetagen. Wir verlangen Arbeitsplätze.“

„Die Frauenquote hilft nur weißen Frauen.“

Das schärfte Kelly ihrem Publikum ein: Alle Weißen sind Teil des Problems.

„Wir haben uns nicht selbst versklavt.“

Es bedürfe einer Wurzelbehandlung.

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Die Biografie der als Tochter von Sklaven in Unfreiheit geborenen Sojourner Truth liefert ein frühes Beispiel für Selbstermächtigung. Die Aktivistin erkämpfte ihre Freiheit sowie wie sie die Freiheit eines „illegal verkauften Sohnes“ vor Gericht erstritt. Es war der erste Prozess in Amerika, in dem einer Schwarzen Frau zum Nachteil eines Weißen Recht gegeben wurde. Sojourner Truth engagierte sich zum Wohl der Nachkommen von Verschleppten. Sie brach und erfand Regeln und stellte sogar einen amerikanischen Präsidenten zur Rede. Erst hundertfünfzig Jahre nach dem Auftritt in Akron erhielt die von Sojourner Truth erstmals benannte Form der Mehrfachdiskriminierung einen Namen. 1989 prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu beschreiben.

Angela Davis stellte lange vor Kimberlé Crenshaw fest, dass „die spezifischen Diskriminierungserfahrungen“ Schwarzer Frauen vom weißen feministischen Diskurs nicht begriffen werden. Die Geschichte der Versklavung weist dem Schwarzen Feminismus einen exklusiven Verhandlungskontext zu. Für das US-Sklavenprogramm habe es keine „präexistierenden sozialen Strukturen oder kulturelle Vorschriften“ gegeben, „die zur Versöhnung mit den Umständen der Knechtschaft hätten führen können“.

Angela Davis rekurriert auf Marx: Der Leibeigne „wird als unorganische Bedingung der Produktion in die Reihe der andren Naturwesen gestellt, neben das Vieh und als Anhängsel der Erde“.

Die nordamerikanischen Menschenzuchtanstalten des Antebellum South hatten keine antiken Vorbilder. Obwohl die von Versklavten bewirtschafteten Plantagen auf Erhöhungen agrarischer Normen ausgerichtet waren, folgten ihre Optimierungsmaximen den Gewitterboten des industriellen Zeitalters. Die Sklavenhalter der britischen, spanischen und französischen Kolonien, die als Vereinigte Staaten von Amerika unabhängig wurden, erachteten die Unterworfenen als mobiles Eigentum.

„Denn in der Versklavung wurde die Persönlichkeit von der verkommenen Idee des Eigentums verschlungen – der Mensch wurde zum beweglichen Eigentum.“

Das erläuterte Angela Davis 1971 in einem unter Haftbedingungen entstandenen Aufsatz, der vor allem die Rolle der Schwarzen Frau in der Verschleppungszeit mit ihren bis in die Gegenwart virulenten Folgen klärt.

Hüterin einer widerständigen Hausgemeinschaft  

Angela Davis schildert die Schwarze Frau in der anglo- und franko-amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft als „Hüterin des häuslichen Widerstands“. Sie sei in einer negativen Gleichsetzung dem Schwarzen Mann nicht unterlegen und ihm allein deshalb überlegen gewesen. Dem als Entrechteter in seinen Schutzfunktionen versagenden Mann begegnete eine auf den Domänen der Haushaltsführung nicht aus der Bahn geworfene Frau. Daraus ergaben sich zwei Spielfiguren des Ressentiments: die mit guter Dominanz waltende Matriarchin und die mit böser Dominanz Kastrierende.

Die Verherrlichung des Schwarzen Phallus, die in den 1960er Jahren eine politische Konnotation bekam, ist in rechtspopulistischen Bedrohungsszenarien bis heute vital geblieben.  

 „Your silence will not protect you.“ Audre Lorde

Die Schwarze Kriegerin

Nicht nur die weiße Geschichtsschreibung unterschlägt den Widerstand Schwarzer Frauen in der US-amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft. Davis leuchtet kurz in das Verhältnis von Herrschaft und Deutungshoheit. Sie verzichtet darauf, die genretypischen Darstellungen verschleppter und versklavter Frauen als schicksalsergebene Trägerinnen enormer Lasten, als Duldungsmaschinen und Muttertiere zu decouvrieren. Davis zitiert kaum aus den Poesiealben des Terrors unter den Vorzeichen fatalistischer Geschichtsbegriffe. Knapp bestimmt sie die Grundfläche jener Arena, in der sich die Entrechtung im Geleit psychologischer und physischer Zersetzungsmethoden vollzog.

In der alten pyramidalen Unterwerfungsarchitektur, die kaum je ein archäologisches Interesse fand, sank die versklavte Frau unter den versklavten Mann und wurde von einer sadistischen Freiheit verschlungen. Sie suchte Zuflucht bei Jesus und verlegte ihre Interessen ins Jenseits. Solche Deutungen entsprachen/entsprechen Ermordungen auf dem Papier – Vernichtungen eines wahrhaftigen Andenkens im römischen Geist der Damnatio memoriae. Davis setzt sie keiner Kritik aus, sie übergeht den Herrschaftstext. Ihre postumen Heroisierungen fallen dezent aus. Im Grunde geht es ihr nur darum, die offizielle Lesart und Schreibweise facettenreicher zu gestalten, um dem Stolz nachkommender Aktivistinnen Motive zu liefern.

Die in Ketten der Fremdbestimmung geschlagene Revolutionärin schafft das Narrativ der Schwarzen Kriegerin. Sie schildert ihre Ahninnen als Garantinnen des Partisanenmuts in prekären Maroon-Gemeinschaften, die sich mitunter jahrelang gegen eine Übermacht hielten und sich schließlich lieber bis auf die letzte Frau niedermachen ließen als sich für einen Galgentod zu ergeben. Diese Neubeschriftungen alter Flächen gipfeln in mythischen Geflüchteten-Republiken, deren Bürger*innen (am besten auf einer Insel) eine freundliche Zukunft politisch unglaublich einsichtig vorwegnehmen.

Davis beschreibt Folgen der Leugnung Schwarzer Tapferkeit. Eine falsche Berichterstattung hilft Herrschenden die Mutlosigkeit jener zu fördern, die sie zu fürchten haben. Vor allem jedoch korrigiert Davis das Bild von der Schwarzen Frau auf der letzten Hierarchiestufe. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen bewirkten eine negative Gleichstellung der Versklavten. In vielen Gemeinschaften ließ sich weibliche Dominanz beobachten. Die Matriarchin war eine bestimmende Figur.

Davis betreibt im Verein mit anderen Aktivistinnen eine Dekonstruktion der Matriarchin, die ihre Position einer Mitwirkung an der eigenen Unterdrückung verdankte.

Ich setze an einer anderen Stelle an.

Brillante Perlen

Was man verinnerlicht hat, weiß man überhaupt erst, wenn man es veräußerlicht hat. Ein Merkmal der Absonderung ist Genauigkeit. Außenseiter*innen überleben ihre Gefährdungen als Beobachter*innen. Audre Lorde schreibt:

„Eine Überlebensstrategie für diejenigen von uns, für die Unterdrückungserfahrungen so US-amerikanisch sind wie Apfelkuchen, bestand darin, stets Beobachtende zu sein.“

Diese Position ergibt sich in einer Anspannung, die in Patricia Hill Collins‘ Aufsatz „Die Kraft der Selbstbestimmung“ zum Gegenstand wird. Schwarze Frauen bedienen sich „der Sprache und den Sitten der Täter*innen“ wie Hüllen, die sie verbergen sollen. Sie verwenden die Kodes ihrer Vorgesetzten, um etwas vorzutäuschen, dass abschirmend wirkt. Sie begreifen die Schliche der Anpassung als Schauspielerei.

„Wir sind die besten Schauspielerinnen der Welt.“

Collins bemerkt bei Schwarzen Hausangestellten ein „beeindruckendes Selbstbewusstsein“. Die Autorin exponiert „Geschicklichkeit“ in der Abwehr von Herabsetzungen und bei der Kreation „stärkender Identitäten“. – Dies in einem historischen Rückblick, der afroamerikanische Frauen an der Schwelle zum XX. Jahrhundert als „willensstarke Widerständige“ zeigt. Sie leb(t)en ihrer Gemeinde „etwas Wertvolles und Verdienstreiches“ vor. In der Idealisierung der mehrfach diskriminierten, gleichwohl haltungsstarken Arbeiterin stecken Ideen, über die zu sprechen sein wird.

Ich habe Kelly schon einmal beobachtet und möchte meine Anmerkungen zum Verve einer früheren Veranstaltung für die Fans noch einmal bereitstellen:

Keine Opferolympiade

Auch das stellte Natasha A. Kelly bei der Präsentation des Grundlagenwerks „Schwarzer Feminismus“ im Berliner Theater Hebbel am Ufer fest: „Wir wollen keine Opferolympiade“ auf der Basis intersektionaler Analysen von Mehrfachdiskriminierungen in dieser „rassistischen und kapitalistischen Kackscheiße“.    

Nach ihr wurde der erste Rover, der 1997 mit der Sonde Pathfinder auf dem Mars landete, benannt. Die Biografie der als Tochter von Sklaven in Unfreiheit geborenen Sojourner Truth bietet ein frühes und bewegendes Beispiel für Selbstermächtigung.

1989 prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu beschreiben. Seitdem arbeitet die US-amerikanische Rechtswissenschaftlerin daran, unsichtbar gemachte Bevölkerungsgruppen, allen voran Schwarze Frauen, in ihren komplexen Lebenswirklichkeiten sichtbar zu machen. Intersektionalität erlaubt inklusiv politisch zu arbeiten. Crenshaw hat bereits unzählige Menschen inspiriert und in ihrem Kampf um Gerechtigkeit unterstützt und gestärkt.

„Intersektionalität ist kein Universitätssport, sondern eine Handlungsanleitung für soziale Gerechtigkeit.“

„Wenn Leute behaupten, ich wirke spaltend, entgegne ich: Was ich zu tun versuche, ist sicherzustellen, dass die Spaltungen, die es gibt, uns nicht davon abhalten, eine bessere Welt zu erschaffen.“

Es gibt keinen Feminismus, der Rassismus ausklammert. Intersektionalität ist „a way of seeing“; „ein Depot voller ungehörter Geschichten“; eine Kraftquelle und ein Fundus der Gegenrede – backtalk.

„Die Widerrede hat mich zu einer politischen Person gemacht.“

Kimberlé Crenshaw

Kelly nannte Sojourner Truths Rede den „ersten Meilenstein“.

„Es gab von jeher einen Schwarzen feministischen Kanon.“

Die Phänomene der Mehrfachdiskriminierung verglich Kelly mit dem Verkehr auf einer Kreuzung. Die Verletzungen können aus allen Richtungen kommen. Kelly fand dafür folgende Formulierung:

Emotionale Stahlbolzen

Schwarze deutsche Frauen müssen „als Schlagbolzen für die Emotionen aller Menschen in ihrer Umgebung herhalten“. 

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