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14.09.2019, Jamal Tuschick

Erinnern – Identität – Erzählen - Wir sind hier, das heißt auf dem Textland Festival 2019, um das Verhältnis von Erinnerung, Identität und Narration im Plural der Möglichkeiten und Ansichten zu bestimmen. Nassima Sahraoui hat keine Probleme damit, Identität und Erinnerung als materielle Größen anzunehmen und von ihnen auszugehen.

Idiosynkratischer Marxismus

Grit Krüger, Yevgeniy Breyger, Robert Stripling

„Ich bin Marxistin“, erklärt Nassima Sahraoui. Und zwar so wie ihr Säulenheiliger Walter Benjamin Marxist war.

Sahraoui spricht von einem „idiosynkratischen Marxismus“.

Die Frankfurter Philosophin rühmt Marx als hervorragenden Schriftsteller, der oft genug die Literatur zum Zeugen seiner Überzeugungen gemacht habe.

Herkunftsfragen überhört sie förmlich. Ich nehme drei Anläufe Richtung biografischer Kosmos und laufe auf. Ich genieße die Eleganz der Abwehr.

Sahraoui verteidigt ihre Standpunkte mit Leichtigkeit.

Erinnern – Identität – Erzählen

Wir sind hier, das heißt auf dem Textland Festival 2019, um das Verhältnis von Erinnerung, Identität und Narration im Plural der Möglichkeiten und Ansichten zu bestimmen. Sahraoui hat keine Probleme damit, Identität und Erinnerung als materielle Größen anzunehmen und von ihnen auszugehen.

Im Gegensatz zu Sahraouis Übernahmebereitschaft formuliert Senthuran Varatharajah:

„Identität hat für mich keine Relevanz.“

In diesem Spektrum oszillierten Positionen, die auf den Bühnen und in den Nischen des Festivals zur Sprache kamen. So sagte Doron Rabinovici:

„Meine Herkunft ist die Erinnerung.“

Das diese Selbstverortung weit über - aus eigenen Erfahrungen gewonnenen - Erinnerungen hineinweist in die Schreckenskammern der Welt: versteht sich auch von selbst. Alle Autor*innen gaben der Erinnerung den Vorrang vor der Erfahrung. Manche hielten ihren ersten erzählerischen Einfall für eine intime Angelegenheit. Varatharajah erinnerte den Wunsch, sich umzubringen im Alter von vier als ersten lyrischen Gegenstand. Über achttausend Kilometer weit weg wähnte er sich von den Herkunftsgeschichten seiner Eltern. Die Frage nach der Bedeutung der Herkunftsgeschichten der Vorgänger*innengeneration spaltete die Gemeinde. Die Frage ergibt sich auf dem Hintergrund der postmigrantischen Koordination: Die dritte Einwanderergeneration hat zwar einen Migrationshintergrund, aber nicht unbedingt Migrationserfahrungen. Sie macht ihre eigenen Erfahrungen. Die ethnisch differente Dimension einer Existenz wird überlagert von einer Deutschländer- aka Almancılar-Identität. Für die Figur des Anderen (aus der mehrheitsgesellschaftlichen Perspektive) steht die Postmigrantin nicht mehr zur Verfügung. Sie ragt aus der Gegenwart in die Zukunft und verkörpert die Zukunft auch ohne soziologische Erklärungen.

„Fluidität von Herkunft und Kultur“ und eine „Diversität jenseits von Herkunft“ (Naika Foroutan) ergeben neue Koordinaten.

Bald mehr.

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