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15.09.2019, Jamal Tuschick

In „Rote Nächte“ plaudert Jasmina Amin aus dem Nähkästchen einer Bordellbarfrau

Herausfordernde Ansprache

Die Heldin heißt so wie die Autorin – Jasmina. Sie hat arabische Eltern und die Aussicht auf ein Leben als Juristin in Deutschland. Im Postmigrationszug ist sie auf dem Hauptbahnhof der Mehrheitsgesellschaft angekommen. Jetzt sieht sich Jasmina um und entdeckt Verlockendes auf Schauplätzen jenseits von Tanzfläche & Hörsaal.

Jasmina Amin, „Rote Nächte“, hanserblau, True Life 236 Seiten, 14,-

Das Verrufene erscheint mondän im Club Nuit. Jasmina fühlt sich von dem parfümierten Milieumuff angezogen. Die Studentin macht sich sogar Sorgen, ob sie dem Schummerlichtstandard als Barfrau genügt. Das ist ihr Platz in die Unterwelt: der Lauschposten am Tresen.

Eine Sondierungsposition, die Jasmina als Julia vortrefflich ausfüllt. Der billigste Champagner ist ein Schnäppchen für zweihundertzwanzig Euro pro Flasche. Der teuerste kostet soviel wie Jasmina Miete zahlt. Genügend Gäste zeigen sich den Preisen gewachsen. Einzelgänger ordern zwei Frauen, ein Zimmer (mit Pool) und eine Flasche Dom Pérignon, um der Gemütlichkeit unter Fremden Vorschub zu leisten. Brasilianische Messegäste ziehen im Rudel mit einem Dutzend Frauen ins teuerste Hotel der Stadt, wo sie für eine Nacht drei Suiten und eine DJ gebucht haben. Ein Russe erscheint mit einer Uhr im Wert von dreihunderttausend Euro. Die Kostbarkeit des Stücks hängt auch davon ab, dass Geld allein nicht ausreicht, um sich in den Besitz der Sache zu bringen. Es bedarf einer Empfehlung der Geschäftsführung des Luxusartikelproduzenten.  

Die Autorin erzählt das mit der erstaunten Genauigkeit einer Novizin. Das Leben an einer Abbruchkante mit studiobraunen Rolex-Fittis und muskulösen „Frischfleisch“-Lieferanten ist zwar nur kurz neu; in Rekordzeit begreift Jasmina die Feinheiten des Metiers. Trotzdem bleibt sie außenvor, als würde sie in einer Blase mitschwimmen. Zugleich übernimmt sie bei vielen Gelegenheiten das Kommando und besticht die Sexarbeiterinnen mit originellen Einfällen, die den Kundenverkehr erleichtern und das Betriebsklima verbessern.  

Hinter den Kulissen geht es zu wie in einer Fabrikumkleide wahlweise -kantine. Es gibt Spinde und Warnungen vor Diebinnen sowie gemeinsam Mahlzeiten auf der Avocadocreme- und Sushi-Schiene. Der Wirtschafter spielt sich vor den „bescheuerten Weibern“ auf, die alle Machotiraden an sich abperlen lassen. Andi verhängt und vollstreckt Strafen für Nachlässigkeiten mit softem Degradierungscharakter. Amin beschreibt die Nonchalance der Nachtaktiven, die knietief durch den Quatsch der Männer waten, um sich mit Markenequipment für zweitausend Euro pro Dings erfrischen zu können. Produktnamen ploppen auf, als erlaubten sie eine reelle Gegenrechnung.

Wenn ich mir zwei Schichten lang von Waldemar, genannt Fettkinn, das Ohr abkauen lasse, kann ich mir für das Schmerzensgeld eine Louis-Vuitton-Tasche leisten.   

Jasmina hat in London Abitur gemacht, in Lissabon studiert; das nur am Rand. Sie lernt zu kobern. Falsche Freundlichkeit. Geheucheltes Interesse. Im Club Nuit firmiert der Freier als „Gast“. Aber auch als Gast bedarf er der Führung. Er muss mit herausfordernder Ansprache und körperlichem Zuspruch angeleint werden. Die Leine darf nicht durchhängen, solange sich der Freier noch etwas Außerordentliches verspricht. Den begabtesten Sexarbeiterinnen gelingt es, so schildert es die Autorin, den Freier stundenlang hängenzulassen, ohne dass er sich abseilt. Sie lassen ihn am langen Arm und vor vollen Schüsseln verhungern.   

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