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16.09.2019, Jamal Tuschick

In ihrem Roman „Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder Die Erfindung der Erinnerung“ erzählt Tanja Langer von einem langen Einfühlungsvorgang. Die Heldin denkt sich das Leben ihrer Vorfahren aus und investiert dabei besonders in ihre Großmutter Ida Sklorz, die Langer als personifizierte Lebenstüchtigkeit schildert.

Zuckernudeln

Eingebetteter Medieninhalt

Gott hat einen schweren Stand bei der nationalsozialistischen Zensur. Er konkurriert mit Hitler um die Macht im Reich. Das Reich ist im Eimer. Doch das Lied vom Durchhalten ist noch nicht zu Ende gesungen. Es geht noch was in der Lüneburger Heide - sowie in Kiel, wo ein philosophisch dilettierender, in der inneren Emigration vor sich hin brummender Familienvater in größter Sorge um Frau und Kinder zu Herzen gehende Briefe schreibt.

Tanja Langer, „Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder Die Erfindung der Erinnerung“, Roman, Mitteldeutscher Verlag, 415 Seiten, 18,-

Der Mann heißt Kurt Sklorz und ist so zivil wie man nur sein kann in einer militarisierten Gesellschaft. Seine Schwester und sein Vater wirtschaften als schaurige Gastgeber seiner Frau und seiner Kinder in seinem Lüneburger Elternhaus.

Die Eingesessenen haben ein Schreckensregime errichtet. In den Rollen der drangsalierten Bagage reüssieren Ida Sklorz und ihre Plagen Hannes, Nanne, Kaspar und Karl.

Plötzlich stehen sie da, „mit nichts weiter als der Angst im Gesicht.“ Die Traumatisierten sind bloß aus Hamburg geflohen, während Ida Sklorz sich und ihre Kinder auf einem Treck von Oberschlesien nach Niedersachsen bei Minusgraden vor dem Tod bewahren musste. Kurz vor der Abfahrt war das Familienpferdefuhrwerk requiriert, der Bahnhof beschossen und der Aufbruch abgebrochen worden. Weniger Entschlossene als Ida hatten die Kalamitäten von der Flucht abgehalten. Sie waren den trügerischen Verlockungen warmer Häuser erlegen.

Aus der Ankündigung

Linda, Übersetzerin aus dem Persischen, lässt sich gern von ihren Träumen lenken, und so findet sie sich eines Tages in Lüneburg wieder: Dort lebte ihre kaum gekannte Großmutter Ida Sklorz unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, geflohen aus Oberschlesien, verwitwet, mit fünf Kindern. Knapp eineinhalb Meter groß, arbeitete sie für den »Direktor des englischen Kinos«. Dieser Halbsatz entzündet Lindas Phantasie, und schon ist sie mitten in der Zeit der britischen Besatzung, von 1945 bis 1949: Ida verliert ihren Mann, Ida schrubbt Wäsche für die Tommys, und Ida begegnet Mr. Thursday. Sie fängt bei ihm im »Astra Cinema« an und merkt vor lauter Begeisterung für die Filme kaum, dass er sich in sie verliebt … Das Kino wird zum Gegenbild für die raue Wirklichkeit, durch die Ida und ihre kleine Rasselbande sich als »Flüchter« durchboxen, mit Einfallsreichtum, der Kraft der Träume und der Liebe, die sie verbindet. Indem Linda aus Sehnsucht nach der Großmutter, die sie nicht hatte, zu deren Erzählerin wird, verändert sie sich selbst – und erzählt noch dazu die Geschichte einer ganzen Epoche.

Zuckernudeln

Auf dem Meere heißt Idas neue Anschrift. Der Leser begegnet Ida zuerst als alte Frau und Großmutter des erzählenden Ichs.

Tanja Langer steigt mit einer paradoxen Bemerkung ein.

„Ich habe meine Großmutter gekannt, aber ich wusste nicht, dass sie es war.“

Als wollte sie Versäumtes nachholen, rückt Langer die Ahne ins Forschungszentrum des Geschehens. Das konstatierende Ich heißt Linda und fungiert mitunter als erzählendes Ich. Es hat ein erotisches Verhältnis zu Buchstaben, einen Bauchladen für erlesene Schreibwaren, ein Dolmetscherdiplom und zwei Väter. Der eine erscheint als Perserteppichvater.

Ein Seitensprung von Lindas Mutter bringt ihn ins Spiel, lange nachdem Ida als unerwünschte Schwiegertochter in Lüneburg angekommen ist. Ihr invalider Schwiegervater verdient schlecht als Schuhmacher. Die haushaltsführende Tochter wirbelt als ledig gebliebener Besen Staub auf. Die ihrer Vertreibung Zuvorgekommene stört ein heikles Arrangement. Da hatten sich zwei darauf eingestellt sang- und klanglos zu vergehen. Plötzlich fordern die Umstände eine Reaktivierung der sozialen Kompetenzen.

Es gibt ein Waschbecken für neun Verwandte.

Langer überliefert das Desaster der Familienzusammenführung mit viel Liebe zum psychologischen Detail. Die einem Klan entsprungene, super gemeinschaftsorientierte Ida geht der lebensgeizigen und isolationistischen Schwägerin gedanklich an die Gurgel. Der Krieg rückt auf und macht Ärger.

Im nächsten Durchgang dominiert Idas Tüchtigkeit. Sie sorgt für Haferschleim und Zuckernudeln; sie kriegt ihre Kinder halbwegs satt und kriegt auch noch ein Kind. Sie arrangiert sich mit dem britischen Besatzungsregime.

Idas erste Heimat liegt auf polnischem Staatsgebiet. Ida verliert ihren Mann. Den Titelhelden Mr. Thursday lernt sie als kinderreiche Witwe kennen …

Bald mehr.  

 

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