MenuMENU

zurück zu Main Labor

16.09.2019, Jamal Tuschick

Textland Festival 2019 - Die größte Unterströmung einer polyphon-diversen Übereinstimmung stiftete die Frage:

Stören Sie Herkunftsfragen?

Die größte Unterströmung einer polyphon-diversen Übereinstimmung stiftete die Frage: Stören Sie Herkunftsfragen?

Alle befragten Podiumsgäste fühlten sich an dieser Stelle falsch angesprochen. Die Frage nach der Herkunft sei ein Synonym für Ressentiments, erklärte Senthuran Varatharajah auf dem Textland Festival 2019. Es ging um Erinnern – Identität – Erzählen.

Diskriminierungsfolklore

„Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!“ - „Ich bin in Deutschland geboren. Mir reicht das, um von hier zu sein“, erklärt Ferda Ataman in ihrem Aufruf zur Abkehr von jedwedem völkischen Unfug.

Anderen reicht das nicht. Manche hätten am liebsten das Segregationsinstrument eines zeitgenössischen arischen Ahnennachweises, um die Unterscheidung zwischen „echten“ Deutschen und „Passdeutschen“ amtlich erscheinen zu lassen.   

Festgestellt wurde: „Wir waren schon mal weiter.“

Die Migrationsdebatte im Geist der Seehofer-Restauration zeigt: „Wir haben ein Wahrnehmungsproblem“. Die Mehrheitsgesellschaft wähnt sich in der Kommandozentrale des Tankers Deutschland und glaubt entscheiden zu können, wer an Bord kommt und was weiter geschieht.

Dabei sind Migranten längst Teil des deutschen Plural. Die Vorstellung von einer weißen Aufnahmegesellschaft mit effektiven Zugangsregelungen, „ist eine deutsche Lebenslüge“. Wie viele Deutsche, die ausländisch gelesen werden, wollen etwa Karosh Taha und Zoe Hagen zurückgebliebene Autochthone nicht ständig aufklären müssen. Merkmale ethnischer Differenz provozieren viel zu oft noch eine Überlegenheitsgewissheit. Viele meinen, religiöse und politische Glaubenssätze abfragen zu dürfen.

„Wie halten Sie es mit Erdoğan?“

„Verachten Sie unsere Schweine?“

„Wie stehen sie zur Kurdenfrage?“

Die irakische Kurdin Karosh Taha will sich so wenig wie die Deutschnigerianerin Zoe Hagen von Diskriminierungsfolklore objektivieren lassen. Die Ursachen für die dramatische Ungleichzeitigkeit zwischen den Tatsachen der Einwanderung und ihrer Rezeption vermuten beide Autorinnen im Basislager unserer Gesellschaft. Wir haben ein Demokratie-, kein Migrationsproblem.

„Migration hat sich zur dominanten Chiffre für die Frage Europas nach seiner demokratischen Verfasstheit entwickelt. Die Migrationsfrage ist … zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden.“ 

In der postmigrantischen Gesellschaft lässt sich „die alte Trennschärfe“ zwischen Eigen und Fremd (zwischen „Etablierten und Außenseitern“ Norbert Elias) nicht mehr herstellen. Das führt einerseits zu einer neuen Normalität im Zuge der Erweiterung hybrid-diverser Konstellationen und andererseits zu einem „Anstieg rassifizierender Denkmuster“. (Naika Foroutan)

Bald mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen