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17.09.2019, Jamal Tuschick

Die Journalistin Patrizia Schlosser erzählt in ihrem autobiografisch angereicherten und mit Spannungselementen aufgeladenen Recherchebericht „Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“ von gemeinsam mit ihrem Vater, einem ehemaligen Polizisten, durchgeführten Privatermittlungen im Zusammenhang mit den letzten Flüchtigen der Roten Armee Fraktion. Ich setze meine Besprechung vom 14.09. fort.

Republikanisches Urvertrauen

Eingebetteter Medieninhalt

Patrizia Schlosser erzählt in einem Buch drei Geschichten. Die erste Geschichte handelt von einer verhalten bestrickenden Tochter, die ihren übermächtigen Vater beeindrucken möchte. Die zweite erfasst den Moment eines seelischen Totalschadens.

Patrizia Schlosser, „Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“, Hoffmann und Campe, 255 Seiten, 18,-

Schlosser Senior verliert sein republikanisches Urvertrauen am 5. September 1972 in der zweitletzten vormitternächtlichen Stunde. Eine überforderte, wenn nicht von widersprüchlichen ministeriellen Direktiven zugrunde gerichtete Polizeiführung platziert mit Wehrmachtrückständen wie in einem Nazi-B-Film bewaffnete Streifenbeamte in einem Flugzeug, das in Fürstenfeldbruck zur Endstation einer Geiselnahme werden soll. Im Vergleich zu den mit Maschinenkarabinern und Granaten antanzenden Terroristen des Schwarzen Septembers haben die Schutzmänner nichts in der Hand.

Anfang der 1970er Jahre pflanzten Palästinenser, die in Jordanien nicht mehr willkommen waren, im Libanon einen PLO-Ableger und benannten ihn nach einer Niederlage. Der historische „Schwarze September“ (1970–1971) stellte sich in ihrer Sicht als verlorene Auseinandersetzung zwischen der jordanischen Armee und palästinensischer Guerilla dar. Mit dem Terrorlabel „Schwarzer September“ verbindet man zuerst das Münchner Olympia-Attentat vom 5. September 1972. Palästinensische Terroristen brachten die israelische Mannschaft in ihre Gewalt. Sie begannen als Geiselnehmer und endeten als Mörder.   

Der alte Schlosser unterrichtet seine Tochter, wie es sich angefühlt hat, als junger Polizist in der Verfassung eines Debütanten auf dem ersten Ball seiner persönlichen Schusswechselpremiere entgegen zu sehen, wohl wissend, dass die Vorgesetzten sich in ihrer Ahnungslosigkeit überbieten.

Man blamiert sich gerade vor der Welt.

Es ist ein Glücksfall, dass Patrizia Schlosser, die bis nach Amman fliegt, um da auch nichts zu erreichen, einen Vater aufbieten kann, der sich im Schlamassel eines historischen Ereignisses als pointierter Beobachter erwies. Ein von Selbstermächtigung geblähter Franz-Josef Strauß strebt die Befehlsgewalt ohne Mandat an. Er ist gerade nur „CSU-Vorsitzender und einfacher Bundestagsabgeordneter“, spielt sich aber als Ministerpräsident auf.

„Ist mir egal, wer unter mir Bundeskanzler wird.“ FJS

Er rempelt den Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher an, kujoniert den bayerischen Innenminister Bruno Merk und fällt dem Münchner Polizeipräsidenten ins Wort. Endlich ergeht der Feuerbefehl, die Terroristen schießen zurück. Sie überziehen den Tower, wo sich die Großköpfe eingerichtet haben, mit einem ballistischen Hagel. Strauß sucht Deckung. Schlosser auf Hochdeutsch: Ich habe bloß einen riesigen Arsch gesehen, und das war dem Strauß sein Arsch.

Die dritte Geschichte handelt von RAF-Gespenstern. Erinnern wir uns:

Juni 2016. Schlosser bekommt Wind von drei Greisen im Untergrund - Geiseln ihrer eigenen Geschichte. Es geht um (das ist die erste Einschätzung) versprengte Protagonist*innen blutiger Ereignisse, die in der alten Bundesrepublik einen gesellschaftlichen Mehrwert generierten, der enorme Deutungsspielräume eröffnet. Das Kontextvolumen entscheidet über die Relevanz. Wie gravierend war die Radikalisierung der Gruppe um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin für Deutschland?

Sie nannten sich Rote Armee Fraktion (RAF) und betrachteten sich als Verbündete weltweiter antikolonialer Befreiungskampfallianzen. Ihre Dekade waren die Siebziger. Schon vor Anbruch des neuen Jahrzehnts erlahmte das revolutionäre Stehvermögen. Die legalen Filialen schlossen. Die „repressive Toleranz“ des Staates zeigte Wirkung. Motivations- und Legitimationsfragen lösten Krisen aus. Es begann die Ära der Ausstiege und neuer Identitäten in der Deutschen Demokratischen Republik. An die Stelle bekennender Militanz trat der Feierabendterrorismus der Revolutionären Zellen. Man hatte dazugelernt und blieb formal legal. 1998 erklärte der RAF-Rest das Ende seines bewaffneten Kampfes. Die im Untergrund Verbliebenen fröstelten einem prekären Lebensabend entgegen; bedroht von uralten Haftbefehlen.

Von Hollywood in den Untergrund

Nun spüren die Schlossers, zusammengeschweißt von einem uneingestandenen Einverständnis, den Versprengten nach. Patrizia Schlosser trifft ausgestiegene RAF-Kombattanten, wie Karl-Heinz Dellwo - und Christof Wackernagel, der seine RAF-Rekrutierung 1977 in einem Wuppertaler „Wienerwald“ wie eine Räuberpistole zum Besten gibt. Wackernagel ist uneitlel genug, seine Entwicklung vom Filmstar zum Terroristen als Egotrip zu schildern.

Schlosser berichtet von Bestrebungen linksradikaler Grenzgänger*innen, sie zu sperren und als Verfassungsschutz-IM zu denunzieren. Man verpasst ihr den Gütesiegel der linksradikalen Ächtung. Interessant erscheint, dass die anonymen Lordsiegelbewahrer der richtigen Gesinnung aus der trostlosen, gänzlich unheroischen Beschaffungskriminalität der in ihrem Polit-Hades labyrinthisch gefangenen Illegalitätsirrlichter Kapital schlagen wollen.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, was mir besonders gut gefallen hat. Patrizia Schlosser gelingt es, ein psychologisch ansprechendes Gegensatzpaar zu schmieden. Sie setzt eine verschwiegene Toleranz des Vaters und sogar eine heimliche Faszination für die Aufstandsbereitschaft der Gegenseite zusammen mit etwas auf ihrer Seite lange nicht Eingestandenem. Gebremst von Vorbehalten, erkennt Schlosser, dass ihr linkes Selbstverständnis von Zweifeln schleichend unterwandert wurde.

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