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17.09.2019, Jamal Tuschick

Andreas Maier in der Welt: Vor ein paar Tagen hat Jamal Tuschick einen klugen Text über Peter Kurzeck im Blog der Zeitung „Freitag“ veröffentlicht. Dass der Text klug war, spielt hier keine Rolle. Jamal Tuschick ist Schriftsteller, und das spielt für mich eine Rolle. Plötzlich merkte ich nämlich, wie allein man eigentlich auf weiter Flur ist, wenn man als Schriftsteller (oder Schriftstellerin) über Peter Kurzeck spricht. Ich kenne jetzt neben mir nur einen zweiten, eben Jamal Tuschick.

Das Untergangsversprechen

Peter Kurzeck verlangte von seinen Erfindungen, dass sie Wirklichkeit wurden. Als der 1943 in Böhmen geborene und in Staufenberg bei Gießen aufgewachsene Schriftsteller 2013 starb, lagen von dem auf zwölf Bände angelegten Romanzyklus „Das alte Jahrhundert“ fünf vor. 2015 erfolgte die erste postume Zyklus-Erweiterung noch in Karl Dietrich Wolffs Stroemfeld/Roter Stern Verlag. Nun erscheint bei Schöffling & Co der siebte Band als Werk aus dem Nachlass. „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ …

Eingebetteter Medieninhalt

Ein früher Morgen in Saintes-Maries-de-la-Mer. Peter Kurzeck findet da im Sommer 1984 einiges noch so vor, wie er es zwanzig Jahre zuvor in sich aufgenommen hat. Er macht Urlaub mit Freundin Sibylle und Tochter Carina. Morgens holen Vater und Tochter Baguette bei einem sagenhaften Bäcker und kehren im Café du Commerce ein, wo dieser in romanischen Ländern alltägliche Frühstücksstehbetrieb an der Bar besonders einladend zelebriert wird. Es gibt viel zu sehen und zu empfinden. Wieder tritt Kurzeck in eine stille Zwiesprache mit seiner trockenen Sucht. Er memoriert die Schnapsmarken und -sorten. Nebenbei unterscheidet er ziemlich fachmännisch das Echte und Massive von bronziertem Kram und verblendeten Hohlräumen. Ganz selten taucht aus den zwanghaft wohlwollenden Weltbetrachtungen eine handwerksmeisterliche Wahrnehmungsschärfe auf wie ein weißer Hai und schnappt zu. Anders gesagt. Kurzeck hält eine kenntnisreiche Genauigkeit in profanen Dingen zurück, um den poetischen Kosmos nicht zu kontaminieren. Er will sein Leben als Wunder der Selbstneuschöpfung von keinem Ätz angegriffen wissen. Zum Wunder gehört vorrangig Carina. Ihre Existenz beweist die Erfüllung einer Prophezeiung. 

Die Frau in der Haremshose

Der Erzähler erkennt sich im Spiegel hinter dem Aufmarsch der Spirituosen. In seiner weitergeleiteten Aufmerksamkeit spiegelt sich eine schöne, leicht derangierte Frau. Sie bewegt sich theatralisch unter frühen Gästen. Nichts Außergewöhnliches findet statt. Und doch hängt der Augenblick wie ein Mobile an so vielen Fäden, dass Kurzeck durcheinanderkommt und immer wieder von vorn anfangen muss, die Fäden zu zählen.

Peter Kurzeck, „Der vorige Sommer und der Sommer davor“, Roman, Schöffling & Co, 651 Seiten, 32,-

Die Frau erscheint in ihrer „Haremshose“ und dem romanesken Aufputz (Hippie-Gipsy Look) als Objekt der Begierde. Kurzeck verbirgt den Nexus vor seiner Tochter Carina. Er malt das Bild weiter mit Kinderfarben aus. Es geht um die Haare der Frau. „Ja, sagte ich, Henna.“

Die Szene konserviert Stimmungen der Siebzigerjahre, die bereits als Abklatsch des 69-Sommers der Liebe ein Untergangsversprechen eingehalten hatten. Interessant ist die ungeheure und unangenehm hartnäckige Verspätung, mit der in Europa die Schwingenden Sechziger nachgefeiert wurden. Mich lässt das wieder einmal an eine Bemerkung von Ralf-Rainer Rygulla denken: Als man in Deutschland anfing, die „neuen anglo-amerikanischen Reizwörter“ wie Sensibilität, Untergrund, Pop, Gegenkultur in den Feuilletonbrei zu matschen, habe es in Amerika schon nichts dazu Passendes mehr gegeben. Das war gewiss eine verschärfte Formulierung. Rygulla bezog seine Informationen aus der zweiten Hand englischer Little Mags und gewann allein mit diesem Manöver des Primären (im Vergleich zu den sich lediglich auf Transformatoren berufene, in den trüben Tümpeln des Sekundären fischende Kritiker) einen Vorsprung, der ihn als Scout für Verlage attraktiv machte.

Ich glaube, dass die Verspätung der fortgeschrittenen deutschen Nachkriegsliteratur den Rahmen lieferte, der ihr zu einem Schicksal verhalf. Der Michel saß wieder hinterm Ofen in seinem Winkelglück und winkte ab, sobald die Welt aufkreuzte. Wir hatten das hinter uns und wir hatten dazugelernt.

Als Kriegsverlierer*innen im Wirtschaftswunderdeutschland geht es uns besser denn je. Honi soit qui mal y pense - Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Kurzeck verkörpert den wehrlosen Mann; die weise Einfalt; die erlaubte Egozentrik; den väterlichen Gefährten der Tochter, die sich gewiss oft wundert über diesen bedürftigen Vater.

Die frühen Achtzigerjahre stellen Kurzeck vor ein neues Problem. Das Easypeasy-Repertoire der Siebziger funktioniert nicht mehr richtig. Das manisch pulsende, traumatisierte Flüchtlingskind-Ich braucht eine andere Verpackung. Ihm ist es nicht möglich, mit der Zeit zu gehen; ein in zahlreichen Zusammenhängen strapazierter, verräterischer Slogan. Die mit der Zeit gegangenen Nazis machten in der CDU mit. Die anderen scheiterten in der NPD und dann auch in den Republikanern. Freud beobachtet in seiner „Massenpsychologie“ reaktive Veränderungen des Einzelnen sobald ihn eine Masse ansaugt. Es kommt zu Vereinheitlichungen und Vereinfachungen im Zuge eines Abtrags des „psychischen Oberbaus“. Dieser homogenisierende Abtrag findet bei Kurzeck nicht statt. Für ihn bleibt es kompliziert, um eine gängige Beziehungsstatusmeldung ins Spiel zu bringen.

Wir sind immer noch im Café du Commerce. „Abends ist das Café eine Musikkneipe.“ Die Sinti- und Roma-Musiker kommen zum Frühstück. Sie stehen und sitzen da wie zum Abmalen bestellt. Der Ort ist für sie eine Börse und ein Depot für Botschaften. Da treffen sie sich immer wieder, dahin geht ihre Post. Da sind sie niemals fremd. Stattdessen wirkt sich das hochverzweigt Familiäre aus. Alle sind verwandt und zerstreut.

Die fluide Struktur fasziniert Kurzeck. Er lässt sich innerlich zwischen den „Musikzigeunern“ nieder. Ach, wäre er nur einer von ihnen.

Wie sie Kaffee trinken. Nämlich wie die Araber. Und dann auch wie in Ungarn, „fiel mir ein … mit Arrac aus kleinen Gläsern. Halstuch, Goldzähne, Hut. Eine schwarze Samtweste, ein schönes ungebügeltes Hemd“.

Carina sitzt daneben, sitzt neben dem schwelgenden Vater. Kurzeck geht die Länder des Balkans durch und bespricht mit sich den Geschmack der Wörter. Gestern entdeckte ich in Dana von Suffrins erstem Roman einen fraternisierenden Zusatz . Ein während des II. Weltkriegs bei einer jüdischen Familie in Transsilvanien einquartierter Rotarmist sucht Anschluss mit einem verbindenden Wort. Er bezeichnet sich als zeyger-makher. Er wählt das jiddische Wort für Uhrmacher, um sich im Wohlwollen seiner Gastgeber*innen zu etablieren. Kurzeck vergisst die Zeit in der Gesellschaft besser als er versorgter Außenseiter. Es sind nur männliche Sinti und Roma im Lokal. Die Frauen wahrsagen vor der Kirche.

Sibylle kriegt ihre Croissants erst um halbzehn. Das ist typisch Kurzeck, einschließlich des arrondierenden Nachtrags:

„Den hellen Morgen bringen wir mit.“

Bald mehr.

V.

Lächelnde Baguettes

 

„Jeder Pfahl wird zum Denkmal.“  

Das ist Peter Kurzecks Werk in der Nussschale. Kurzeck kommt an den Dingen nicht vorbei. Sie verstellen seine Wege wie Wegelagerer. Der Schriftsteller muss die Aufmerksamkeitsgebühr entrichten.

An einem Salzkristallmorgen in Saintes-Maries-de-la-Mer geht er mit Carina (Tochter) zum Bäcker. Die Strecke zieht sich hin an einem Saum des verröchelnden Gestrüpps sowie ausgelaugten Mauerwerks. Die Möwen „lachen“ im „singenden“ Wind, während die Zeit „knarrt“. Kurzeck bringt assoziativ eine Ankerkette und ein Tau ins Spiel. Das passt in den südfranzösischen Rahmen.

Saintes-Maries-de-la-Mer ist ein Schauplatz von Prozessionen und Wallfahrten. Doch morgens, wenn man durch den hellblauen Lavendelwind zum Bäcker geht, passiert man donquichotteske Gestalten – Gardians, die Cowboys der Camargue. Figuren wie von Giacometti.

Vater und Tochter verlangen das schönste Baguette der Welt. Sie genießen die Qual der Wahl.

„Lächeln soll es.“

Der Animist Kurzeck reicht sein Weltbild weiter, er küsst das Kind mit seinem Märchenmund. Wer kennt nicht die Geschichte von den zwei Holzpferden, die jeden Abend in Kurzecks Kinderzimmer auf das Fensterbrett gestellt werden wollten, um nach Westen schauen zu können, so sie denn den Kopf zu drehen geneigt waren.

Herzzerreißend erzählt Kurzeck die Geschichte von den Spielsachen aus Holz. Holz, weil Holz in der oberhessischen Nachkriegsöde seiner Kindheit ausreichend vorhanden. Der kleine Flüchtling verdankt die Holzpferde der D-Mark-Einführung, die das alte Geld schlagartig wertlos macht. Die Familie hätte liebend-gern eine Anschaffung von größerer Bedeutung von den letzten Reichstalern sich geleistet, allein: es gab nichts zu kaufen. Die Händler hielten ihre Vorräte zurück, um am Stichtag mit dem neuen Geld Kasse zu machen. 

Kurzeck braucht drei Sätze (ohne eine Großartigkeit) für einen Roman der Armut, der Schinderei und des Beschisses im Sinne des Beschissenwerdens. Die Holzpferde nur wegen des Händlergeizes. Aber, wo sie schon mal da sind, können sie auch richtig aufleben im Galopp der Phantasie.

Wer Kurzeck liest, begreift die Kraft der Phantasie. Da sehen Plastiksalzstreuer aus wie „Kirchenfenster“.

Kurzeck registriert „immer noch die gleichen drei Lebensmittelläden wie vor zwanzig Jahren“, in einem Tumult des Dazugekommenen. Die einst weiße Stadt ist bunt geworden und stellt sich dem Betrachter als Gehege für touristische Absonderlichkeiten dar. Der Preis für den Wohlstand ist Entfremdung. Kurzeck stellt das fest im Ausschluss aller soziologischen Kategorien. Die Zivilisationskritik geht von hinten durch die Faust ins Auge. An Stelle ihres Vaters wünscht sich Carina Himbeersträucher, wo Touristen blühen. Kurzeck verweist auf Männer in Holzschuhen.

„Kennen sich mit sich selbst und kennen sich mit dem Meer aus und lassen sich Zeit. Tabakbeutel. Kapitänsmützen. Nach ihnen wird es solche alten Männer wie sie nicht mehr geben.“

Die Sucht bleibt Souverän auch im Nachgang, dessen Gegenwärtigkeit eine Gravitation anzeigt. Die Vergangenheit ist nicht vergangen (ungefähr William Faulkner). „Einundzwanzig Jahre Suff … Unmengen Kaffee“, eine Zigarette nach der anderen. Der Körper ackert wie ein Knecht. Die Lunge pfeift, das Herz schmerzt, die Leber duckt sich im Gewitter der Zumutungen.

In der Frankfurter Jordanstraße der Zwischenzeit „ruhen sich die Möbel“ aus, solange Kurzeck und Carina im Café du Commerce „poliertes Wurzelholz“ bewundern.        

Auf Sinti-Spuren entdeckt Kurzeck eine phonetische Fährte, die vom Rumänischen zum Katalanischen führt. Den Schriftsteller fasziniert der Sinti- und Roma-Betrieb in Saintes-Maries-de-la-Mer. Sich europaweit von Kneipenengagement zu Kneipenengagement hangelnde Musikreisende besetzen vor Ort die Flamencobühnen. Kurzeck geht ihnen mit einem sentimentalen Auge nach. Da ist Wahlverwandtschaft und Seelenbrüderschaft. In Anspielungen äußert sich Kurzecks Unbändigkeit, dem Robusten fern.  

IV.

Strapaziöser Müßiggang

 

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In der Mühle eines strapaziösen Müßiggangs werden die Tage gemahlen, nachdem sie kopfüber durch den Trichter gepurzelt sind. Gerade war noch gestern, zumindest heller Nachmittag … und jetzt ist gleich wieder morgen. Obwohl es fraglich sein kann, ob morgen auch noch ein Tag ist.

 

Peter Kurzeck spielt mit Binsen, Stimmungen, Lichteinfällen, Taubenkot und den Verwehungssensationen über den Campus segelnder Zeitungsblätter.

Alles wird von der Wahrnehmung aufgelesen und in der Registratur abgeliefert. Noch gibt der Schriftsteller seinem Affen Zucker. Noch folgt er einer Topografie der Einkehrgelegenheiten. Zu einer bestimmten Stunde wäre die triste Fassung des Augenblicks im Bockenheimer Wienerwald eine totsichere Sache wegen der verlässlichen Öffnungszeiten. Aber schöner ist ein Aufenthalt im Gasthausgarten der „freundlichen Griechen“, die überhaupt nur aus Freundlichkeit geöffnet haben, das heißt, in der Zeit zwischen Mittagstisch und Abendgeschäft nicht zu machen; obwohl sich drei, vier Biernasen auf den Campingstühlen nicht rentieren.

Kurzeck schildert gefährliche Routen zu Inseln, auf denen sich alles in Wohlgefallen auflöst.

„Ein Bier, ein Korn, ein Mosel.“

Und wegen der Freundlichkeit noch „dringend einen Ouzo und einen Retsina und einen Metaxa und einen Samos und einen Domestica und sehen, was es noch gibt“.  

Bis dahin fordert allerdings jede Menge Widriges die Kraft zur Überwindung heraus. Kurzeck erwähnt „eine reißende Schloßstraße, zwei rechthaberische Straßenbahnlinien, sowie ein paar geduckt lauernde Nebenstraßen“.

Als armer Spesenritter leistet man sich Zechen wie kein Bessergestellter. Die Deckelbeträge haben etwas Einschleichendes. Auch unbeachtete Verluste, wie sie sich durch ein Loch in der Hosentasche ergeben können, kommen als Miesemacher in Frage. Kurzeck zeigt sich machtlos gegenüber dem Verzehr, der stets auch einen künstlerischen Wert hat und zur Produktion gehört wie der Anblick eines Kinderdrachen vor einem große Herbsthimmel über Berkersheim, Harheim und Bonames.

Dem Himmel über Berkersheim folgen die Sterne der Provence

Das beschreibt eine nördliche Linie, der Nidda folgend. Kurzeck dreht die Landschaftsszene mit Pferden, Äpfeln, Pflaumen, Krähen und Halbsätzen in die sommerliche Bockenheimer Situation hinein. Es entsteht ein Querschnitt. Ein Dreieck zeigt den ruhenden Betrieb der lässigen Griechen, das stille Gespräch der abgesoffenen, ein bisschen weggetretenen, unaufwändig ihre Eigenarten synchronisierenden Freund*innen. Das andere Dreieck zeigt das Trio Kurzeck, Sibylle (Freundin) und Carina (Tochter) auf dem Weg zurück nach Eschersheim in einem anderen Licht, angehoben von der  größtmöglichen Verbindlichkeit.

Für Kurzeck bedeutet Freundschaft, dass er sich einen Menschen so gefallen lässt, wie er ist. Er versteht sich nicht als Kritiker seiner Freunde. Er ist darauf angewiesen, genauso vorbehaltslos angenommen zu werden. Seine freundliche Freundschaftsauffassung ist eine Landebahn, die er immer wieder selbst ansteuert. Sie dient ihm als Piste für Notlandungen.

Im Juni Dreiundachtzig trampt die kleine Familie nach Barjac zu Freunden, die da ein Lokal eröffnet haben. Der vierzigjährige Kurzeck verteidigt standhaft einen jugendlichen Lebenswandel. Welcher andere Vierzigjährige würde mit Freundin und Tochter trampen? Eine Unerreichbarkeit für die bundesrepublikanischen Maßstäbe im Spektrum der Normalverläufe äußert sich.    

Angekommen, drängt sich auch Jürgen am Tisch. Der Laden läuft nicht, obwohl er restaurantfeine Einladungen mit Marmortischen und farblicher Abstufungsoriginalität ausspricht, und die Wirtin Pascale wenigstens einen Stern verdient hat.

Die Reise geht weiter. Historisch wird Kurzeck in der Verschränkung von Lebensläufen zwischen Arles und Andalusien. Musikreisende Sinti und Roma kennen einander seit Jahrhunderten. Kurzeck erzählt von fahrenden Dynastien; einem soliden Verkehr; geordneten Abenteuern. Die Frauen sind im Prophezeiungsbusiness.

Den alten Fernfahrer zieht es in die Camargue. In der Obhut von „Strandhafer, Sand, Gras, Gestrüpp“ erinnert sich Kurzeck an frühere Abstecher nach Saintes-Maries-de-la-Mer. Eine Kombination von Büffelgras und Meer steigt ihm in die Nase und lässt ihn an den Wodka denken, „den ich früher morgens immer direkt aus der Flasche trank. Auf nüchternen Magen. Gleich nach dem Aufwachen. Noch im Bett und danach erst die Augen auf.“

Bald mehr.

III.

Traktoren fahren lautlos über die Horizontlinie

 

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Im Juni sind die Menschen am schönsten. Das ist jedes Jahr so. Also immer. Immer sind die Menschen im Juni am schönsten. Der Erzähler weiß das auf den Tag genau. Mit Menschen meint er vor allem die Studentinnen in Ffm-Bockenheim, wo er jetzt lebt, nach den Jahren in Staufenberg mit allen Touren nach Frankfurt auf einer sich durch die Wetterau schlängelnden Landstraße, deren gefällige Kurven von Zigarettenautomaten, Dorfgemeinschaftshäusern, Heuschobern, Telefonzellen und landwirtschaftlichen Nutzflächen gesäumt werden. Überall gehen Feldwege und Schotterpisten ab. Sie begrüßen ihre Befragung.

 

Saumpfade und Nebenstrecken sind Kurzecks Schicksal. Er ist kein Mann der Magistralen. Baudelaires Boulevards verwandeln sich in der Wahrnehmung des heimatlosen Hessen (von sonst woher hereingeschneit und immer noch auf der Flucht) in Fährten aus niedergedrücktem Gras, quer über eine vorstädtische Wiese verlaufend. Wo Kurzeck Staub aufwirbelt und das Laub leise singen lässt, verwöhnt die Stille den Debütanten. Traktoren fahren lautlos über die Horizontlinie. Kurzeck verschattet seine Augen. So steht er da, mit zig Sachen im Verzug. Eben war noch gestern, und jetzt kommst du. Die Studentinnen im Juni 1977 fördern die Wehmut im Straßenverkehr und erzwingen einen Abstecher ins Café Bauer. Nur schnell einen Schnaps zum Espresso. Noch trinkt der angehende Schriftsteller. In einer Überblendung kommt er von Gießen und fährt auf „den Verlag“ (Suhrkamp) zu. Die Straßendörfer schwimmen wie Seerosenkolonien in den Landschaftstümpeln.

Nichts vergessen zu dürfen, ist die größte Last/Lust. Kurzeck bietet sich eine Gelegenheit nach Okzitanien abzurauschen, als Copilot des famosen Jan, den die praktische Seite des Lebens „mit Tanken, Ölwechsel, Autobahngebühren, Wechselkur“ nicht überfordert. Vielmehr hält sie ihn in Form. Sie verlangt Jan die zur Streckung des Körpers und des Verstandes nötige Aufmerksamkeit ab.

Besser, man schlägt die Gelegenheit aus und fährt nicht neben Jan bis nach Barjac.

Kurzeck beschreibt den griechischen Gastrobetrieb in einem „alten deutschen Wirtsgarten“. Er guckt durch die Gegenwartsblende und sagt nicht viel. Vielleicht hat er Hunger. Plötzlich weiß er etwas über das Mittelalter und ein Rittergut in der Schloßstraße (Bockenheim). Auf die Römer in der Wetterau kommt er nie zu sprechen. Er sammelt Gerüche und Früchte eines Altweibersommers im Glück der Gemeinsamkeit mit Sybille. Carina ist gerade geboren und schon vier Jahre alt und das Glück mit Sybille ist vorbei.

Ich frage mich, wie jemand, der Kurzeck nicht erlebt hat, Kurzecks narrative Kompressionen verarbeitet. Wer nicht weiß, in welchem Jahr und wo genau Kurzeck gerade das Pflaumenblau mit einem Himmel untermalt, geht in den Labyrinthen der Zeit verloren.

Wie oft habe ich das gehört: Ich höre ihm so gern zu, aber lesen kann ich das nicht, so in aller Ruhe in einem Zimmer. Es riecht nach Räucherstäbchen und Patschuli, und, darauf hat mich eben Susanne Mayers „Die Dinge unseres Lebens“ gebracht, die jungen Frauen tragen Nachhemden ihrer Omas. So ist die Mode … bekifft auf einem Hollandfahrrad im Nachthemd.

Las Kurzeck, heftete der Vortrag Geländer an die Prosatreppen. Die Szenen liefen der Stimme hinterher: Oral History, ohne akademische Rückversicherungen und Bildungsnachweise. Auf hundert Seiten nicht ein Zitat aus dem Fundus.

Kurzeck produziert freihändig, scheinbar spielend. Er spiegelt sich in Bildern eines Säufers, der kaum einen Meter gehen kann, der ihm nicht eine Flasche in nächster Nähe garantiert. Das ist ein sesshafter Landstreicher, abgedeckt vom Laissez-faire der Bockenheimer Milieus – einer soften Melange, produziert von griechischen Wirten, türkischen Gemüsehändlern, Spontis, Student*innen und Rentner*innen. Langzeitstudent*innen („vom BaföG in die Rente“, Norbert Blüm) bilden einen eigenen Stamm zwischen „Distel“ (Naturkost), „Albatros“ (Café), „Tannenbaum“ (Kneipe) und ein paar „verträumten Fabrikhallen“, deren Star das Bockenheimer Depot ist. Kurzeck ist schon lange nicht mehr so jung wie die Bildbestimmer *innen seiner Umgebung. Er infiltriert die Metasubkultur, in der sich die Kreise schließen. Sehr genau registriert er, wer wo hingeht. Das campusnahe italienische Restaurant für den akademischen Mittelbau hat andere Farben als der abgabenpflichtige Fresspopulismus nebenan.

Kurzeck betrachtet das Fuselgespenst, das er bald nicht mehr sein wird, noch einmal und immer wieder von allen Seiten. Er bringt sich selbst gegenüber manchmal eine größere Distanz auf als den Freund*innen, die den Säufer, für den „jede Straße ein Abgrund“ ist, mitziehen. In einer Übergangszeit gehört er zu einer kleinen Gemeinschaft, deren Angehörige jeden Abend Schwierigkeiten haben, nach Hause zu kommen. Kurzeck legt sich vor ihnen trocken. Interessanterweise halten die Freundschaften. Zumal Jürgen versorgt Kurzeck, nachdem Sibylle sich von dem Vater ihrer Tochter gelöst hat.

In einem psychologischen Bermudadreieck zwischen den Nöten eines Flüchtlingskindes, den Leistungsgrenzen einer vom Wirtschaftswunder konsequent abgeschnittenen Flüchtlingsmutter sowie den Unzulänglichkeiten irgendwelcher halbwegs Hilfswilligen wiederholt Kurzeck das Drama der Entwurzelung in verschiedenen Lebensabschnitten. Die Trennung von Sibylle aktiviert die Kreisläufe der konstituierenden Krise. Der Degradierungsschmerz (des in befestigten Verhältnissen als Dahergelaufener (in den 1940er Jahren) einen Platz zum Bleiben Suchender) kehrt zurück. Das Kind weiß: Weihnachtslieder pfeift man nicht. Will man sie nicht singen, muss man sie summen. Die Mutter breitet vor dem kleinen Peter und seiner großen Schwester böhmische Schätze aus. Dass Zurückgebliebene nimmt Gestalt an in der mütterlichen Erzählung. Jetzt wissen Sie, woher Kurzecks Erzählen kommt: aus einer Gleichsetzung der Wörter mit den Dingen.     

II.

Notzucht der Sinne

 

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Es ist alles so mühsam und es ist alles zu viel. Peter Kurzecks Alltag fehlt der Schongang. In jeder Stunde packt sich die Welt aus, ob man sie so umfassend sehen will oder nicht. Ständig findet eine Notzucht der Sinne statt; in einer Diktatur des Erlebens.

Das Leben macht keine Pause. Das Laub raschelt immer weiter. „Der Wind kann nicht anders.“ Kurzeck steht auf der Bockenheimer Adalbertstraße und sieht die Taunuskämme am lichten Horizont. Er ist klamm, eingeklemmt von Verpflichtungen, denen er sich auf Spaziergängen entzieht.   

 

Da biegt kein Flaneur um die Ecken. Da überwintert einer im Sommer. Ausgetrocknet von der Abstinenz. Die Saufgelegenheiten der anderen zählend. Immer will der Jürgen noch einen Amaretto. Kurzeck nutzt eine zusätzliche Unterkunft des Freundes, um in Frankfurt seiner Familie nah zu campieren; der Obdachlosigkeit auf den Wegen freundschaftlicher Wohlfahrt soeben entgehend. Wieder mit knapper Not nur. Kurzeck schreibt sich aus einer Not in die nächste … ein Alleinstehender in seinen Vierzigern; ein von Freundin Sibylle und Tochter Carina Getrennter; ein Erfrierender.

Erschöpft von allem lernt der Erzähler sein auf Feldwegen und anderen Nebenstrecken absolviertes Leben auswendig. So ergeben sich dünne Linien zwischen Staufenberg in Oberhessen, wo die sudetendeutsche Familienflucht einst endete, als wäre kein Zug mehr weitergefahren, nach Griechenland sowie nach Ungarn, wo die tschechischen Bleistifte besonders billig sind.

Monotonie des Mangels

Wasserhähne tropfen, Türen schlagen und Glühbirnen zerbrechen in endlosen Aufzählungen. In der Monotonie steckt eine Psychologie des Mangels. Kurzeck beschreibt Formen der sozialen Auszehrung am Saum des studentisch-alternativen Betriebs mit seinen Campus-Pennern. Die meisten Leute im Dunstkreis des Autors leben unauffällig prekär. Das war im Frankfurt der Siebziger- und Achtzigerjahre schon nicht einfach. Die Stadt ist von jeher zu teuer für Experimente. Zumindest hätte man alles Mögliche unweit günstiger kriegen können, etwa in Offenbach oder in Hanau. Der Wille, in Ffm-Bockenheim (im Schatten der Frankfurter Schule) über die Runden zu kommen, brauchte eine ideologische Triebfeder, die Kurzeck gewiss fehlte. Ich glaube, er reagierte auf die zwei, drei Einnahmequellen im Umkreis von drei, vier Kilometern. Da war der Pflasterstrand, in dem Kurzeck veröffentlichte. Der hessische Rundfunk war nicht weit weg, wo es damals noch eine Kasse gab, an der Autor*innen ihre Honorare bar auf die Kralle kriegten.

Rosemarie Altenhofer von HR2 half Kurzeck beim Überleben.

Wie alle Bedrängten bemerkt Kurzeck die Pünktlichkeit der Mahnpost. Alles andere bleibt aus, aber die behördlichen Drohungen erreichen den Bedrohten in reibungslosen Zustellungsprozessen.

Der Bedrohte kennt seine postume Bedeutung. Er müsste nur schon tot sein und alles wäre, zum Guten gewendet, bereit für einen Neustart in gehobener Ausführung. Wie absurd, dafür erst sterben zu müssen, nach der ganzen, im Grunde unbezahlbaren Arbeit.

I.

Schreiben, um auf der Welt zu bleiben

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Der Titel führt leicht in die Irre. Die Handlung beginnt im März 1984, die ersten warmen Tage werden vom Erzähler persönlich begrüßt. Jahre zuvor hat er sein Leben als Trinker beendet, aber die schwarzen und die schillernden Erinnerungen an zwei mit Alkohol auf Abstand gehaltene Jahrzehnte wirken nach und liefern eine souveräne Textspur.  

 

Kurzeck war das Kind von Flüchtlingen. Er blieb Flüchtlingskind. Ein heimatloser Hesse.

Kurzeck ist Anfang der Achtziger kein junger Mann mehr. Die Lagerfeuer auf den ausgebrannten Bahnhöfen der Nachkriegsvertreibungsflucht aus einem verlorenen Osten sind in ihm nie erloschen. Er ist ein Flüchtling geblieben, einer, der sich durchschlägt; einer, der sich seine Gönner*innen mit Geschichten gewogen hält; einer, der Gönner*innen nötig hat in seiner Alltagsuntauglichkeit.   

Kurzecks Erzählgenauigkeit kommt aus einer Überforderung. Er leidet unter Reizüberflutung. Das Zuviel kanalisiert er mit sortierenden Schilderungen. Er verfährt so, wie Molly Bloom in dem Ulysses-Soliloquium. Er registriert, filtert, zerlegt, ornamentiert, frisiert und lotet aus. Er fängt immer wieder von Vorn an, auch in der Darlegung seines Unglücks.

Kurzeck lebte mit seiner Mutter zusammen im Behelf, bis an die Stelle der Mutter Sibylle trat. Mit ihr wagt er Ende der 1970er Jahre den Sprung aus der oberhessischen Prärie in das Babylon am Main. In Frankfurt kam Alexander Mitscherlich auf den Begriff von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“. Da ist die Erde kälter als der Mond. Frankfurt ist ein Haifischbecken, ein Spekulanten-Eldorado, die kapitalistischste Stadt Deutschlands. Ein sozialdemokratischer Bürgermeister, der als Dynamit-Rudi in die Geschichte eingehen wird, will ein Opernhaus und die westendlichen Gründerzeitvillen in die Luft sprengen lassen, um Raum zu schaffen für die hässlichste Architektur der Welt.

Kurzeck und Sibylle ziehen in ein nach studentischen Bedürfnissen tickendes Quartier. In Bockenheim herrscht alternatives Laissez-faire. Kurzeck lässt sich die Stimmungen gefallen; die milde Kiezbetriebstemperatur.   

„Noch zu früh für den Abend“ ist es im Elba, einer kalabrischen Honigfalle für den solventen Verbraucher; den Frankfurter Börsenbürger wie er im Buch steht.

Kurzeck zählt die Avernas seines Freundes Jürgen. Er leidet wie ein Hund unter der Trennung von Sibylle und der schleichenden Entfremdung von seiner Tochter Carina, die natürlich keine Entfremdung ist, da Kurzeck mit der Volllast seines Herzens dem Kinde sich nah hält. Auch Carina ist schon Nabelschnur und Strohhalm für den im Strom der Ereignisse ständig vom Ertrinken bedrohten Vater.

Obwohl sie ihn ausquartiert hat, lässt er sich von Sibylle noch immer die Tagestaten vorschreiben. Er notiert die gestickten Tiere auf dem Schlafanzug der Tochter, der er auf keinen Fall abhandenkommen darf.   

Der biografische Unfall macht Kurzeck produktiv. Man muss eine Verschwörermiene aufsetzen, um ihm mit dauernder Anteilnahme in alle Elendsecken folgen zu können. Im seinem Erzähluniversum wird der Armut ein Prachtkleid verpasst, mit Pailletten aus Skurrilität.

Trotzdem: Im Dreiundachtziger-Winter lag für den Schriftsteller das nächste Frühjahr ferner als der Tod

Kurzeck ließ gern den Eindruck entstehen, die Alltagskatastrophen führten ihre finsteren Schwänke allein zu seinem Erstaunen auf. Im Frühjahr Vierundachtzig hatte er einen schweren Winter hinter sich. Gegen Trennungsschmerz und Entsagung half nur: zu schreiben. „Ich schrieb jeden Tag … um auf der Welt zu bleiben.“

So entstand „Kein Frühling“. Der Roman gab dem nächsten Titel die Richtung an. Nach einer lange obsoleten Verlagsmitteilung eröffnete „Übers Eis“ einen auf vier Bände angelegten „autobiografischen Roman“, so als habe Kurzeck auch schon einmal etwas anderes erzählt als die eigene Geschichte.

Es gab eine Verbindung zwischen Kurzeck und mir, wir waren beide Schreiber der Frankfurter Romanfabrik. Der Preis ist, glaube ich, nur fünf Mal vergeben worden. Kurzeck hatte das mit Residenzpflichten verbundene Stipendium vor dem Verhungern bewahrt. Er war immer kurz davor, zu verhungern. Kurzeck war ein manischer Sprecher, im Vortrag fand er zu seinem Text. Er prüfte die Wirkung von Darstellungen. Wie etwas ankam. Ein Wort, eine Staufenberger Szene - Kurzeck verlangte von seinen Erfindungen, dass sie Wirklichkeit wurden. Insofern war er Gott nah. Die Leute glaubten ihm, sie nahmen an, was er sagte. Das war wie ein Patent.

Vielleicht lachte er sich manchmal in die Faust.

Ab und zu wanderten wir gemeinsam in der Wetterau. Zum Schluss landeten wir stets im Club Voltaire. Ich kam selten zu Wort. Mir fehlte nichts, mir reichten Bäume und Bier zum Glück. Das unterschied uns.

In „Übers Eis“ bedenkt Kurzeck die Ungewissheiten des Debütanten, der karge Wirklichkeit mit Tagträumen von einer besseren Zukunft als Schriftsteller polstert. Die Bedrückungen einer lebenslangen Kofferexistenz stecken darin.

Der von Einsamkeit und Zahnschmerzen geplagte Schriftsteller hilft sich, indem er zusammenzählt, was einst schön gewesen: die kleine Münze des Glücks, die immer schon alles war, was einer wie er unter die Leute bringen konnte.

„Immer wieder das Geld und die Sorgen zählen.“

Seine Trebegänger und Sperrmüllexperten im ewigen Mistwetter sind abgeschnitten von den Beschleunigungen einer prosperierenden Republik.

„Tisch und Bett bloß geliehen.“

„Sonntags ist immer alles am Schlimmsten.“

Aber jetzt ist Frühling, Kurzeck memoriert das zerbrochene Glück mit Familie. Er blendet zurück auf den letzten Sommer. Mit Carina schlenderte er über den Campus der Goethe Universität.

„Der Inder mit Turban … grüßt wie ein Maharadscha.“

Bald mehr.

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