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19.09.2019, Jamal Tuschick

Textland Festival 2019 - Der linke Antisemitismus sei älter als der Zionismus, erklärte Doron Rabinovici. In marxistischen Kategorien sind die Juden- und Frauenfragen revolutionshemmende Nebenwidersprüche. Darauf muss man erst einmal kommen.

Woher kommt der linke Antisemitismus?

Eingebetteter Medieninhalt

Ich hatte am Wochenende Gelegenheit, Autor*innen nach ihren ersten erzählerischen Einfällen zu fragen. Manche überraschten mich, indem sie die frühe Anweisung zur intimen Angelegenheit erklärten. Senthuran Varatharajah erinnerte den Wunsch, sich umzubringen im Alter von vier als ersten lyrischen Gegenstand.

Die Befragten:

#GritKrüger #YevgeniyBreyger #RobertStripling #KaroshTaha #SenthuranVaratharajah #DoronRabinovici #ZoeHagen #NassimaSahraoui #DoğanAkhanlı

Mit der grundfalschen Erwartung uneingeschränkter Zustimmung stellte ich die Frage in den Raum: Man sagt, Essen hält Leib und Seele zusammen. Gilt das auch für das Schreiben aka Erzählen?

Varatharajah fühlt sich vom/beim Schreiben „zerrissen“. Alle exponierten das Beschwerliche der Produktion. Niemand fand/findet, so wie ich, den Zeugungsakt am Schreibtisch gemütlich. 

Ich fragte: Wie nah sind Sie als Autor*in an den Herkunftsgeschichten ihrer Eltern?

Alle waren weit weg.

Ergibt sich aus Ihrer Differenz zur Mehrheitsgesellschaft noch irgendein Identitätsmerkmal?

Durch die Bank nein.

Stören Sie Herkunftsfragen?

Die größte Unterströmung einer polyphon-diversen Übereinstimmung stiftete die Frage: Stören Sie Herkunftsfragen?

Alle befragten Podiumsgäste fühlten sich an dieser Stelle falsch angesprochen. Die Frage nach der Herkunft sei ein Synonym für Ressentiments, erklärte Varatharajah (auf dem Textland Festival 2019). Zur Debatte stand der Dreisprung Erinnern – Identität – Erzählen.

Diskriminierungsfolklore

„Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!“ - „Ich bin in Deutschland geboren. Mir reicht das, um von hier zu sein“, erklärt Ferda Ataman in ihrem Aufruf zur Abkehr von jedwedem völkischen Unfug.

Anderen reicht das nicht. Manche hätten am liebsten das Segregationsinstrument eines zeitgenössischen arischen Ahnennachweises, um die Unterscheidung zwischen „echten“ Deutschen und „Passdeutschen“ amtlich erscheinen zu lassen.   

Festgestellt wurde: „Wir waren schon mal weiter.“

Die Migrationsdebatte im Geist der Seehofer-Restauration zeigt: „Wir haben ein Wahrnehmungsproblem“. Die Mehrheitsgesellschaft wähnt sich in der Kommandozentrale des Tankers Deutschland und glaubt entscheiden zu können, wer an Bord kommt und was weiter geschieht.

Dabei sind Migranten längst Teil des deutschen Plural. Die Vorstellung von einer weißen Aufnahmegesellschaft mit effektiven Zugangsregelungen, „ist eine deutsche Lebenslüge“. Wie viele Deutsche, die ausländisch gelesen werden, wollen etwa Karosh Taha und Zoe Hagen zurückgebliebene Autochthone nicht ständig aufklären müssen. Merkmale ethnischer Differenz provozieren viel zu oft noch eine Überlegenheitsgewissheit. Viele meinen, religiöse und politische Glaubenssätze abfragen zu dürfen.

„Wie halten Sie es mit Erdoğan?“

„Verachten Sie unsere Schweine?“

„Wie stehen sie zur Kurdenfrage?“

Die irakische Kurdin Karosh Taha will so wenig wie die Deutschnigerianerin Zoe Hagen sich von Diskriminierungsfolklore objektivieren lassen. Die Ursachen für die dramatische Ungleichzeitigkeit zwischen den Tatsachen der Einwanderung und ihrer Rezeption vermuten beide Autorinnen im Basislager unserer Gesellschaft. Wir haben ein Demokratie-, kein Migrationsproblem.

„Migration hat sich zur dominanten Chiffre für die Frage Europas nach seiner demokratischen Verfasstheit entwickelt. Die Migrationsfrage ist … zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden.“ 

In der postmigrantischen Gesellschaft lässt sich „die alte Trennschärfe“ zwischen Eigen und Fremd (zwischen „Etablierten und Außenseitern“ Norbert Elias) nicht mehr herstellen. Das führt einerseits zu einer neuen Normalität im Zuge der Erweiterung hybrid-diverser Konstellationen und andererseits zu einem „Anstieg rassifizierender Denkmuster“. (Naika Foroutan).

Krisenloser Riss

Wir leben in Zeiten starker Bekenntnisse und Bündnisfreudigkeit. Sehen Sie sich auch als eine von #DieVielen aka #unteilbar im zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Rechts?

Alle sahen sich im Widerstand als gesellschaftliche Wesen. Als Schriftsteller*innen individualisierten sie sich aber im Widerstand gegen jede Vereinnahmung. In zwei Fällen ging durch den doppelten Widerstand krisenlos ein Riss. Die Zuschreibungsfreiheit deckte einen Widerspruch auf, den sie provoziert hatte. Zwar sah man sich als politische(r) Schriftsteller*in. Gleichzeitig fühlte man sich von einschlägigen Verpflichtungen entbunden.

Das migrantische Wir

Eingedenk Heiner Müllers „Der Kommunardentraum vom Ich zum Wir“ fragte ich: Gibt es eine Identitätslinie vom Ich zum Wir? Schafft Migration ein Wir?

Das glaubte kein(e) Befragte(r).  

Woher kommt der linke Antisemitismus?

Doron Rabinovici fragte ich: Woher kommt der linke Antisemitismus?

Der linke Antisemitismus sei älter als der Zionismus, entgegnete Rabinovici. In marxistischen Kategorien sind die Juden- und Frauenfragen revolutionshemmende Nebenwidersprüche. Darauf muss man erst einmal kommen.

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