MenuMENU

zurück zu Main Labor

20.09.2019, Jamal Tuschick

Kristin Rübesamen erzählt in ihrem Roman „Außer Atem“ von einer Großmeisterin der Gelassenheit auf den Saumpfaden mütterlicher Beunruhigung.

Fuck Buddha

Eingebetteter Medieninhalt

Soziale Schnappatmung

Homer trägt einen Pleitegeier auf der Schulter. Das hält den Ex von Inga nicht davon ab, pompös in Erscheinung zu treten. Er bramabrasiert aus schierer Not. Seine soziale Atmung wird nicht zuletzt von einer barocken Peinlichkeit blockiert. Homers aktuelle Schwiegereltern sind kaum älter als der Schwiegersohn. Wer je auf Hochzeiten war, die solchen Horrorkonstellationen und Albtraumszenarien vorausgehen und ein Gedächtnis für gemeine Artigkeiten hat, dem reicht die Skizze, die Kristin Rübesamen dem Leser vorsetzt, um einen ganzen Roman vor sich zu haben.

Kristin Rübesamen, Außer Atem, Roman, Blumenbar, 236 Seiten, 20,-

Der ikonografische Jean-Seberg/Belmondo-Titel kontrastiert eine süffisant heruntererzählte Geschichte. Darin kommt kein Mensch vor, der an Jean S. oder Jean-Paul B. erinnert. Inga unterhält zu dem Erfinder Jack, dessen Beweglichkeit sie mit Yogalektionen verbessert, eine zeitgenössische Variante des Bratkartoffelverhältnisses.

Flexibel ist Inga in jeder Hinsicht. Es bleibt ihr nichts anderes übrig. Sie putzt bei ihrer Chefin Danielle, die ihr Yogabusiness mit Impertinenz auf die Spitze getrieben hat. Einem (die Kommerzialisierungsemissionen der spirituellen Gymnastik herunterfahrenden) Ironisierungsbefehl gehorchend, steht Fuck Buddha auf dem Gelenk über der Hand, die mit Kreditkarten winkt.

Ihrer hocheffektiven Ausstrahlung (und kriminellen Energie) zum Trotz ist Danielle depressiv und alkoholkrank.

Rübesamen schildert Ingas Ohnmacht spiegelbildlich. Danielles Erfolg spiegelt Ingas Glanzlosigkeit, so wie Jacks sexueller Zugriff Ingas Verfügbarkeit spiegelt. Beide Frauen bewegen sich an Grenzen zur und in Grauzonen der Hochstapelei. Während sich die naturheilkundlichen Expertinnen mit Tabletten (und in Danielles Fall mit teuren Kuren) in Gang halten, suggerieren sie der Kundschaft, den Aktivismus der Selbstheilungskräfte turbomäßig mobilisieren zu können.

Das ist alles so interessant und gut geschrieben, dass ich kaum die Kurve der - von Ingas Tochter Almas Abgängigkeit beschleunigten - Handlung kriege.

Kristin Rübesamen als Yogalehrerin:

Eine kommt zum Yoga, so oft es geht, die andere geht lieber spazieren. Wichtiger wäre mir, wenn sie etwas Wesentliches begriffen haben: dass man es durchaus selbst in der Hand hat, in welcher Verfassung man durchs Leben geht. Dass man an schlechten Tagen das Ruder herumreißen kann, dass innere Ruhe wichtiger ist als Instagram und dass Bewegung fast alles besser macht. Nicht nur quantitativ im Sinne von mehr Flexibilität, mehr Bauchmuskeln, besserer Stoffwechsel, sondern qualitativ. Fragen beantworten zu können wie: Was ist wichtig, wie sind meine Prioritäten, weiß ich eigentlich, was los ist mit mir? Will ich etwas ändern? Wie ist meine Beziehung zu meiner Umwelt?

Genau wie Rübesamen selbst, bin ich sofort wieder beim schizophrenen Alltag der von einer Einnahmequelle zur nächsten tingelnden, leicht erbitterten, brillant beobachtenden, halbilluminierten Romanheldin.

Anspruchsvolle sprechen von dem Yoga. Der Yoga steht vor dem Ausverkauf, den die Besten besonders dynamisch betreiben.

Inga

Alles funktioniert noch, tut aber schon oder trotzdem weh; je nachdem, wie viel Defätismus sich die Fünfundvierzigjähre in der selbstbetrachtenden Wahrheitsfindung erlaubt. In Danielles Abwesenheit (die Chefin sucht ihre Form in einer Londoner Detoxklinik) avanciert sie zur Gastgeberin eines Stars ihrer Branche. John Best, süchtig nach Sex und Cannabis und trotzdem bei Nike unter Vertrag, verkörpert den Erleuchteten im Jetlag-Taumel. Seine Bastmatte ist ein fliegender Teppich. Die Überfliegerei endet in Berlin. Johns Tod im Hotel befördert Inga stellvertretend an die Spitze von Danielles Retreat.

Inga kocht nun die Reichen ab, die sonst von Danielle persönlich betreut werden. Sie sucht Alma und kommt sich unterwegs selbst abhanden.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen