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21.09.2019, Jamal Tuschick

William Saroyan spielt den Rock’n’Roll des amerikanischen Optimismus so hoch schwingend wie auf den Kanten einer Schiffsschaukel, die sich gleich überschlägt.

Amerikanischer Rigorismus

Eingebetteter Medieninhalt

But he could play a guitar just like a-ringin‘ a bell. Chuck Berry

Es ist der Ton. Der Ton einer nicht besonders großen, gewiss nicht perfekt gegossenen Glocke. Der Ton einer großen Verheißung gleichwohl. Ein verheißungsvoller Glockenton in einem knapp übermannshohen Holzturm der Freiheit. Man hat zwar kein Geld und rührt fürs Abendessen zusammen, was die eiserne Reserve in Tateinheit mit Mundraub hergibt, aber das rezeptfreie Resultat ist verdammt noch mal ein echtes Schriftstelleressen für Mondfahrer.

William Saroyan, „Tja, Papa“, aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. DTV, 191 Seiten, 18,-

Oder so.

William Saroyan spielt den Rock’n’Roll des amerikanischen Optimismus so hoch schwingend wie auf den Kanten einer Schiffsschaukel, die sich gleich überschlägt.

Selbstermächtigung ist im amerikanischen Kontext eine konservative Kategorie. Go and get heißt die Devise. Eine fatalistische Übersetzung lautet Friss Vogel oder stirb, aber so ist das nicht gemeint. Wenn der Vater des Erzählers seinen Sohn Pete hier und da allein und mitunter sogar auflaufen lässt, ist das nicht nur Erziehung zur zähen Selbständigkeit – zur Selbstbehauptung unter widrigen Umständen. Es ist auch Egoismus, stolzer Egoismus, um genau zu sein. Der Vater, ein Schriftsteller mit wenig Geld und vielen Hoffnungen, im Handlungsjetzt mit der Niederschrift eines Kochbuchs befasst, fördert die Eigenliebe eines Halbwüchsigen, der gerade lernt, sich in der Welt zurechtzufinden.

Vater und Sohn isolieren sich in einem Haus am Strand von Malibu. Der Vater legt Wert auf die Feststellung, dass es sich bei dem Strandhaus um sein Haus handelt. Er weckt in dem Jungen den Wunsch, sich bei der ersten Gelegenheit ein eigenes Haus zuzulegen. Er untergräbt jede Hoffnung, etwas von Wert könne einem in den Schoss fallen.

Ich habe diesen amerikanischen Rigorismus bei Saroyan früher überlesen. Ich fand die Prosa überdreht, hochgejubelt in der Manier von Henry Miller und John Fante.

Mich stören die naiven Eruptionen in dem 1957 erstmals erschienenen Roman nicht mehr. Pete will zum Mond, um etwas als Erster zu vollbringen. Auf dem Weg dahin fährt sein Vater mit ihm nach Half Moon Bay. Der Fahrer gibt sich Mühe mit einem magischen Fluidum, in dem realistische und lebenspraktische Erklärungen wie Lichteinfälle prismatisch effektiv wirken. Er paart jede echte Orientierungshilfe und Butterbrotlektion mit surrealen Subversionen. Phantasie als Aufstrich.  

In diesem irisierenden Grundzug fährt kurz ein altruistischer Bäcker mit, der seinem Beruf eine philosophische Dimension abgewinnt. Er bewirtet Vater und Sohn in einem biblischen Arrangement. Der Vater tut so, als habe er die Szene bestellt.

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