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22.09.2019, Jamal Tuschick

Heute entscheidet die Validität beim Codeswitching über den Distinktionsgrad der Akteure. Auf dem Textland Festival 2019 in der Frankfurter Evangelischen Akademie war die Rede von Profiten aus Mehrfachzugehörigkeiten. Sie werden eingefahren von Leuten, die selbst nie irgendwo eingewandert sind.

Mehrfachzugehörigkeiten

„Beides geht zusammen, individuelle und kollektive Identität schließen einander nicht aus.“ Das behauptet Jan Plamper in seinem Buch “Das neue Wir – warum Migration dazugehört. Eine andere Geschichte der Deutschen”.

In einer euphorischen Schreibweise und Lesart „oszillieren“ die Plusdeutschen „zwischen Kulturen“.

„Aus dem Dazwischen werden Identitäten geformt.“

Ich weiß nicht mehr, wer das sagte auf dem Textland Festival 2019 in der Frankfurter Evangelischen Akademie. Die Rede war von Profiten aus Mehrfachzugehörigkeiten. Sie werden eingefahren von Leuten, die selbst nie irgendwo eingewandert sind. Sie haben zwar einen Migrationshintergrund, aber keine Migrationserfahrungen im Spektrum der Entwurzelung; dem rentabelsten Sujet der nun auch überholten Migrantenliteratur.

In der postmigrantischen Gesellschaft stiftet die Migration viele Interaktionszusammenhänge. Man unterscheidet diskursive, kognitive, emotionale und affektive Kontaktpunkte und Reibungsflächen zwischen ethnisch-nichtdiversen Mehrheitsgesellschaftern und Minoritätsprotagonist*innen. Die dritte Einwanderungsgeneration entwickelt kein kritisches Bewusstsein (und auch keine nennenswerte unbewusste Abwehr mehr) im Verhältnis zu den Hybridisierungen, deren Mentoren sie hervorbringt. Ihr ist eine Dynamik selbstverständlich, die in der Gastarbeiter*innen-Ära unvorhersehbar war und in jeder Darstellung wie Science-Fiction vom Mars gewirkt hätte. Heute entscheidet die Validität beim Codeswitching über den Distinktionsgrad der Akteure.

Die kulturelle Wurzel als identitäre Blockwärterin der Persönlichkeit

Doron Rabinovici ordnete den von mir hochgestochenen Vorgang historisch unter die Banalitäten:

„Mehrsprachigkeit war (in vielen unverwandten Zusammenhängen) immer schon an der Tagesordnung.“

Für Rabinovici war „ein Leben zwischen den Sprachen“ das Alleralltäglichste. Er wüsste nicht zu sagen, was die Muttersprache seiner in Frankreich geborenen, da jedoch sprachlich nicht sozialisierten Mutter gewesen sei.

„Das Nebeneinander mehrerer Kulturen ist die historische Regel.“ Doron Rabinovici

Rabinovici brachte das Binsenschiff von den wurzelnden Bäumen im Gegensatz zum wandelnden Menschen auf. Die kulturelle Wurzel als identitäre Blockwärterin der Persönlichkeit lässt sich als eine Figur aus dem rechtspopulistischen Mummenschanz identifizieren.     

Bäume haben Wurzeln, Menschen haben Beine.

Immer schon waren räumliche Veränderung Trigger und Treiber dessen, was den Menschen konstituiert: seine (ihn fördernde) Bereitschaft zur Anpassung an widrige Bedingungen. Wo die Bedingungen zu gut sind, gedeiht der Wein und verkommt der Winzer.

Trotzdem behaupten sich Perspektiven einer kritischen Betrachtung von Mehrfachzugehörigkeiten. Wenn ich Cornelia Koppetschs Analyse „Die Gesellschaft des Zorns“ durch habe, weiß ich vielleicht mehr zu berichten über eine Resterampe des Ressentiments.

In der Akademie zur Debatte stand der Dreisprung Erinnern – Identität – Erzählen.

Senthuran Varatharajah begreift „Erinnerung als revolutionären Akt“. Varatharajah akupunktiert poetisch Punkte, „wo die Erinnerung anfängt zu stören“.

Verena Boos fragte sich, „wie man die Erinnerung davor bewahren kann, verwischt zu werden“. Sie ist publizistisch einer im Selbstmord mündenden letzten Fluchtbewegung nachgegangen. „Nachgehen“, sagte sie, „das benennt in jedem Fall mindestens einen körperlichen und einen geistigen Ablauf.“

Boss: „Erinnerung funktioniert nach ihren eigenen Regeln.“

Alle Autor*innen maßen der Erinnerung die größte Bedeutung bei. Zugleich war Identität der strittigste Begriff. Für Varatharajah stand/steht er „außerhalb jeder Relevanz“.  Der ungemein beschlagene, auch theologisch-gebildet vortragende Autor bezeichnete Identität als Vehikel des Ressentiments. Nur noch Rassisten könnten damit etwas anfangen, einen umfassenden Begriff vom Wesen des Begriffs vorausgesetzt. Andere Hochsitzende gingen lässiger vor und ernteten eine größere Materialität in ihrer Brauchbarkeitssphäre. 

Senthuran verweigerte mancher Geläufigkeit die Gefolgschaft. An der Erinnerung reizte ihn vor allem die jüngere Schwester Verdrängung. Ihr sei er besonders dankbar. Dem Publikum führte er anschaulich vor Augen, wie furchtbar es wäre: könnten wir nicht verdrängen. Er deutet an, wie wenig wir erinnern.

„Erinnerung ist ein Modus der Fiktion.“

„Die Fiktion, die ich bin.“ Senthuran Varatharajah.

Varatharajah widersprach Roger Willemsen, der uns alle einmal als „Sachverständige der Sprache“ bezeichnet haben soll. (Das Zitat lässt sich nicht googeln.) Rabinovici widersprach dem Furor der Fiktion. Er fasst Personen und Erinnerungen handfester auf. In diesem Konzept gibt es wirkliche Erinnerungen. So gestrickt, bleibt Rabinovici mit seinen Einschätzungen geschickt auf dem Teppich.  Folglich ist der rechtspopulistische Unmut „das Dispositiv einer politischen Auseinandersetzung“, in der sich viele nicht repräsentiert fühlen. Das berührt das Thema: Mehrheiten, die sich wie Minderheiten erleben und deshalb Protestformen der Unterrepräsentierten wählen, anstatt sich in Parlamenten zu engagieren.

Die rechtspopulistische Regression, so Rabinovici, reagiert darauf, „dass die Nationalstaaten nicht mehr funktionieren.“

Zoologisches Interesse

Ich trage etwas nach, einen Moment in der Gegenwart des letzten Wochenendes. Varatharajah behauptet, man würde ihn (so wie andere postmigrantische Autor*innen) mit „zoologischem Interesse“ lesen. Er zieht das Publikum zum Beweis heran. Offensichtlich ist die Übermacht der Anderen, die sich etwas schuldig bleiben müssten, würden sie keine akademische Form des Othering wählen.

Ich will das nicht vertiefen. Obwohl es mich trifft, so spät und auch nur mit Hilfe gewisse Dinge zu begreifen, die mein ganzes Leben eine Rolle gespielt haben.

Varatharajah bezieht sich auf Hegel. Varatharajahs Leib- und Magenphilosoph verdankt sich ein metajuristischer Rückhalt, der Sklavenhalter auf eine irre Weise berechtigte. Kompensationen (nach einem Verbot der Sklaverei entreicherter) Ex-Eigentümer folgten einem Rechtlichkeitsbegriff, der sich bis heute aus unserem Verständnis nicht verabschiedet hat. Nach Hegel übersteigt das „Dasein des freien Willens“ juristisches Recht. Es erfasst sämtliche Freiheitsgrade. Folglich ist ein Mensch außerhalb des Rechts als lediglich wollendes Subjekt „nicht berechtigt“. Seine Ansprüche stecken in utopischen Floskeln. Zu den Infamien der Welt zählt, dass weiße Gesellschaften den Standpunkt einer systematischen Entrechtung einnehmen können, ohne offensiv rassistisch zu wirken.

Hegel billigte Afrikanern keinen Subjektstatus zu. Er nahm sie aus der Geschichte und unterstellte sie weißen Deutern und Gestaltern zur beliebigen Verfügung.

Hegel über Afrika: „Kein geschichtlicher Weltteil … keine Bewegung und Entwicklung“.

Klar, sei Hegel Rassist gewesen, kontert Varatharajah. „Aber ohne Hegel kein Frantz Fanon und nie eine antikoloniale Befreiungsbewegung. Alle haben sich bei Hegel bedient.“  

Varatharajah, der deutsch aus der Bibel gelernt hat und deshalb den Christengott zuerst für einen Deutschen hielt, geht weiter mit Hegel vor: Keine Erbaulichkeit. Keine Mystifikation. Nichts dergleichen sei einem Schriftsteller erlaubt. Ich versuche meinen vor vierzig Jahren, lange schon ersatzlos gestrichenen, einst in der Verkopplung von Identität & Erzählen erst gewonnenen und dann geschärften Standpunkt wenigstens ansatzweise plausibel erscheinen zu lassen.

Varatharajah sagt fast tröstend dem Sinn nach: Wenn die Ansichten der Alten zu Kindereien abgesunken sein werden.  

„Von wem ist das?“ frage ich erlöst.

„Von Hegel.“

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