MenuMENU

zurück zu Main Labor

23.09.2019, Jamal Tuschick

An seinen Publikationen erkennt er, was ihn beschäftigt. Viel verdankt er einer anachronistischen beruflichen Nähe zu Heiner Müller und Einar Schleef. Von Müller lernte er: „Die Literatur muss dem Theater Widerstand leisten.“ Nun unterhielt sich Frank Raddatz mit Maxi Obexer, Simon Strauß und Thomas Oberender über den Zustand des Theaters in der Berliner Republik

Die Performanz der Betonsäule

Simon Strauß, Maxi Obexer, Frank Raddatz

Frank Raddatz, Thomas Oberender

Simon Strauß

Ein Vorplatz des Internationalen Literaturfestivals

Heute Abend obliegt Raddatz die Gesprächsleitung auf einer Bühne des Internationalen Literaturfestivals. Eben habe ich Ocean Vuong gesehen, den Festivalsuperstar. Vuong rauschte mit seiner Entourage so genderfluid an mir vorbei, dass es mir nicht schwerfiel einzusehen, dass ich tot bin. Ich war einmal und bin jetzt nur noch gewesen, aber immer noch fit. Vermutlich werde ich hundertzehn. Dann werde ich länger gewesen sein als ich einst einer Gegenwart Beispiele fürs Zeitgenössische zu liefern den selbstwirksamen Trotz besaß.

Auch Frank Raddatz füllt seine Rolle wie das Mammut kurz vor einem Megafauna Massenexodus aus. Er tritt mit der These vom wachsenden Abstand an. Abstoß von der Mittellinie:

„Literatur und Bühne entfernen sich immer mehr voneinander.“

Gelegenheit, darauf zu reagieren, haben Maxi Obexer, Simon Strauß - und Thomas Oberender. Der Leiter der Berliner Festspiele feixt in Richtung Strauß, der sich als Romane schreibender Theaterkritiker äußert. Strauß ist eine rare Erscheinung. Er kann sich auf den Magistralen eines monotonen Haltungsjournalismus ohne den Gratismut des ständigen Bekenntnisses frei bewegen. Sein Vater hat der alten Republik den Puls gemessen. Der alte Strauß stellte die Betriebstemperatur der Toskana-Fraktion fest. Er fand flotte Formulierungen für den 1980er-Terracotta-Hedonismus. Mein Lieblingssatz von Botho Strauß:

„Das Schlechte ist gleich gut verteilt.“

Maxi Obexer erzählt, wie die performativen Theorien das Theater als Gegensprechanlage im Stil einer Quallenpest abzudecken begannen. Damals, also kurz vor dem Impakt von Yucatán, hätte man über „die Performativität der Betonsäule“ promovieren können, ohne Widerstände in den Bewertungsinstanzen auszulösen.

Darum geht es: der dramatische Text sei, so Raddatz, „ins Abwegige geraten“. Gleichzeitig ließe sich „ein Boom von Theaterstücken“ nicht ignorieren.

Obexer elegisch: „Die Dramatik wurde im Kugelhagel der Ideologien zerschossen.“

Vielleicht, weil Raddatz gleich zu Anfang müllerte, erhöht Strauß mit einer Müller/Hacks-Schote den Einsatz. Die Entfremdungsscharmützel zwischen Theater und Literatur sind intendiert. Müller wollte mal sämtliche Gänge im dramatischen Labyrinth mit Jauche fluten oder sonst wie dicht machen und unzugänglich halten.

„Wir müssen die Dramatik schänden.“

Hacks entgegnete: „Was willst du schänden, wenn nichts da ist.“

Yes. Manchmal verschweigen meine Notizen den Urheber eines festgehaltenen Satzes. Ich weiß nicht, was mir da unterläuft. Ich weiß nicht mehr, wer gesagt hat:

„Das Theater ist das Gegenteil einer rückwärtsgewandten Anstalt.

Die (dramatischen) Texte haben eine Sehnsucht nach Fragen.

Theatralische Hochhausbegehungen

Oberender offenbart eine Liebe zu „dramatischen Texten, da sie in der pursten Form Handlung beschreiben“.

„Betrachte ich Schauspieler bei einer Probe, verstehe ich Stücke wie ich sie beim Lesen nicht verstehe.“

Mit dieser Erklärung verwahrt sich Oberender gegen eine Wahrnehmung seiner Person als Förderer theatralischer Hochhausbegehungen sowie als Abräumer des textbasierten Repertoiretheaters.

Erst jetzt verstehe ich, welcher Zopf gerade abgeschnitten wird. Das linear von der Literatur ins Ereignis gehende Interpretationstheater sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, der Autorität des Textes beziehungsweise des Autors keinen zivilgesellschaftlichen Riegel gegen Rechts vorzuschieben.

Oberender erklärt: „Dem rituellen Muster entspricht, dass Einer zu Vielen spricht.“

Breite Gegenwart

Das war gestern. Im waltenden Jetzt macht man die Reaktionen auf den Text flüssig und postuliert eine kollektive Autorenschaft. Das ist der Übergang vom Text zum Skript. In der ge-skripten Realität wird der Text zum Raum.

Raddatz nennt das vorwurfsvoll eine „Entliterarisierung des Theaters“. Er fragt nach der Bedeutung der Zukunft für das Theater. Ohne Zukunft kein Theater. Brecht hatte eine Zukunft. Wir haben keinen Brecht, sondern, so Raddatz wunderschön, „eine breite Gegenwart“. Die Gegenwart ist so breit, dass sie die Horizontlinie verstellt.

Obexer will „die Vertiefung in den Konflikt hinein“. Dafür soll das Notwendige zur Verfügung stehen. Um einen Raum nicht auskühlen zu lassen, in dem ein „Aushalten des nicht sofort Lösbaren“ möglich ist.

„Das Theater kann eine Komplexität anbieten“, die  jedes andere Kulturinstitut überfordert.

Dazu gleich mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen