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23.09.2019, Jamal Tuschick

Es gibt zahlreiche Gründe, mit seiner Identität zu hadern und seine Wurzeln zu kappen – so viele, wie es Menschen gibt, denn die Gründe können nur komplexer, individueller Natur sein. Damit soll nicht gesagt sein, dass es darum geht, sich kollektiv dem Aufarbeiten zu widmen. Vielmehr geht es darum, die Grenzen der eigenen Urteilsfähigkeit – und die Grenzen des Anderen – anzuerkennen. Wir alle haben unser Bündel des Lebens zu tragen. Und da ich immer wieder mit dieser indirekten und subtilen Forderung konfrontiert werde: Aus der viele Jahrhunderte alten europäischen Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Juden mit ihrer Kulmination in der Shoah erwächst für mich als Jüdin keinerlei Verpflichtung in meinen Einstellungen, Verhaltensweisen oder in meiner Lebensführung fremden Vorstellungen zu genügen. Zeit, sich den lebenden Seelen zu stellen, Deutschland.

Deutschlands heilige Toten - Ein Beitrag von Irina Bondas

Das war ein Friedhof. Das war ein Fußballplatz. Hier wurde Fromet Guggenheim 1812 beerdigt, die Frau des Philosophen Moses Mendelssohn, sowie Samson Heine, der Vater Heinrich Heines. Harry Heine wurde im Geist der von Moses Mendelssohn begründeten jüdischen Aufklärung erzogen. Vier Jahre nachdem Abraham Mendelsohn das Grab seiner Mutter Fromet für nicht würdevoll genug befand und weitere Elemente in Auftrag gab, ließ er seine vier Kinder taufen, darunter auch Felix Mendelssohn Bartholdy, bis auch er selbst und seine Frau 1822 zum Protestantismus übertraten.

In der vergeblichen Hoffnung auf bessere Karriereaussichten ließ sich Heinrich Heine 1825 taufen. Auch Heines Verwandter Karl Marx war getauft, nachdem sein aus einer prominenten Rabbinerfamilie stammender Vater um 1820 zum Christentum konvertiert war, um in Preußen seinen Beruf weiterhin ausüben zu können.1843 schrieb Karl Marx in seinem Aufsatz ZUR JUDENFRAGE: "Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum."

Richard Wagner pflegte Felix Mendelssohn Bartholdy in seiner Leipziger Wohnung zu besuchen. In dem Aufsatz DAS JUDENTUM IN DER MUSIK von 1850 erläuterte er, warum Juden nicht fähig seien, ebenbürtige Kunstwerke zu schaffen. Auch Mendelssohn Bartholdy und Heine widmete er sich in seinen Betrachtungen. Über Ludwig Börne heißt es dort: "Aus seiner Sonderstellung als Jude trat er Erlösung suchend unter uns: er fand sie nicht und mußte sich bewußt werden, daß er sie nur mit auch unsrer Erlösung zu wahrhaften Menschen finden können würde. Gemeinschaftlich mit uns Mensch werden, heißt für den Juden aber zu allernächst so viel als: aufhören, Jude zu sein."

Der Jude hatte sich in die Gesellschaft aus dem Judentum heraus zu emanzipieren, und das schon lange vor Marx. Wie ein Heilsversprechen war Assimilation – gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung oder bestenfalls Gleichstellung also – an die Bedingung geknüpft, das Überlieferte, Weitergegebene, Erhaltene aufzugeben, sich von dem abzuwenden, was einen andersartig machte, sich von dem Persönlichen, einer Zugehörigkeit vor einem Kollektiv der Fremden und Gleichgültigen symbolisch loszusagen. Sowohl die Freie Hansestadt Hamburg als auch die einst zweitgrößte Stadt Dänemarks Altona untersagten den vor der Inquisition geflohenen sephardischen und den aschkenasischen Juden auffällige Synagogenbauten und Religionsausübung in der Öffentlichkeit.

Nach Wagners Aufsatz kam Mendelssohn Bartholdys Musik kaum noch zur Aufführung, bis sie 1933 gänzlich verboten wurde, wie auch die Werke von Heine und zahlloser anderer. Auch Marx konnte sich natürlich nicht rehabilitieren lassen, trotz seiner Gleichsetzung des weltlichen Judentums mit einem Schacherkult, dessen Gott das Geld sei.1939 wurde auf dem Jüdischen Friedhof Altona unter anderem der Grabstein Samson Heines umgeworfen und darüber ein Fußballplatz für die Hitlerjugend ausgelegt. Die Widerherstellung des Friedhofs ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Nazi-Behörden die Grabsteine akribisch erfasst hatten, um jüdische Vorfahren besser ermitteln zu können.

Von welcher jüdisch-christlichen Tradition wird also immer wieder gesprochen? Wenn etwas nie zu Deutschland gehört hat, dann war es das Judentum. Die Performanz eines Rechtspopulisten wird heute performativ von einer breiten Gesellschaftsschicht zum Ausdruck gebracht, ob rechts, links oder Mitte: Die NS-Zeit war ein „Vogelschiss der Geschichte“, ein einmaliger schlimmer Ausrutscher und nicht etwa Jahrhunderte lang gepflegte Ressentiments, die heute in neue Begrifflichkeiten gehüllt, fortbestehen. Zu glauben, dass diese tiefen Ressentiments der überwiegenden Bevölkerung durch Bildung eingeebnet wurden, ist bestenfalls naiv und schlimmstenfalls zynisch.

Der Friedhof ist im Judentum der heiligste Ort. Die Toten kommen nicht in die Hölle oder den Himmel, ihre Seele trennt sich vom Körper und weilt unter den Lebenden, um auf die Ankunft des Messias zu warten. Viele der aschkenasischen Grabsteine ziert der Segensspruch: „Möge seine Seele eingebunden sein im Bündel des Lebens“. Durch Zufall bin ich auf den Jüdischen Friedhof Altona geraten und habe mich einer Führung angeschlossen. Die Gruppe besteht zum Großteil aus Hamburger Familien. Heute werden die toten Juden in Deutschland geachtet, NS-Opfer geradezu glorifiziert, als ließen sich die christlichen Erlösungsvorstellungen daran ausleben. Den Lebenden kommt lange nicht so viel Wohlwollen und Solidarität zu. Nach wie vor gibt es Mechanismen sozialer Anerkennung für Juden, die an Bedingungen geknüpft sind. Je nach Erwartungshaltung können sie variieren.

Es gibt zahlreiche Gründe, mit seiner Identität zu hadern und seine Wurzeln zu kappen – so viele, wie es Menschen gibt, denn die Gründe können nur komplexer, individueller Natur sein. Damit soll nicht gesagt sein, dass es darum geht, sich kollektiv dem Aufarbeiten zu widmen. Vielmehr geht es darum, die Grenzen der eigenen Urteilsfähigkeit – und die Grenzen des Anderen – anzuerkennen. Wir alle haben unser Bündel des Lebens zu tragen. Und da ich immer wieder mit dieser indirekten und subtilen Forderung konfrontiert werde: Aus der viele Jahrhunderte alten europäischen Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Juden mit ihrer Kulmination in der Shoah erwächst für mich als Jüdin keinerlei Verpflichtung in meinen Einstellungen, Verhaltensweisen oder in meiner Lebensführung fremden Vorstellungen zu genügen. Zeit, sich den lebenden Seelen zu stellen, Deutschland.  

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