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24.09.2019, Jamal Tuschick

Im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals unterhielt sich Frank Raddatz mit Maxi Obexer, Simon Strauß und Thomas Oberender über den Zustand des Theaters in der Berliner Republik. Schauplatz des Gesprächs war das „Kulturquartier Silent Green“ im Wedding. Obexer erzählte, wie die performativen Theorien das Theater zu beherrschen begannen. Damals, also kurz vor dem Impakt von Yucatán, hätte man über „die Performanz der Betonsäule“ promovieren können, ohne Widerstände in den Bewertungsinstanzen auszulösen. Darum ging es auf der Bühne: Literarische Dramatik versus theatralische Hochhausbegehungen auf einer vom Schauspieler*innenkollektiv erarbeiteten Textbasis. Zu Erkennen ergab sich ein Drei-zu-eins-Verhältnis. Raddatz, der von Heiner Müller und Einar Schleef initiiert wurde, Obexer und Strauß verteidigten die Kunst gegen das Theater der literaturfernen Macher*innen. Obexer elegisch: „Die Dramatik wurde im Kugelhagel der Ideologien zerschossen.“ Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, repräsentierte die Empowerment-Fraktion, für die Politik eine Kunstform ist.

Das Theater als Forum des komplexen Denkens

Von links: Simon Strauß, Maxi Oxeder, Frank Raddatz, Thomas Oberender

Maxi Obexer sehnt sich nach Transzendenz. Sie will das Theater als „Forum des komplexen Denkens“ erhalten. Sie sieht sich in der Opposition gegen literaturfeindlich-herrschende Ansichten. Sie zählt auf, was Literatur auf dem Theater kann, angefangen bei illuminierten Umwegen und unmittelbarem Zauber.

Simon Strauß nennt Oberenders Standpunkt Theater muss Gesellschaft abbilden und jetzt haben wir eben die antiautoritäre Fluidität auf allen Etagen unterkomplex. Das Aktuelle sei so autoritär wie sein historischer Vorhof. Auch das Grassierende bindet sich an Autoritäten und hängt von einfachen Gefolgschaftsbedürfnissen ab.

Strauß bejaht die Autorität im Meisterschaftskontext und bezweifelt, dass irgendwer dazu in der Lage ist, ohne Autoritäten voranzukommen.

Strauß stellt ferner fest, dass sich keine Kunstform so radikal selbst in Frage stellt wie das Theater. Überall sonst bestünden die Sparten auf ihre Bestandsgarantien. Wo die alten Hierarchien nicht mehr hülfen, baue man neue Hürden und Treppen, die jeden Aufstieg zu einer Herausforderung machen.

Strauß: „Neue Theaterstücke kommen in die Kammer.“

Oberender rückt die Feststellung in ein anderes Licht. Zweifellos gibt es eine Gleichzeitigkeit der literarischen und der theatralischen Produktionen, die das Kammerspiel als Hauptsache erscheinen lässt. Auf den Studiobühnen holen sich die Schnellsten im Begreifen der Gegenwart ab.

Strauß widerspricht indirekt, indem er große Theaterabende anspricht, die in diesem Jahr stattgefunden haben. Er rühmt Transformationen dramatischer Texte.

Oberender erzählt das noch einmal:

„Der Text ist der Anfang. Von da geht alles aus. Das ist enorm komfortabel. Mit einem tollen Stück braucht man nicht mehr als zwei Schauspieler und eine Bühne.“

Oberender weitet den versöhnlichen, das Gespräch harmonisierenden Einstieg aus:

„Heute konstituieren sich Autoritäten anders (als früher). Es gibt neue Praktiken, die machtvoll sind.“

Mich erinnert das an eine Bemerkung von Wolfgang Deichsel. Der größte Fehler sei die Mitbestimmung im Theater gewesen. Man kann Kommunionen der Egalität immer wieder feiern, ihre Ausgänge stehen deshalb nicht weniger fest.

Und das entspricht der Situation auf der Bühne im Augenblick des erfassten Geschehens. Oberender unterlegt den Dissens seiner Theorie von den zwei Produktionsformen. In der horizontalen Variante ist Konsens Trumpf. Die Akteure ermächtigen sich. In der vertikalen Alternative bestimmt die Meisterin.

Simon wendet ein, dass sich diese Theorie auch auf Kindergärten anwenden lässt. Obexer sekundiert: Wie viel einfacher ist es für Schauspieler*innen, wenn die Reflexionen in der Sprache schon gebunden sind, eben so wie in einem dramatischen Text, den eine zum Schreiben Bestimmte hervorgebracht hat.

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