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26.09.2019, Jamal Tuschick

Im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin unterhielt sich der nordnigerianische Anwalt und Autor Elnathan John mit der britisch-nigerianischen Autorin Chibundu Onuzo.

Pidgin-Kompetenz

Chibundu Onuzo

Chibundu Onuzo, Elnathan John

„Er war zu clever und zu verrückt für Lagos.“

Mit dieser Charakterisierung eines Helden in „Welcome to Lagos“, dem zweiten, 2016 erschienenen Roman von Chibundu Onuzo, steigt Elnathan John ins Gespräch ein. Der nordnigerianische Anwalt und Autor befragt die hochdekorierte, auch akademisch brillante britisch-nigerianische Autorin im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Onuzo war die jüngste Debütantin, die je von dem 1929 gegründeten Megapublisher Faber & Faber unter Vertrag genommen wurde. Ihr erster Roman, „The Spider King‘s Daughter“, machte sie in der afro-angelsächsischen Hemisphäre über Nacht zum Star.

Onuzo wundert das nicht. Erfolg erscheint ihr selbstverständlich. Nigerianer*innen neigen dazu, so gibt die Befragte an, was auch immer sie hervorbringen für weltweit wegweisend zu halten, sogar dann, wenn lediglich ein Hühnerbein vom Straßengrill feilgeboten wird. Nehmen Sie Chimamanda Ngozi Adichie. Jeder kennt ihren Titel We Should All Be Feminists. Adichie hält das gleiche Relevanzniveau wie Obama und Beyoncé. Nur eine Nigerianerin kommt auf die Idee, als Schriftstellerin so hoch zu fliegen.

Ich weiß, ich müsste das alles auf dem Schwebebalken des Konjunktivs schwankend feststellen.

Robuste Freundlichkeit

Onuzos Rede begleitet vulkanisches Gelächter. Onuzo amüsiert der eigene Vortrag, doch erschöpft sich darin nicht ihre Unterhaltsamkeit.

Sie bezeichnet sich selbst als lustige Person.

„In Lagos lächelt jeder.“

Das Lächeln gehört zur Fitness. Es beweist Widerstandskraft und zeigt, dass man noch lange nicht auf dem Zahnfleisch gehen. Es herrscht ein Komment der robusten Freundlichkeit.

Onuzo wechselt zwischen ihrer Literaturstimme, mit der sie vorliest und mitunter das reinste Queen’s English höhnisch aufmischt, und dem (Wörter in einem Silbenbrei matschenden) Pidgin, das sie in Lagos aufgeschnappt hat. Sie sei als Autorin förmlich verhaftet und verhört worden von der Pidgin-Polizei. Es gäbe einen Authentizität-Kult, um das wahre Pidgin im Plural der Großstadtreviere. Der Stadtsound sei sehr direkt und aggressiv in der Vereinnahmung von Vielfalt. Ein Schlagwort oder Slogan wehrt elaborierte Alternativen ab.

Onuzo berichtet von Diskussionen mit Verlagsleuten, die ein verifiziertes Pidgin zur Beglaubigung der Asphaltdschungelwahrhaftigkeit erwarteten; während in jedem Publikum immer wieder Leute aufstehen, die etwas Umgangssprachliches besser zu wissen glauben. Onuzo und John vergleichen ihre Pidgin-Kompetenz; das ist nicht nur Spaß. Beide suggerieren, dass die Leute in Lagos im ständigen Wettbewerb stehen. Wie könnte es auch anders sein, an einem Ort extremer Verdichtung. Es herrscht eine If you make it here you can make it anywhere-Mentalität.

Witz ist eine Waffe. Das Schlimmste packt man in einen Witz … man dealt mit Madness und managt den Wahnsinn.

Onuzo erzählt Zusatzgeschichten in den Mikrosektoren von Klangfarben, gestischem Karneval und mimischer Inkohärenz. Ob sie die Stimme hebt, eine wegwerfende Bewegung macht oder dem Oxfordsound ein Argot-Schnippchen schlägt, stets transzendieren die Sekundärmittel einen Subtext ins Semi-Explizite, so dass das Unausgesprochene auf einer dritten Etage rangiert. Onuzo transportiert Zweifel, Kritik und Sendung parallel. Sie sagt: In Nigeria ist die Klassenfrage geldbasiert. Eine andere Distinktion gibt es nicht. Überall bricht sich Armut Bahn.

„Ich wollte den Kontrast zeigen.“

Gemeinsam mit John lotet Onuzo den Mythos von Lagos aus. Zweiundzwanzig Millionen Menschen leben da. Onuzo und John sind sich einig, dass man nicht einfach so in Lagos klarkommt und sich zurechtfindet. Man braucht Zugangsberechtigungen, spezielle Kodenummern und -wörter, die man mit Cleverness erwirbt. Zu clever darf man auch nicht sein (siehe erster Satz). Die Straße kennt kein Verzeihen.

Onuzo beschwört den Charakter des Riesenkraken Lagos.

„Lagos ist alles, was ich mir vorstellen kann.“

Das heißt doch, Lagos übersteigt Onuzos Vorstellungsvermögen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich richtig verstanden habe:

„Lagos ist wie ich. Versuch es.“

Onuzo sagt „Welcome to Lagos“ eine prophetische Kraft nach. Im Roman findet jemand einen Schatz in einem (mit den Farben der Beliebigkeit angemalten) Haus und das passierte bald nach der Veröffentlichung einem Glücklichen in Wirklichkeit.

Nachtrag

Die Zeit macht den Unterschied. Manche Sachen lassen sich flüssig nur in der Gegenwartsform überliefern. Manche schreien nach Vergangenheit. Leute im Bezahljournalismus müssen über solche Unebenheiten hinweggehen. Die erzwungenen Nivellierungen hinterlassen Spuren. Ich kann die Zeit wechseln und den Konjunktiv nach Belieben ein- und aussetzen. So entgehe ich der entkräftigenden Entfremdung.

Onuzo verstand ihr deutsches Publikum zunächst nicht. Sie ging davon aus, dass wir zum Lachen gebracht werden wollten und versuchte deshalb, John zum Counterpart aufzubauen. Sie wollte ihre Entertainment-Qualitäten zeigen und tat dies schließlich auch. Das Entzücken griff machtvoll um sich. (Verführung ist die wahre Gewalt. Schiller)

Onuzo referierte Stationen der Auseinandersetzung mit dem Lektor. Mit Hinweisen auf den europäischen Kenntnisstand habe der erste Leser Vernichtungen des Eigentümlichen verlangt. Onuzo verweigerte solche Verwässerungen mit dem Argument, sie würde selbst oft genug nicht verstehen, wovon in europäischen und amerikanischen Romanen im Besonderen die Rede sei.

Ich habe Onuzo mehr als einmal erlebt und dann auch verstanden, warum sie nachfragt, ob man dieses oder jenes Wort, dass ihr irgendwie entlegen vorkam, kennt. Da fragte sie aus Erfahrung.

John fragte, was ihr lieber sei: der höchste Literaturpreis oder eine Million verkaufter Exemplare von „Welcome to Lagos“. Ohne zu zögern entschied sie sich für die Million.

John exponierte die starke Frauenliteratur in Nigeria.

Onuzo konterte kaum gereizt:

„In Nigeria ist (doch) alles stark.“

Wikipedia weiß:

„Chibundu Onuzo was born in Nigeria in 1991, the youngest of four children of parents who are doctors, and grew up there in Lagos. She moved to England when she was 14 to study at an all-girls‘ school in Winchester, Hampshire, for her GCSEs, and at the age of 17 began writing her first novel, which was signed two years later by Faber and Faber and was published when she was 21. She was the youngest female writer ever taken on by the publisher. Reviewing her second book, Welcome to Lagos (2016), Helon Habila wrote in The Guardian: Onuzo’s portrayal of human character is often too optimistic, her view of politics and society too charitable; but her ability to bring her characters to life, including the city of Lagos, perhaps the best-painted character of all, is impressive.“

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